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Interview: Tim Stracke, CEO von Chrono24, prognostiziert eine Beschleunigung des Online-Verkaufs

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Tim Stracke, CEO von Chrono24, geht davon aus, dass die Corona-Pandemie den Prozess beschleunigen wird, bei dem Online-Player den traditionellen Einzelhandel ersetzen werden.

In einer Zeit, in der die meisten Luxusuhrengeschäfte weltweit geschlossen sind, suchen und kaufen Verbraucher online ein. Dieses veränderte Konsumverhalten könnte nach der Krise anhalten, so Stracke. Grundlage dieser Annahme ist ein riesige Datensammlung von Chrono24 über das Surfverhalten, Transaktionen, Listings und Preise. Diese offenbart auf der einen Seite, dass die Aktivitäten deutlich zurückgehen, wenn die Bevölkerung eines Landes mit stiegenden Infektionsfällen und staatlichen Einschränkungen konfrontiert wird. Auf der anderen Seite zeigt sie aber auch, dass die Aktivitäten wieder zunehmen, sobald sich die Situation wieder entspannt.

Im Gespräch mit WatchPro UK erläutert Stracke seine Schlussfolgerungen.

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Klicken Sie hier, um den vollständigen Chrono24-Bericht herunterzuladen.

WatchPro: Können wir mit einem kurzen Update darüber beginnen, wie das Geschäft von Chrono24 sowohl im vergangenen Jahr als auch in den letzten Wochen seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie verlaufen ist?

Tim Stracke: Bis vor einigen Wochen haben sich kaum Veränderungen ergeben, und wir verzeichneten einen jährlichen Anstieg des Transaktionswerts von Uhren, die über Chrono24 verkauft wurden, in Höhe von 30 Prozent, der bis in dieses Jahr hinein andauerte. Als die Krise dann im Alltag der Menschen angekommen war, waren die meisten erst einmal mit anderen Dingen beschäftigt, als dem Kauf einer Luxusuhr. Sie haben sich um ihre Angehörigen und Freunde gekümmert, und das ist auch gut so.

Die Anzahl der auf Chrono24 gelisteten Produkte ist ziemlich stabil. Wenn wir uns den den Luxus-Markt ansehen, dann hören wir, dass die Verkäufe der Einzelhändler um 80 bis 100 Prozent zurückgegangen sind, was eine katastrophale Entwicklung ist. Das erleben wir in dem Ausmaß nicht. Wir verzeichnen einen Rückgang von 15 bis 20 Prozent. Damit sind wir bei einem Transaktionswert der dem von November 2019 entspricht. Außerdem sehen in bestimmten Märkten wie Italien und Spanien bereits eine recht schnelle Erholung. In Ländern wie Hongkong, in denen das Virus besser unter Kontrolle ist als in anderen Teilen der Welt, ist ebenfalls eine Erholung zu verzeichnen. Hongkong ist zum Beispiel wieder auf dem Niveau von vor vier Wochen zurückgekehrt. Möglicherweise sind die Menschen in Hongkong aber auch aufgrund ihrer Erfahrungen während der Proteste in den letzten Monaten unerschütterlicher im Umgang mit Krise.

WatchPro: Wie unterscheiden sich die Verhaltensmuster im Umgang mit der Corona-Krise von Land zu Land?

Tim Stracke: Wir sehen überall in den ersten fünf bis sieben Tagen starke Rückgänge. Wir lesen die Daten so, dass die Leute in der ersten Woche sehr besorgt sind und wahrscheinlich an Freunde und Familie denken. Ich bin mir sicher, dass sie auch erst ihr Aktienportfolio überprüfen, bevor sie in ihr Uhrenportfolio schauen. Der Rückgang lag bei uns uns zu Beginn im Schnitt bei minus 20 Prozent. Nach zehn bis zwölf Tagen sehen wir dann in den meisten Ländern erste Anzeichen einer Erholung. Deutschland ist fast wieder auf dem Niveau vor Corona, auch in den USA sehen wir erste Anzeichen einer Erholung. Aber die Muster sind in jedem Land unterschiedlich. Großbritannien zum Beispiel hat sich nicht so schnell erholt. Wenn wir uns die Daten etwas genauer anschauen, sehen wir, dass die Anfragen nach Uhren mit Preisen zwischen null und 10.000 Euro stärker betroffen sind als nach Uhren in höheren Preissegmenten. Der Markt für schwer zu beschaffende Uhren von 10.000 bis 20.000 Euro erholt sich bereits. Vielleicht hoffen die Leute, dass sie endlich die Gelegenheit haben, eine der Einhorn-Uhren in die Hände zu bekommen.

WatchPro: Es gibt große Bedenken, dass der Grau-Markt wieder florieren könnte, da Einzelhändler versuchen, ihre Lagerbestände mit Rabatt abzubauen, wenn keine Kunden in ihre Geschäfte kommen. Sehen Sie gerade einen Aufschwung bei den Einzelhändlern, die Dumping betreiben?

Tim Stracke: Bisher sehen wir nicht, dass die Märkte mit solchen Angeboten überschwemmt werden. Wir verzeichnen sogar eine Reduzierung der gelisteten neuen Uhren um fünf Prozent. Aber es ist noch zu früh, um dies genau zu sagen, denn viele Produktionsstätten sind derzeit ja sogar geschlossen.

Wenn wir uns die Regionen ansehen, betrachten wir sie von der Verkaufsseite und der Kaufseite. In Italien beispielsweise sind die Einkäufe um 20 Prozent zurückgegangen, bevor sie sich zu erholen begannen. Wenn wir uns italienische Verkäufer ansehen, was eine andere Situation ist, da 70 Prozent unserer Verkäufe grenzüberschreitend sind, sind sie stärker rückläufig, aber wir sehen hier auch erste Anzeichen einer Erholung.

In einigen Ländern haben wir von einer kleinen Anzahl von Händlern gehört, die mit Transport- und Logistikproblemen zu kämpfen haben. Einige Kuriere akzeptierten aus Sicherheitsgründen keine Unterschriften für die Haustür-Zustellung mehr, was sich auf den Versicherungsschutz dieser Pakete auswirkt und es zu riskant macht, hochwertige Artikel wie Uhren zu versenden. In einer begrenzten Anzahl von Fällen ist dies ein Problem, aber unser Kundendienstteam unterstützt hier, um Händler und Käufer zufrieden zu stellen. Aus globaler Sicht scheinen Lieferungen davon nicht betroffen zu sein. Wenn wir uns unsere überfälligen Versandraten ansehen, sehen wir keine nachteiligen Auswirkungen.

„Wenn unsere Daten dazu beitragen können, klügere Entscheidungen zu treffen, geben wir sie gerne weiter.“

WatchPro: Was sagen Ihre Daten über das Geschehen auf dem Markt mit neuen Uhren aus?

Tim Stracke: Wir haben wahrscheinlich weit mehr aktuelle Daten über die Uhrenindustrie als jeder andere. Wir sehen Kaufwünsche von Millionen von Nutzern weltweit, wir sehen Kaufverhalten und Verkaufsverhalten, wir sehen die Anzahl der Angebote, wir sehen jeden Monat viele Zehntausende von Transaktionen, einschließlich des endgültigen Preises, der bei jedem Verkauf ausgehandelt wird. Durch unsere Uhrensammlungsfunktion wissen wir sogar, welche Uhren die Leute zu Hause in den Schubladen haben. Ja, wir haben viele Daten und ein superschlaues Data-Science-Team, das diesen Daten auch Bedeutung zuweisen kann. In einer Situation wie heute sind wir offen dafür, diese Daten an alle weiterzugeben, die sie zur Verbesserung ihrer eigenen Strategien verwenden können. Wir alle möchten, dass sich diese Branche so schnell wie möglich erholt. Wenn unsere Daten dazu beitragen können, klügere Entscheidungen zu treffen, geben wir sie gerne weiter.

„Einige Marken verwenden unsere Daten bereits, um ihre Entscheidungsfindung zu verbessern.“

WatchPro: Wenn ich Sie auf die Probe stellen würde, wenn ich Sie nach dem weltweiten Geschäft mit Rolex-Uhren fragen würde, was könnten Sie mir über den Primärmarkt sagen? Wir glauben, dass Rolex jährlich rund eine Million Uhren herstellt. Könnten Sie anhand Ihrer Daten sagen, wo die Nachfrage stark ist, wo sie schwach ist, welche Artikel Wartelisten generieren und welche sich langsam verkaufen, was die typische Lagerumdrehung für einzelne Modelle ist? Hätten Sie genügend Daten und Analysen, um einige oder alle dieser Fragen zu beantworten?

Tim Stracke: Wir haben 20 Millionen Besuche pro Monat auf unseren Plattformen, rund zehn Millionen Unique User. Wir generieren eine sechsstellige Anzahl von Kaufanfragen in einem einzelnen Monat. Und jeden Monat werden mit Chrono24 mehr als 20.000 Uhren gekauft. Uhren und Transaktionen werden anhand ihrer Referenz-ID verfolgt. Wir kennen also nicht nur den Anteil der Rolex Daytona pro Land, sondern auch den Anteil anhand verschiedener Referenzen der Daytona oder im Vergleich mit einer anderen Uhr wie einer Nautilus oder einer Royal Oak. Dies sind sehr interessante Daten, die für die Uhrenindustrie sehr wichtig sind. Einige Marken verwenden unsere Daten bereits, um ihre Entscheidungsfindung zu verbessern. Zu wissen, dass Kunden in einem bestimmten Gebiet ein bestimmtes Material mehr mögen als in einem anderen Gebiet, ist eine wichtige Information für die richtige Verteilung.

WatchPro: Was wissen Sie über die Käufer?

Tim Stracke: Der Kauf einer Uhr ist keine Click-and-Buy-Übung. Es ist oft eine Reise von vielen Monaten oder sogar Jahren. Käufer suchen in Foren und Blogs, fragen Freunde und ihr soziales Netzwerk, gehen in Geschäfte und kaufen schließlich. Wir sehen durchschnittlich 30 bis 40 verschiedene eindeutige Besuche auf unseren Websites oder Apps, bevor ein Kauf erfolgt. Wir lernen auf dieser Reise viel und können den Benutzern helfen, die richtige Entscheidung zu treffen.

WatchPro: Verändern sich die Preise in dieser Krise merklich? Chrono24 ist ein nahezu perfekter Indikator für den Uhrenmarkt, denn wenn das Angebot die Nachfrage nach einem bestimmten Modell übersteigt, fallen die Preise. Und wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt, steigen die Preise, wie man bei den Einhorn-Uhren sieht.

Tim Stracke: In den letzten drei Wochen haben wir sowohl bei Preissenkungen als auch bei Preiserhöhungen auf der Plattform moderate Veränderungen verzeichnet. Diese Änderungen sind jedoch auf wenige Verkäufer beschränkt. Im Allgemeinen haben wir noch keine sinkenden Preise gesehen. Leider sind auch die Angebotspreise für Einhorn-Uhren immer noch auf einem ziemlich hohen Niveau (lächelt).

WatchPro: Obwohl die Verkäufe bei Einzelhändlern um geschätzte 80 Prozent zurückgehen und bei Chrono24 zu Beginn eines Corona-Ausbruchs in einem Land die Aktivitäten spürbar sinken, sehen Sie keinen Einfluss auf die Peisentwicklung?

Tim Stracke: Ich denke, wir brauchen noch ein paar Tage, um die Daten dazu genau auszuwerten. Was ich sagen kann ist, dass in Europa die Krise einige Wochen alt ist und wir keine sinkenden Preise gesehen haben.

WatchPro: Eine der wirklich geheimnisvollen Künste der Datenanalyse ist, dass man durch das Studium der Vergangenheit die Zukunft vorhersagen kann. Macht die aktuelle Krise dies unmöglich, weil sich die Dinge so schnell ändern, dass normale Modelle nicht zutreffen?

Tim Stracke: Im Moment werden die größten Entscheidungen von Regierungen getroffen, von denen fast jeder auf der Welt betroffen ist. Niemand weiß, was als nächstes von den Regierungen kommt. Spanien hat Ausgangssperren, die vom Militär durchgesetzt werden. Sie baten jetzt sogar die NATO um Unterstützung.

Börsenreaktionen haben einen enormen Effekt. Wir gehen davon aus, dass die Sammler, wenn die Aktienmärkte so stark rückläufig sind, als letztes an ihre Uhrenportfolios denken. Aber sobald sich die Dinge beruhigt haben – und es gibt Hinweise aus Asien, dass dies in den nächsten Wochen passieren könnte –, dann werden für eine Menge von Menschen Uhren eine wichtige Anlagemöglichkeit sein. Daher erwarten wir, dass diese Menschen auch wieder auf den Uhrenmarkt zurückkehren werden. In einer so volatilen Zeit ist es schwierig, die Zukunft vorherzusagen, selbst wenn wir unsere Daten verwenden.

„Händler in schwierigen finanziellen Situationen können sich gerne direkt an uns wenden.”

WatchPro: Ich gehe davon aus, dass sich derzeit auch viele Ihrer Händler in einer schwierigen Situation befinden. Wie helfen Sie ihnen in einer solchen Krise? Und wie kommt Chrono24 durch die Krise?

Tim Stracke: Wir führen viele Gespräche mit unseren Händlern, von denen viele einen Großteil ihres Lebensunterhalts mit Chrono24 verdienen. Ein Teil dieser Gespräche betrifft die Frage, wie wir unsere Händler finanziell unterstützen können. Diese Unterstützung ist sehr wichtig: Wir haben den Preis für monatliche Händlerpakete für April und Mai um 35 Prozent gesenkt. Unter anderem wurde auch die kürzlich angekündigte Erhöhung der Provisionsgebühr verschoben. Alle unsere Maßnahmen zur Unterstützung unserer Händler kosten uns einen Umsatzwert im siebenstelligen Euro-Bereich.

Händler in schwierigen finanziellen Situationen können sich gerne direkt an uns wenden. Wir werden nach individuellen Lösungen suchen, um unsere enge Partnerschaft zu stärken. In Zeiten wie diesen ist der Online-Vertriebskanal für unsere 3.500 Händler weltweit die wichtigste Einnahmequelle. Wir möchten, dass alle unsere Händler diese Krise nicht nur überleben, sondern von der zu erwarteten steigenden Nachfrage nach Online-Verkäufen nach der Krise profitieren werden. Wir haben letztes Jahr Kapital aufgenommen und der Hauptgrund dafür war nicht, dass wir damals Geld brauchten – wir sind profitabel –, sondern weil wir in der Lage sein wollten, jeden Sturm zu überstehen. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich nicht erwarten können, dass eine solche Krise so hart und plötzlich eintritt, aber wir sind finanziell sehr stabil.

Wir haben viele Liquiditätsreserven, weil wir das Geld, das wir letztes Jahr gesammelt haben, nicht ausgegeben haben. Jetzt wollen wir dieses Geld verwenden, um sicherzustellen, dass die Chrono24-Plattform und unsere Händler sicher sind und sogar innerhalb der Krise wachsen können. Die meisten erfolgreichen Unternehmen haben mehr als eine Krise überstanden. Amazon hat zum Beispiel hat die Dotcom-Krise im Jahr 2001 überstanden und gehört heute zu den fünf wertvollsten Unternehmen.

„Ich denke definitiv, dass der Online-Umsatz nicht nur während der Krise, sondern auch nach der Krise stark wachsen wird.“

WatchPro: Glauben Sie, dass der Sekundärmarkt ein Nutznießer der aktuellen Krise werden könnte?

Tim Stracke: Ich denke definitiv, dass der Online-Umsatz nicht nur während der Krise, sondern auch nach der Krise stark wachsen wird. Im Moment steht jeder unter Schock, und ich würde sicherlich niemanden ermutigen, jetzt nach Luxusuhren zu suchen. Kümmere dich um deine Lieben, das ist viel wichtiger. Aber sobald dies vorbei ist, werden sicher viele Menschen zu ihrer Leidenschaft für Uhren zurückkehren. Wenn die Geschäfte nicht geöffnet sind, schauen sie online und machen die Erfahrung, dass das Stöbern nach Uhren von einem Sofa aus oder von unterwegs eine viel angenehmeres Erlebnis sein kann, als sie gedacht hatten. Ich bin sehr zuversichtlich, dass der Online-Verkauf von dieser Situation profitieren wird.

Amazon stellt mitten in dieser Krise 100.000 Mitarbeiter ein. Glaube ich, dass das Geschäft mit gebrauchten Uhren, pre-loved oder pre-owned, wie wir sie nennen, davon profitieren wird? Wahrscheinlich in dem Sinne, dass viel mehr Menschen Websites wie unsere durchsuchen und erkennen, dass der Kauf von pre-owned Uhren bequemer sein kann als der Besuch eines Geschäfts. Sie werden auch feststellen, dass es viel sicherer ist, als sie gedacht hatten, wenn so viele Unternehmen wie wir Authentifizierungs- oder Treuhanddienste und andere Schutzmaßnahmen für Kunden anbieten. Generell bin ich sehr optimistisch in Bezug auf das gesamte Luxusuhrengeschäft. In Krisenzeiten ist der Kauf von Luxus nicht der erste Gedanke. Aber kurz nachdem sich der Staub gelegt hat, fragen sich die Leute, wie sie einen solchen Sturm überstehen können. Und in wirtschaftlich instabilen Zeiten ziehen es die Menschen vor, reale Vermögenswerte zu halten. Wir haben alle gesehen, was mit den Aktienmärkten passiert ist, die um 30 Prozent gefallen sind, aber das ist bei Uhren nicht der Fall. Wenn ich mein ganzes Geld in Rolex-, AP- und Patek Philippe-Uhren anstatt in Aktien oder Anleihen investiert hätte, wäre ich jetzt um einiges wohlhabender (lächelt).

„Nach vielen Wochen global geschlossener Einzelhandelsgeschäfte bin ich mir zu 100 Prozent sicher, dass noch mehr Marken es in Betracht ziehen werden, online zu verkaufen.“

WatchPro: Lassen Sie uns abschließend darüber sprechen, was Ihre Daten über die relative Stärke von Marken aussagen. Ich bin sicher, wir würden uns einig sein, dass Marken wie Rolex, Patek Philippe, Audemars Piguet und Richard Mille diesen Sturm besser überstehen werden als andere. Die Gruppen haben außerdem größere Reserven, um dramatische Umsatzrückgänge zu überstehen. Was ist mit unabhängigen Unternehmen, mit denen Sie teilweise direkt als autorisierter Händler für neue Uhren zusammenarbeiten? Glauben Sie, dass sie es schaffen werden?

Tim Stracke: In einer solchen Situation ist es für alle schwierig, für die großen Gruppen genauso wie für die kleinen Unabhängigen. An dieser Stelle möchte ich noch nicht einmal bestimmte Marken oder Kategorien nennen. Die Luxusuhrenindustrie insgesamt befindet sich in einer schwierigen Situation, aber es ist ein Segment, das in Krisenzeiten sehr schnell reagieren kann. Es fällt sehr schnell ab und erholt sich genauso schnell und holt wieder auf, sobald sich die Menschen beruhigt und erkannt haben, dass die Welt nicht untergegangen ist. Dies gilt insbesondere für Produkte wie Uhren, für die viele eine echte Leidenschaft haben. Aus diesem Grund bin ich zuversichtlich, dass sich die meisten Marken erholen werden. Es wird eine sehr schwierige Zeit für jeden ohne nennenswerte Bar-Reserven sein, aber ich sehe einen Weg auf die andere Seite. Nach vielen Wochen global geschlossener Einzelhandelsgeschäfte bin ich mir zu 100 Prozent sicher, dass noch mehr Marken es in Betracht ziehen werden, online zu verkaufen. Wenn die Geschäfte lange genug geschlossen sind, könnte es sein, dass sogar Rolex einen Online-Shop eröffnet – dies könnte jedoch eine weitere Krise erforderlich machen.

WatchPro: Sie haben erwähnt, dass der Umsatz auf dem Luxusmarkt insgesamt um 80 Prozent oder mehr gesunken ist. Denken Sie, dass dies auch für Luxusuhren gilt, deren Preis beispielsweise bei 3.000 € und mehr liegt?

Tim Stracke: Ich würde sagen, ja. Wenn Sie sich China ansehen, waren die Luxusverkäufe vor zwei oder drei Wochen um 80 bis 90 Prozent rückläufig, aber die jüngsten Zahlen zeigen, dass die Verkäufe bereits wieder auf dem Niveau von vor einem Jahr liegen. Wir müssen aber auch berücksichtigen, dass die Menschen in China derzeit nicht reisen können und viele Einkäufe sonst weltweit von chinesischen Staatsangehörigen getätigt werden, die wichtige Hotspots wie London, Paris und die Schweiz besuchen. Marken könnten sehen, dass sich China erholt, aber der Umsatz in Europa ist immer noch erheblich rückläufig, da die Chinesen hier nicht einkaufen können. Ich bin sehr zuversichtlich, dass die Aktivitäten innerhalb von Wochen oder Monaten zurückkehren werden, aber ich denke, wir werden dann mit einer bedeutenden Rezession konfrontiert sein, die nicht so schnell vergehen wird. Es gibt viele Fragezeichen: werden sich europäische Banken halten, wird sich der Euro halten, wie viel Geld wird von den Zentralbanken in den Markt gepumpt, wird es Inflation oder Deflation geben? Das sind große Fragen. In einer schwierigen wirtschaftlichen Situation – und ich sollte betonen, dass ich kein Ökonom bin – denke ich, dass die richtigen Uhren ein sehr interessantes Anlagegut sein werden.

WatchPro: Denken Sie es nicht, dass die in dieser Krisen nicht getätigten Käufe ein für allemal verloren sind?

Tim Stracke: Wir sind nicht wie wie die Luftfahrt- oder Gastgewerbebranche. Wenn Leute nicht fliegen oder in einem Restaurant essen gehen, geht das Geschäft verloren. Uhren sind anders. Selbst, wenn ein Geschäft mehrere Monate geschlossen ist, können Sie online kaufen oder warten, bis das Geschäft wieder öffnet, um die Uhr zu kaufen, die Sie sich immer gewünscht haben. Wir sehen, dass die Kaufreise oft sechs bis zwölf Monate dauert. Andererseits können wir die Auswirkungen der bevorstehenden wirtschaftlichen Unsicherheit und Arbeitslosigkeit auf die Industrie nicht vorhersehen. Mittelfristig wird sich diese Branche erholen, und wir sehen bereits erste Anzeichen einer zunehmenden Aktivität. Wir sehen Hinweise, dass die Menschen diese Krise auch als Chance sehen, Einhorn-Uhren zu kaufen, wenn es eine bessere Verfügbarkeit gibt. Wenn Menschen anfangen, über Einhorn-Uhren nachzudenken, könnte sich diese Nachfrage auf andere Modelle und Marken übertragen.

„Das mag hart klingen, aber die Corona-Krise wird sogar den Prozess des Online-Einzelhandels beschleunigen, der den traditionellen Einzelhandel ersetzt.“

WatchPro: Was wird Ihrer Meinung nach von der Krise zurückbleiben?

Tim Stracke: Zunächst einmal hoffe ich zutiefst, dass all dies schnell und ohne allzu viel Leid und Schmerz für alle vorüber geht. Dann werden wir feststellen, dass die Digitalisierung einer gesamten Bevölkerung noch nie so schnell war wie in den letzten drei Wochen. 50 Prozent aller Studenten und Schüler weltweit studieren zu Hause, viele von ihnen nutzen die Online-Kommunikation. Ein erheblicher Teil der weltweiten Belegschaft arbeitet von zu Hause aus mit Videoanrufen und Cloud-Lösungen. Nicht nur bei Chrono24, sondern auch in vielen anderen Unternehmen ist die Erfahrung sehr vielversprechend. Während die Geschäfte geschlossen sind, kaufen die Leute weiterhin online ein. Der weltweite Online-Kauf und -Verkauf ist zum allgemeinen Verständnis dafür geworden, wie Uhren, aber auch andere Waren gehandelt werden. Das mag hart klingen, aber die Corona-Krise wird sogar den Prozess des Online-Handels beschleunigen, der den traditionellen Einzelhandel ersetzen wird. All dies wird sich nachhaltig auf die Gesellschaft auswirken. Und das meiste zum Besseren.

Tags : Chrono24Coronae-commerceEinzelhandelOnlinehandelStationärer HandelStracke
Antje Heepmann

The author Antje Heepmann

Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

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