Home Blickpunkt

Von Briefmarkensammlern und Hobbyuhrmachern

0

Albert Fischer ist Juwelier, Uhrmachermeister und Präsident des Zentralverbandes für Uhren, Schmuck und Zeitmesstechnik und hat sich Gedanken zum Thema Service und Reparaturen gemacht.

Es ist gerade mal ein paar Tage her, da kam eine ältere Dame mit einer Taschenuhr in meinen Laden. Freudestrahlend legte sie mir eine ziemlich zerknitterte Reparaturtüte auf die Theke, deutete auf den darauf notierten Kostenvoranschlag und teilte mir mit, dass sie sich jetzt entschieden habe, die Uhr nun doch reparieren zu lassen.

Ihre anschließende Frage, ob sich denn am Preis etwas geändert habe, war nicht ganz unberechtigt, denn der Kostenvoranschlag war mindestens 25 Jahre alt.

Advertisement

Sie können darüber gerne schmunzeln, so wie ich ja auch, aber erschreckenderweise gibt es unter uns tatsächlich Kolleg*innen, die derartige Reparaturen noch immer zu solchen Preisen durchführen.

Aber woher kommt das? Warum gibt es immer noch Uhrmacher*innen, die ihre spezialisierte und hoch qualifizierte Arbeit so unter Wert verkaufen? Mir ist durchaus bewusst, dass Uhrmacher*innen ihrem Beruf zumeist mit sehr viel Leidenschaft und Hingabe nachgehen. Aber denken deshalb manche Kolleg*innen, die Freude an der Arbeit ist per se schon Entlohnung genug?

„Mit dieser Freude können Sie gerne mal versuchen, im Supermarkt zu bezahlen.“

Da können Sie die nette Dame an der Kasse angrinsen wie ein Zirkusclown auf Lachgas, das wird Ihnen mit Sicherheit auch nicht weiterhelfen.

Das Problem ist nicht neu

Ich bin in einer Zeit zur Uhrmacherei gekommen, in der der Werkstattbereich fast ausnahmslos als reiner Service für den Verkauf gesehen wurde, als Werkzeug zur Kundenbindung. Da spricht ja grundsätzlich nichts dagegen. Aber heißt das denn auch automatisch, dass man damit kein Geld verdienen darf?

Scheinbar! Denn ich kann mich noch gut daran erinnern, als mir mein damaliger Ausbilder erklärt hat, wie man die Publikumspreise für Ersatzteile kalkuliert. Da wurde der Einkaufspreis mal zwei genommen und das war dann der Preis, den der Kunde zu zahlen hatte … und zwar inklusive der Arbeitsleistung für die Montage des Ersatzteils.

Ganz ehrlich, das erschien mir schon damals betriebswirtschaftlich nicht sehr durchdacht.

Und spätestens, als mein Chef in einem Fernsehinterview davon sprach, dass ihn die Werkstatt jedes Jahr einen fünfstelligen Betrag kostet, war ich mir ziemlich sicher, dass hier ein kausaler Zusammenhang besteht muss.

Aber wer war ich kleiner Lehrling schon, hier meinem Chef mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung in der Branche zu widersprechen?

Ich konnte aus diesem kalkulatorischen Wahnsinn nur meine eigenen Rückschlüsse ziehen und versuchen, es besser zu machen, als ich dann nach der Lehre wieder in den elterlichen Betrieb zurückkehrte.

Seit dieser Zeit hat sich erfreulicherweise so einiges geändert. Die meisten Kolleg*innen haben inzwischen verstanden, wie man vernünftig kalkuliert. Aber eben leider noch längst nicht alle. Und das ist und bleibt für mich unbegreiflich.

Wir befinden uns doch inzwischen unbestreitbar in einer Situation, in der es für die Vielzahl an Reparaturen deutlich zu wenige Uhrmacher*innen gibt und sich dementsprechend die meisten Werkstätten vor Aufträgen kaum retten können.

„Kund*innen nehmen teilweise sogar mehrere Stunden Anfahrt in Kauf, nur um ihre lieb gewonnenen Schätze einer/einem Uhrmacher*in anvertrauen zu können.“

Gerade vor diesem Hintergrund können wir doch spätestens jetzt für unsere hoch qualifizierte handwerkliche Arbeit eine angemessene Entlohnung verlangen, mit Stundensätzen, die in vergleichbaren Handwerksberufen schon längst gang und gäbe sind.

Denn eines müssen wir uns immer vor Augen halten, und das haben leider viele andere Berufe deutlich schneller verstanden als wir: Die Werkstatt kann und darf nie ein reines Anhängsel des Handels sein. Beide Bereiche müssen für sich betrachtet eigenständige Unternehmen darstellen und somit jedes für sich Gewinne erzielen, sonst läuft schlicht und ergreifend etwas schief.

„Und dementsprechend muss ich auch meine Servicepreise kalkulieren, unter Einbeziehung sämtlicher Kosten … und logischerweise eines angemessenen Gewinns.“

Natürlich kann das auch dazu führen, dass vielleicht etwas mehr Kostenvoranschläge abgelehnt werden als zuvor, das will ich gar nicht abstreiten.

Aber befreien wir uns doch bitte von dem Gedanken oder vielmehr dem Zwang, wirklich alle Reparaturen durchführen zu müssen. Eine reine Beschäftigungstherapie haben wir alle nicht nötig. Wir sollten uns vielmehr auf die Reparaturen konzentrieren, die aus wirtschaftlicher Sicht für uns sinnvoll sind. Sie werden schnell feststellen, dass Ihre Werkstatt trotzdem gut ausgelastet bleibt, nur mit dem großen Unterschied, dass Sie nun plötzlich – oh Wunder – vernünftige Gewinne realisieren.

Dies ist – das möchte ich betonen – keine bloße Vermutung, sondern ganz im Gegenteil die Rückmeldung von hunderten Uhrmacherbetrieben aus ganz Deutschland.

„Darum mein Wunsch an alle Uhrmacher*innen, die ihre Reparaturen immer noch für ein besseres Almosen anbieten: Bitte suchen Sie sich ein anderes Hobby.“

Briefmarken sammeln zum Beispiel. Das war in der Zeit sehr populär, aus der leider noch Ihre jetzigen Servicepreise stammen.

Und machen Sie stattdessen die Uhrmacherei endlich wieder zu Ihrem Beruf. Sie werden überrascht sein, wie das die Motivation und Freude an der Arbeit steigert, wenn man mit seinem wunderschönen Handwerk plötzlich auch Geld verdient.



Themen, Trends & Technik

In dieser Rubrik äußern Gastautoren ihre Gedanken zu aktuellen Themen, sich abzeichnenden Trends und jüngsten Technikentwicklungen.

Haupt-Autor ist Albert Fischer. Der Uhrmachermeister ist Präsident des Zentralverbandes für Uhren, Schmuck und Zeitmesstechnik und betreibt in Mainburg ein Fachgeschäft für Uhren und Schmuck.

Wenn auch Sie Ihre Überlegungen und Ihren Standpunkt rund um Themen, Trends & Technik mit den Lesern von WatchPro teilen möchten, dann schreiben Sie an: antje.heepmann@itppromedia.com

Previous articleSchweizer Uhrenexporte nehmen Fahrt auf
Next articleSind die Grenzen des Social-Media-Wachstums erreicht?
Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here