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Vom Start-up zum Inhorgenta-Aussteller

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Bei Marken wie Sternglas wissen die Gründer am Anfang meist selbst nicht so genau, wohin der Weg gehen wird oder soll. Das bringt auch Voteile mit sich, da man völlig frei von Konzernzwängen, Erfolgsdruck oder Traditionen agieren, entscheiden und den Kurs entsprechend schnell korrigieren kann.

Und so steuert Sternglas nach einem reinen OnlineStart mittlerweile auch mit rund 75 stationären Fachhändlern durch den Uhrenmarkt. Offensichtlich mit Erfolg. Zumindest, wenn man diesen an der medialen Aufmerksamkeit in einschlägigen Foren, den sozialen Medien, auf Uhren-Plattformen und -Blogs bemisst. Und scheinbar will man mehr Stationär. Der Stand auf der Inhorgenta Munich 2020 ist jedenfalls schon gebucht. Wie sieht der Weg aus, vom Start-up als Microbrand hin zur etablierten Marke, die nun auch beim Juwelier ihren Platz einnimmt? Antje Heepmann von WachPro hat Sternglas-Gründer Dustin Fontaine gefragt.

WatchPro: Sie haben das Projekt Sternglas 2016 mit für eine Unternehmensgründung scheinbar winzigen Summe von knapp 17.000 € gestartet. Woher kam der Mut?

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Dustin Fontaine: Mein Mut hatte ehrlicherweise einen relativ langen Atem. Es waren letztlich fünf Jahre, bis ich Sternglas tatsächlich gegründet habe. So eine Idee ist nicht von heute auf morgen umgesetzt. Ich habe erstmal rund 100 Zifferblattskizzen angefertigt. Nach unzähligen, schlaflosen Nächten und einem Gefühlsmix aus Unsicherheit, Unzufriedenheit und Perfektionismus, habe ich mich schließlich getraut und 2016 meine eigene Uhrenmarke gegründet. In der Gründungsvorbereitung habe ich mir angeschaut, wie andere gestartet sind. Und ich hatte mich schon früh mental darauf vorbereitet, durchzuhalten und nicht beim kleinsten Widerstand aufzugeben. Funktioniert hat es am Ende aber auch, weil es einfach eine Marktlücke für bezahlbare, schlichte Uhren gab und weil eine große Crowdfunding-Community hinter mir stand. Ich habe wohl zum richtigen Zeitpunkt erkannt, dass viele Leute – inklusive mir – auf der Suche nach klassischen, bezahlbaren Zeitmessern waren. Mit Sternglas konnte ich eine Antwort darauf geben!

WatchPro: Welchen Stellenwert genießt der Juwelier bei Sternglas?

Dustin Fontaine: Wir sind zwar als starke Onlinemarke gestartet, können und möchten aber zunehmend auch den Handel unterstützen und die Option bieten, unsere Uhren abseits der Onlinewelt wirklich greifbar zu machen. Daher arbeiten wir derzeit besonders am Ausbau unseres Netzwerks. Am Ende wollen wir ein Rundumpaket anbieten und die zwei Welten – also online und offline – optimal miteinander verbinden, um so eine Win-Win-Situation für beide Seiten zu schaffen. Der Juwelier genießt für uns einen hohen Stellenwert und wird dies auch in Zukunft tun. Gegenseitige Wertschätzung, Respekt füreinander und partnerschaftliches Handeln sind für uns übrigens das A und O im Umgang mit all unseren Handelspartnern und Kunden.

WatchPro: Würde es Sternglas ohne Social Media überhaupt (noch) geben?

Dustin Fontaine: Am Anfang der Sternglas-Reise stand nicht die Vermarktung oder das Thema „Onlinemarke“, sondern immer die Idee, bezahlbare und schlichte Uhren zu produzieren. Die sozialen Netzwerke sind ein Phänomen der heutigen Zeit, was Sternglas von Beginn an in die Karten gespielt hat und auch weiterhin tut. Wie vielen anderen (Uhren-)marken mittlerweile übrigens auch. Würde es Social Media nicht geben, hätte ich aber sicherlich andere kreative Möglichkeiten gefunden, um „mein Baby“ auf den Markt zu bringen. Ich habe mir schließlich fünf Jahre Zeit gelassen mit der tatsächlichen Gründung – da blieb ein bisschen Zeit zum Nachdenken.

WatchPro: Im Februar dieses Jahres haben Sie eine zweite Crowdfunding-Kampagne gestartet. Welcher Aspekt stand dabei im Vordergrund: Finanzierung oder Marketing und Kundenbindung?

Dustin Fontaine: Sternglas finanziert sich mittlerweile aus den eigenen Verkäufen, deshalb ging es bei der Kampagne im Februar 2019 vor allem um die Kundenbindung. Es ist grotesk zu denken, man wüsste, welche Produkte die Menschen wollen. Deswegen entwickeln wir unser Portfolio gemeinsam mit unseren Kunden und versuchen, sie so viel wie möglich in Entscheidungen einzubinden. Das hat dann natürlich einen zweifach positiven Effekt: Unsere Kunden erhalten die Produkte, die sie sich gewünscht haben und wir können mit gewissen Abverkaufszahlen planen. Der Community-Gedanke war von Beginn an Teil der Marken-DNA und wird es auch bleiben, denn ohne das Feedback wären wir niemals so weit gekommen.

WatchPro: Wird Crowdfunding Teil Ihres Geschäftskonzeptes bleiben?

Dustin Fontaine: Wir werden auch in Zukunft CrowdfundingKampagnen umsetzen, aber nur einige ausgewählte, da die Planung sehr aufwändig ist. Sternglas ist eine Community-Brand. Um das auch zu bleiben, haben wir zum Beispiel eine Sternglas-Freunde-Gruppe auf Facebook. Hierüber und über den allgemeinen Austausch innerhalb unserer Social-Media-Kanäle bleiben wir in engem Kontakt mit unseren Kunden.

WatchPro: Ist Crowdfunding Ihrer Meinung das Zukunftskonzept für Markengründungen und -führung?

Dustin Fontaine: Ja und Nein. Für manche Marken macht es Sinn, für andere eher nicht. Das kann man so pauschal nicht sagen. In der Regel funktionieren ein Produkt oder eine Kampagne – egal wie gut sie sind – ohne eine clevere Vermarktungsstrategie grundsätzlich nicht. Beim Crowdfunding muss man sich im Klaren darüber sein, dass viele Personen ein Mitspracherecht haben oder zumindest ihre Meinung äußern. Das ist nicht im Interesse jeder Marke. Viele wollen das gar nicht zulassen, daher ist es am Ende eine sehr individuelle Entscheidung. Für mich war diese Möglichkeit großartig – nicht nur zur Finanzierung, sondern auch, weil ich darüber hinaus von der Community wahnsinnig viel mitnehmen konnte. Dafür bin ich bis heute sehr dankbar!

WatchPro: Reduziertes Design, der Name „Naos“ – sind die Assoziationen an eine bekannte deutsche Marke Zufall?

Dustin Fontaine: Die größte Inspiration für das reduzierte Design meiner Uhren habe ich aus der Bauhaus-Lehre gewonnen. Von Beginn an hat mich die Grundidee „Gutes Design für Jedermann“ überzeugt, daher ist dieser Spruch letztlich auch zum Credo von Sternglas geworden. Auf „Naos” im Speziellen sind wir dann über unseren Markennamen gekommen. Naos ist ein Stern und passt demnach ganz wunderbar zu Sternglas. Natürlich bin ich mir aber bewusst, dass viele Uhrenmarken altgriechische oder lateinische Begriffe nutzen, um Tradition und Wertbeständigkeit auszudrücken.

Tags : NeugründungStar-upSternglas
Antje Heepmann

The author Antje Heepmann

Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

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