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Vom Spirit einer Vintage-Uhr (6): „De Luca El Primero“ von Zenith

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Vintage-Uhren hier, Vintage-Uhren dort … Warum ist das so? Woher kommt der Hype um Uhren vergangener Zeiten? Schließlich kann sich das Angebot neuer Zeitmesser doch mehr als sehen lassen.

Um diese Frage beantworten zu können, habe ich höchstpersönlich Witterung aufgenommen und eine Test-Reihe gestartet: sechs Vintage-Uhren in zwölf Monaten. Mein Weg bei dieser Suche nach Erkenntnis führte mich zu meinem Uhrmacher des Vertrauens, Kramer in Hamburg-Winterhude. Seineszeichens Experte für exklusive Zeitmesser aus allen Epochen und Reparateur der alten Schule mit einer fundierten Expertise für Rolex und andere Luxusuhrenmarken.

Zum Glück zeigten sich Meister Kramer und sein Uhrmacher Sezgin Yavuz sehr kooperativ und ließen sich auf dieses Experiment ein. Nach einer „IWC Ingenieur“ aus dem Jahr 1992, einer „Bulova Marine Star“ von 1971 und einer goldenen „Royal Oak“ von 1984, einer Omega aus den 1950er-Jahren war die Nummer Fünf ein weiteres Highlight aus der Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst: Der „Heuer Autavia GMT Automatik“-Chronograph – einer der vier ersten Chronographen mit automatischem Aufzug.

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Die letzte „Spirit“, die ich mit allen Sinnen genießen durfte, stellte noch einmal voll und ganz unter Beweis, wie viel Ausstrahlung Zeitmesser vergangener Tage besitzen können. Voraussetzung ist, dass sie etwas Besonderes mitbringen und die Kraft haben, dies auf den ersten Blick zu vermitteln.

Eine Uhr, die diese Ausstrahlung zweifelsohne hat, ist diese Nummer Sechs, die Sezgin Yavuz als krönenden Abschluss für mich ausgewählt hatte. Nein, der „krönende Abschluss“ ist kein Verweis auf ein Rolex-Modell. Obwohl, ein wenig schon. Aber dazu später mehr.

Die „De Luca“ von Zenith aus dem Jahr 1994 hält, was ihre Ausstrahlung verspricht, und offenbart bei genauerem Hinsehen eine überaus spannende Geschichte. Und diese verdanken alle Chronographen-Liebhaber dem Zenith-Uhrmacher Charles Vermot, der maßgeblich an der Entwicklung des in ihr tickenden El Primeros beteiligt war, welches 1969 die große Bühne der Zeitmessung betrat –, und zwar als weltweit erstes Automatikchronographenwerk mit Kugellagerrotor, Schaltradsteuerung, Horizontalkupplung und fünf Hertz Unruhfrequenz.

Letzteres machte das Werk zum Schnellschwinger –, und schnell sollte es zunächst auch wieder in der Versenkung verschwinden. Denn 1975 entschied die Zenith-Geschäftsleitung, dass im anbrechenden Quarz-Zeitalter ein Automatikwerk keine Zukunft haben könne und ließ die Produktion einstellen.

Zum Glück war Charles Vermot nicht nur ein fantastischer Uhrmacher, sondern durchaus auch ein Rebell, der sich den Anweisungen seines Vorgesetzten widersetzte. Still und heimliche trug er alle Pläne und Werkzeuge, die für die Fertigung des El Primero notwendig waren, zusammen und versteckte sie in einem verborgenen, abgeschotteten Teil des Dachbodens der Manufaktur.

Dort schlummerte das Wissen um das Hochfrequenzchronographenwerk mit Automatikaufzug etwa ein Jahrzehnt lang, bevor es seinen einzigartigen Siegeszug antrat.

Mitte der 1980er-Jahre kündigte sich eine Renaissance der Mechanik in der Uhrenwelt an, die auch die Zenith-Geschäftsleitung zum Umdenken bewegte, sodass 1986 das El Primero dank noch vorhandener Altbestände und natürlich der Konstruktionspläne und Werkzeuge wieder zum Leben erweckt werden konnte. Wenn zunächst auch nur sehr zurückhaltend.

Nur ein Jahr später wendete sich das Blatt. Rolex zeigte Interesse an einer modifizierten Version des El Primero, um die „Daytona“ zur Automatikuhr weiterzuentwicklen.

Rolex überarbeitete das Zenith-Werk, verringerte die Unruhfrequenz auf 28.800 Halbschwingungen und nannte es Kaliber 4030. Verbaut wurde es bis zur Jahrtausendwende, erst dann bekam die „Daytona“ ein hauseigenes Uhrwerk.

Dank der Suche der Marke mit der Krone nach einem leistungsstarken und zuverlässigen automatischem Chronographenwerk lief die El-Primero-Produktion bei Zenith wieder voll an – und wurde nicht mehr gestoppt. Heute ist das legendäre Kaliber fast so etwas wie das Synonym für Zenith und wichtige Säule des Images und Erfolges der Manufaktur.

In der „De Luca“ von 1994 tickt natürlich das El Primero Kaliber 400 mit 36.000 Halbschwingungen.

„Die ‚De Luca‘ misst daher beim Stoppvorgang als einzige Uhr die Zehntelsekunde, und sie ist die Uhr von der Meister Kramer mit Recht am meisten schwärmt. Neben Charles Vermot ist Georg Kramer der mir bekannteste Revoluzzer hinsichtlich dieses unvergleichlichen Werks. Bis ins Jahr 2006 hielt Meister Kramer hier im Hause das Zenith-Depot aufrecht. Daher weiß er auch über einige weitere Missstände im Management zu berichten. Umso mehr der Konzern sich nicht zu etablieren wusste, umso engagierter vertritt er wie einst noch heute das Wunderwerk. Unvergesslich bleibt mir, wie der Meister mich bei meiner eigenen Premiere einer El Primero auf dem Werktisch aufforderte, alle Komponenten bei der visuellen-Kontrolle mitzuzählen…“, berichtet Sezgin Yavuz von seinen ganz persönlichen Erfahrungen mit der „De Luca“.

„Der Misstand um die Bedeutung einer ‚De Luca‘ à la Zenith ist nicht nur dem Umstand der Unternehmungsführung(en) zuzuschreiben. Mitverantwortlich für die niedrige Taxierung einer ‚De Luca‘ in einer Gesamt-Zenith-Qualität sind die Uhrenliebhaber gleichermaßen. In Anbetracht der Preise die man für einen ‚Cosmograph Daytona‘ mit dem selbigen Werk mit gedrosselter Schwingung erzielt, fragt man sich manchmal schon, wo der Fokus der Uhrenfans liegt. Die ‚Ewig Schöne‘ von Rolex kostet heute zum Teil das Vierfache der Werkestifterin ‚De Luca‘. Auch über Schönheit lässt es sich bekanntlich streiten, aber ganz bestimmt hat der Zenith-Chronograph im Vergleich einen echten Seltenheitswert“, so das Urteil des Uhrmachers.

„Es ist an der Zeit das Kaliber 400 El Primero, im Besonderen als Taktgeber der ‚De Luca‘, aus seinem Dornröschenschlaf wachzuküssen. Wir appellieren an alle: haltet an eurem Schnellschwinger, dem robustesten und genausten Chronographen fest.“

Alle Fotos: David Goltz

 

Tags : daytonaDe Lucael primeroKramerpre-ownedRolexvintageYavuzzenith
Antje Heepmann

The author Antje Heepmann

Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

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