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Vom Spirit einer Vintage-Uhr (5): „Heuer Autavia GMT Automatik“-Chronograph

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Vintage-Uhren hier, Vintage-Uhren dort … Warum ist das so? Woher kommt der Hype um Uhren vergangener Zeiten? Schließlich kann sich das Angebot neuer Zeitmesser doch mehr als sehen lassen.

Um diese Frage beantworten zu können, habe ich höchstpersönlich Witterung aufgenommen und eine Test-Reihe gestartet: sechs Vintage-Uhren in zwölf Monaten. Mein Weg bei dieser Suche nach Erkenntnis führte mich zu meinem Uhrmacher des Vertrauens, Kramer in Hamburg-Winterhude. Seineszeichens Experte für exklusive Zeitmesser aus allen Epochen und Reparateur der alten Schule mit einer fundierten Expertise für Rolex und andere Luxusuhrenmarken.

Zum Glück zeigten sich Meister Kramer und sein Uhrmacher Sezgin Yavuz sehr kooperativ und ließen sich auf dieses Experiment ein. Nach einer „IWC Ingenieur“ aus dem Jahr 1992, einer „Bulova Marine Star“ von 1971 und einer goldenen „Royal Oak“ von 1984, einer Omega aus den 1950er-Jahren war die Nummer Fünf ein weiteres Highlight aus der Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst: Der „Heuer Autavia GMT Automatik“-Chronograph – einer der vier ersten Chronographen mit automtischem Aufzug.

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Die Geschichte dahinter ist mindestens genauso spannend wie das Tragen der Uhr. Heuer, Breitling, Seiko und Zenith läuteten nämlich alle im Jahr 1969 ein neues Zeitalter der Stoppuhr für’s Handgelenk ein, das automatisch werden sollte. Breitling und Heuer waren sogar eine Kooperation zur Entwicklung des Projekts automatisches Chronographenkaliber eingegangen.

Als es dann an die Realisierung als Armbanduhr ging, trennten sich die Wege wieder. Breitling präsentierte das Modell „Chrono-Matic“ und Heuer die „Autavia“ – beide mit der Krone auf der linken Seite. Denn ein tägliches Aufziehen war ja nun nicht mehr notwendig, und die vermeintlich störende Krone konnte von rechts nach links wandern – schon damals waren beide Marken auch in Sachen Marketing äußerst kreativ.

Es war eines der allererste Exemplare des Automatik-Chronographen „Autavia GMT“, das in den letzten Wochen mein Handgelenk zierte. Und im Inneren tickte das bewährte, modifizierte Kaliber 11 der ersten Stunde. Später wurde diese Ausführung zum Kaliber 14 umbenannt.

Foto: David Goltz

Das teilte mir auf Nachfrage Catherine Eberle-Devaux mit, Museums-Kuratorin und Heritage-Direktorin bei TAG Heuer. „Die ersten Exemplare ‚Autavia GMT“-Chronographen wurden mit einer modifizierten Version des Kalibers 11 ausgestattet. Dieses wurde dann in ein eigenständiges Kaliber transformiert, das Kaliber 14. Erstmals wurde dieses Modell als Referenz 11063 GMT im Katalog im Jahr 1972 vorgestellt. Später änderte sich die Bezeichnung in 11630 GMT, die bis in die Mitte der 1980er-Jahre beibehalten wurde.“

Auch bezüglich der Optik konnte Eberle-Devaux Spannendes berichten: „Die blau-rote Lünette zierte Heuer-GMT-Uhren bereits in den 1960er-Jahren. Damit war Heuer eine der wenigen Marken, die – wie Rolex – Blau und Rot für GMT-Komplikationen verwendeten.“

Dass es diese Heuer aus dem Jahr 1971 in sich hat, sehen Uhrenkenner auf den ersten Blick. Und zum Glück begleitete sie mich in dem Zeitfenster, dass in diesem Corona-Jahr vorübergehend wieder mehr Reisen und physische Treffen erlaubte. Und wir haben diese Zeit genutzt, und das ist auch dank der „Autavia“ nicht unbemerkt geblieben.

Wir waren auf den Geneva Watch Days, auf dem Nomos-Forum in Glashütte, auf The Show in Hamburg, bei MeisterSinger in Münster, bei Neuheiten-Präsentationen diverser Marken – natürlich auch bei TAG Heuer –, in der Casio Europazentrale, am Christ-Hauptsitz in Hagen …

Und nein, ich nehme es der „Autavia“ nicht übel, dass sie mir in vielen Situationen die Schau gestohlen hat – egal wie gewagt die Farbauswahl meiner Outfits auch war. Und dabei begnügte sie sich nicht damit, die Blicke meiner Gesprächspartner auf sich zu ziehen. Mir völlig fremde Menschen sprachen mich – oder besser sie – an, um sie zu bewundern. Sogar eine Kaufanfrage eines Bulgari-Managers wurde ihr zuteil.

Apropos Bulgari. Es war zwar nicht Antoine Pin, Managing Director der Uhren-Abteilung von Bulgari, der mir die Heuer abkaufen wollte. Aber er berichete mir, dass er Menschen gerne fragt, welches ihr liebstes Luxusprodukt sei und warum. Ob Schmuckstück, Uhr, Auto oder Handtasche – die Antworten ähneln sich immer. „Oft höre ich dann: Es ist meine erste Uhr, es war ein Geschenk, es war ein ganz besonderer Moment, als ich die Uhr bekommen habe. Es geht immer um eine Beziehung zu jemanden und ein emotionales Erlebnis“, so Pin.

Und genau so erging es mir mit der „Autavia“. Wir hatten einfach eine richtig gute Zeit! Ich beneide den glücklichen Käufer. Denn ja, diese „Autavia“ ist schon vergeben.
Anspruchsvolles Innneleben

„Man hört und sieht nichts“, erläutert Sezgin Yavuz, meint damit aber keineswegs das hohe Image, dass die „Autavia“ unter Kennern genießt. Der Profi spricht vom anspruchsvollen Innenleben.

Foto: David Goltz

„Der Mikrorotor für den Aufzug arbeitet leise unterhalb der oberen-Platine, sodass nur der Aufbau des Chronogaraphen mit Kulissenschaltung ersichtlich ist. Wo sitzt der Rotor werde ich oft gefragt? Antwort: Auf der Grundplatine, dezentral oberhalb des Unruhklobens zwischen dem Start-Stopp- und Null-Steller, also an der Position, wo sonst das Zeigerstellwerk mitsamt Krone und Welle angeordnet wäre.“

Tatsächlich aber ist das markante Äußere das Erkennungsmerkmal der „Heuer Autavia“, die ursprünglich für den Motorsport konzipiert wurde. „Heute fasziniert nicht nur die Technik die Gemüter der Uhrenliebhaber, sondern auch die einzigartige Zugehörigkeit dieser Armbanduhr zu einer ganz besonderen Zeit, die man ihr auf den ersten Blick ansieht. Das geht einher mit der anhaltenden und zunehmenden Wertschätzung von Oldtimern im Automobilbereich, die wie die Uhren aus vergangenen Jahrzehnten ganz ohne Digitalisierung Bestleistungen erbracht haben und erbringen – und dabei noch richtig gut aussehen.“

Foto: David Goltz

Das zeigt sich auch in der Preisentwicklung auf dem Vintage-Markt.

Foto: David Goltz

Zum 50sten Jubiläum des Heuer-Automatik-Chronographen mit dem Kaliber 11 im letzten Jahr gab es einen regelrechten Hype, Schweizer Auktionshäuse erhielten Höchstgebote, das begann schon 2018. Der Rummel hat nun ein wenig nachgelassen, die Preise gehen wieder runter. Das tut der Bedeutung dieser Uhr jedoch keinen Abbruch. Sie ist, ausgestattet mit einem der legendärsten Werke überhaupt, aus der histoire de l’horlogerie nicht wegzudenken. Sie ist eine Erungenschaft, die immer einen wichtigen Platz in der Vintage-Landschaft haben wird, bei Liebhabern, Spekulanten und Investoren gleichermaßen“, so Sezgin Yavuz.

„Ich bin schon gespannt auf den 75. Geburtstag des ‚Heuer Autavia Automatik‘-Chronographen.“

Foto ganz oben: Foto: David Goltz

Tags : autaviaheuerKramerpre-ownedSecondhandTah HeuervintageYavuz
Antje Heepmann

The author Antje Heepmann

Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

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