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Vom Spirit einer Vintage-Uhr (4): Die „Jumbo“ von Omega

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Vintage-Uhren hier, Vintage-Uhren dort … Warum ist das so? Woher kommt der Hype um Uhren vergangener Zeiten? Schließlich kann sich das Angebot neuer Zeitmesser doch mehr als sehen lassen.

Um diese Frage beantworten zu können, habe ich höchstpersönlich Witterung aufgenommen und eine Test-Reihe gestartet: sechs Vintage-Uhren in zwölf Monaten. Mein Weg bei dieser Suche nach Erkenntnis führte mich zu meinem Uhrmacher des Vertrauens, Kramer in Hamburg-Winterhude. Seineszeichens Experte für exklusive Zeitmesser aus allen Epochen und Reparateur der alten Schule mit einer fundierten Expertise für Rolex und andere Luxusuhrenmarken.

Zum Glück zeigten sich Meister Kramer und sein Uhrmacher Sezgin Yavuz sehr kooperativ und ließen sich auf dieses Experiment ein. Nach einer „IWC Ingenieur“ aus dem Jahr 1992, einer „Bulova Marine Star“ von 1971, einer goldenen „Royal Oak“ von 1984 wurde mir eine wunderschöne Omega aus den 1950er-Jahren mit dem Großen-Handaufzugswerk Kaliber 266 an das Handgelenk gelegt.

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„Das ist der Inbegriff von Vintage und Eleganz, sie feiert die Renaissance der Renaissance“, erklärte mir Sezgin Yavuz.

Dennoch: Anders als bei der kleinen Goldenen von Audemars Piguet war es nicht Liebe auf den ersten Blick, auch nicht auf den zweiten – zumindest nicht bei mir. Aber dazu später.

Wir haben eine eher rationale Beziehung geführt. Denn die Omega passt einfach immer, gibt mir zuverlässig und auf einen Blick – dank des klaren Zifferblattes auch ohne Brille – Auskunft über die Zeit. Außerdem trägt sie sich mit ihren 38 Millimetern Durchmesser nicht nur äußerst angenehm, sondern auch nicht auf. Soll heißen, dank ihrer flachen Bauweise ohne Lünette aber mit gewölbtem Uhrenglas bleibt sie nirgendwo hängen und gleitet auch unter dem engsten Blusenärmel problemlos hin und her.

Es ist eine wunderschöne Uhr mit zuverlässiger Funktionalität – so weit die rationale Beurteilung. Der Funke sprang jedoch nicht über. Das ist aber gar nicht schlimm. Im Gegenteil, denn es sagt eine ganze Menge darüber aus, warum wir Uhren tragen. Nicht wegen ihrer zuverlässigen Anzeige von Zeit, Datum, Mondphase, Zeitzone oder sonstiger Komplikation. Um an diese Informationen zu gelangen, bedarf es heutzutage keiner Uhr mehr, schon gar nicht eines so betagten Schätzchens wie dieser Omega.

Nein, solche Uhren trägt man, weil man eine Verbindung mit ihnen spürt, weil sie einen bei jedem Blick auf das Zifferblatt lächeln lassen, weil man sich in ihrer Gesellschaft wohl fühlt – wie bei einem guten Freund oder dem geliebten Partner.

Nun sind wir leider kein Paar geworden. Für meine beste Freundin reichte aber der berühmte erste Blick aus, um ihr zu verfallen. Im Bruchteil einer Sekunde strahlte sie über das ganze Gesicht. „Genau eine solche Uhr hatte mein Großvater.“ Aber es war nicht nur die Erinnerung an den geliebten Opa, die ihr einen wohligen Schauer über den Rücken laufen ließ. „Die Uhr ist einfach nur schön und schön einfach mit dem gewölbten Glas und dem zurückhaltend gestalteten Gehäuse“, schwärmt sie, während sie immer wieder mit den Fingern über die Uhr streicht. Besonders angetan hat es ihr auch die kleine Sekunde, „der Sekundenzeiger bewegt sich so sahnig“.

Für diese „Sahnigkeit“ verantwortlich ist das vergoldete Handaufzugswerk. Es ist wie seinerzeit gängig mit Rosegold veredelt. Diese Werksfarbe ist typisch für Vintage-Omega-Kaliber. Mit dem Gehäusedurchmesser von 38 Millimetern handelt es sich um die größte Ausführung – markenübergreifend werden solche Zeitmesser auch „Jumbo“ genannt.

Früher hat man Uhren in erster Linie als Gebrauchsgegenstände gebaut. Um sich als eine große Marke zu behaubten und von anderen Anbietern abzuheben, war daher die Präzisionsanfertigung mit entsprechenden Materialkombinationen beziehungsweise einer Vergoldung erforderlich.

Gegenwärtig werden solcherlei Finessen des Uhrwerks als Kunstobjekte lanciert, „und Kunst hat bekanntlich ihren Preis“, betont Sezgin Yavuz. Das tat und tut der Begeisterung für solche Uhren – oder besser für deren Werke – aber keinen Abbruch und kam bereits ab den 1930er-Jahren auf.

„Seit gut zwei Jahren beobachten wir die Renaissance dieser klassischen Uhren und der dazugehörigen Begeisterung und des Wunsches, eine solche Vinatge-Uhr zu besitzen, möglichst mit Handaufzug, Goldgehäuse und schlichter Erscheinung. Hier sind Uhren von Omega wie maßgeschneidert.“

Das gilt übrigens auch für das Omega-Kaliber 266, das mit 33 Millimetern Duchmesser wie maßgeschneidert in dem 38-Millimeter-Gehäuse seinen Dienst versieht. „Und dass ohne Werkhaltering. 80 Prozent aller Werke werden mittels Eisen, Stahl, Messing oder Kunststoffringen im Gehäuse zentriert. Bei der Jumbo-Omega ist dies nicht notwendig, Werk und gehäsue passen perfekt zusammen.“

Auch wenn die Omega wie viele Vintage-Zeitmesser keinen Glasboden besitzt, bietet Uhren Kramer Interessenten an einer solchen Uhr dennoch durch das Öffnen der Uhr die Möglichkeit, einen Blick in das Werk zu werfen.

Eine Handaufzugs-Uhr sollte man übrigens immer dann aufziehen, wenn man sie in der Hand hält, erläutert mit Yavuz, also abends und morgens, wenn man sie ab- oder anlegt. Zum einen ist man dann sicher, dass sie immer genug Energie hat und läuft, zum anderen ist es jedes Mal „ein Moment der Meditation. Abends kann man den Tag Revue passieren lassen und morgens sich auf den neuen Tag freuen“, erläutert Yavuz. Das sei kein Vergleich zum letzten oder ersten Blick des Tages aufs Handy. Dies kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen.

„Glücklicherweise sind Uhren absolut im Trend und Gott sei Dank sind sich die Enthusiasten und solche, die es werden wollen bewusst, dass nicht immer ein Sportmodell à la Rolex Submariner passt. Im Business, zum Nadelstreifenanzug und zu besonderen Anlässen machen elegante Uhren wie von Omega definitiv die bessere Figur. Der Trend geht daher auch in der breiten Masse zur klassischen Zweituhr. Nur so kann man echtes Stilempfinden und Sinn für ein rundum stimmiges Auftreten unter Beweis stellen. Denn selbst der schickste Anzug verliert an Eleganz, wenn er mit der falschen Uhr kombiniert wird.“

Vier mal klassische Eleganz à la Omega im 33-, 34- 35- und 38-Millimeter-Jumbo-Durchmesser (rechts)

Alle Fotos: David Goltz

Tags : JumboKrameromegapre-ownedSecondhandvintageYavuz
Antje Heepmann

The author Antje Heepmann

Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

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