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Vom Spirit einer Vintage-Uhr (2): „Bulova Marine Star“ Ref. 8081101 A aus dem Jahr 1971

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Vintage-Uhren hier, Vintage-Uhren dort … warum ist das so? Woher kommt der Hype um Uhren vergangener Zeiten? Schließlich kann sich das Angebot neuer Zeitmesser mehr doch als sehen lassen.

Um diese Frage beantworten zu können, habe ich höchstpersönlich Witterung aufgenommen und eine Test-Reihe gestartet: sechs Vintage-Uhren in zwölf Monaten.

Mein Weg bei dieser Suche nach Erkenntnis führte mich zu meinem Uhrmacher des Vertrauens, Kramer in Hamburg-Winterhude. Seineszeichens Experte für exklusive Zeitmesser aus allen Epochen und Reparateur der alten Schule mit einer fundierten Expertise für Rolex und andere Luxusuhrenmarken.

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Zum Glück zeigten sich Meister Kramer und sein Uhrmacher Sezgin Yavuz sehr kooperativ und ließen sich auf dieses Experiment ein.

Nach einer „IWC Ingenieur“ aus dem Jahr 1992 ist das zweite Test-Modell noch einmal gut zwanzig Jahre erfahrener – und nur ein Jahr jünger als ich.

Bevor ich aber zur „Marine Star“ komme, muss ich voranstellen, dass es mir Bulova gleich bei meinem ersten Kontakt vor ziemlich genau sechs Jahren, als die Marke nach langer Abwesenheit wieder auf den deutschen Markt strebte, angetan hat. Mir gefielen und gefallen die Verbindung von Handwerk, Innovation, Design und Technologie und vor allem auch der Mut, nicht immer im Mainstream zu sein. Von der erste vollelektronischen Uhr mit patentierter Stimmgabel-Technologie über die damenhaften „Rubaiyat“ bis hin zum weltweit erste Chronographen mit gebogenem Uhrwerk – Bulova lässt mich immer wieder staunen.

Das gilt auch für die „Bulova Marine Star“ mit drei Totalisatoren von 1971.

Im ersten Moment dachte ich, dass der Chronograph vielleicht ein wenig groß für mein schmales Handgelenk sein könnte. Normalerweise trage ich Uhren mit einem kleineren Durchmesser als die gut 42,8 Millimeter der Bulova.

Aber ich hatte falsch gedacht. Weder haptisch noch optisch macht die „Marine Star“ den Eindruck, irgendwie fehl am Platz zu sein. Dazu trägt auch das zwar markante, aber im Vergleich zu heutigen Modellen doch eher zurückgenommene Design in Schwarz, Rot un Creme bei.

Und wer jetzt gedacht hätte, Handaufzug wäre nichts für Frauen, liegt völlig falsch – wer auch immer auf die Idee gekommen sein mag. Und ziehen wir doch einmal den Vergleich zu unserem ständigen digitalen Begleiter von heute, dem Smartphone.

Foto: David Goltz

Auch dieses muss je nach Nutzungsintensität in der Regel einmal am Tag geladen werden – nur dass das länger dauert, als das Auffrischen der Energiereserven per Hand bei der „Bulova Marine Star“. Und das ist auch noch völlig CO2-neutral. Und bei all der zunehmenden Digitalisierung ist übrigens das sinnliche Gefühl, händisch etwas zu bewegen und die eigene Energie auf so etwas schönes wie eine Uhr zu übertragen, ein sehr gutes.

Nicht zu leugnen ist, dass meine Test-Vintage-Uhr Nummer 2 auffällt – und zwar positiv. Auch wenn bei vielen beim ersten Blick zunächst ein kleines Fragezeichen in den Augen auftaucht, weicht dieses doch in Nullkommanix einem Leuchten. Denn so häufig bekommt man genau dieses Modell in der Alterklasse nicht zu Gesicht. Der Schnell-Check auf Google und verschiedenen Secondhand-Portalen ergibt genau 0 Treffer.

Aber es gibt sie ja, die Uhren-Experten, die wohl jedes Modell seit der Erfindung der Armbanduhr kennen. Einer davon ist Gisbert Brunner. „Da haben sie etwas ganz Feines“, erkannte er quasi im Vorbeigehen auf der Inhorgenta auf den ersten Blick. Ich stimme ihm voll und ganz zu.

Foto: David Goltz
Fein ist auch das Innenleben der „Marine Star“. Denn in ihr tickt das das gleiche Basiswerk wie einst in der „Rolex Daytona Paul Newman“, das Valjoux 72.

In der Kombination mit dem Bulova-Chronographen entstanden vermutlich nur 900 Exemplare mit der Kaliberbezeichnung 725 – genau weiß das die Marke heute auch nicht mehr.

Bedient wird der Handaufzug-Chronograph über das aufwendig hergestellte Schaldrad. Diese Konstruktion mit neun Säulen (auch Säulenrad genannt) ist eines der Merkmale des prestigeträchtigen Valjoux 72 Werks.

In der Bulova ist es als Cal. 725 signiert und ist anders als bei der Rolex Ausführung Cal. 722 mit einer Flyback Funktion ausgestattet.

Während Bulova, für eine Marine-Uhr ungewöhnlich, durch Reduktion des Nullsteller-Hebels die „Rückkehr im Flug“ vorgenommen hat, verbaute Rolex S.A. die hauseigene Microstella-Unruh und nahm Veredelungen vor.

All dies begeistert auch den Fachmann: „Hat man diesen Chronographen einmal in der Hand, möchte man meinen, der ‚Bulova Marine Star Ref. 8081101 A‘ ist der Pate unter den Vintage-Chronographen.

Mit dem Gehäusedurchmesser und der Gesamtausstrahlung zeugt er von einer Autorität, die kaum eine Uhr aufweißt“, erläutert Sezgin Yavuz.

 

Foto: David Goltz

Empfehlung

Valjoux hat das Werk mit verschiedenen Komplikationen bis 1974 ausgeführt und diverse Uhrenmarken damit beliefert. Daher sind alle Chronograpen unabhängig vom Markennamen mit dieser Werksfamilie mit Signaturen wie 72, 723, 724, 729 und 730 immer eine Besonderheit und reizvoll für Vintage-Uhren-Liebhaber. Vorausgesetzt, die komplette Uhr mit Werk ist in einem sammelwürdigen Zustand.

Foto ganz oben: Foto: David Goltz

Sezgin Yavuz

Tags : bulovaKramerpre-ownedRolexSecondhandvaljouxvintageYavuz
Antje Heepmann

The author Antje Heepmann

Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

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