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Davide

Im Gespräch mit WatchPro erläutert der aus Turin stammende Autofan, wie er aus Montblanc durch eine Neujustierung der gesamten Kollektion eine richtige Uhrenmarke entwickelt hat.

Dabei begründet sich der Erfolg maßgeblich auf dem Erbe einer 161 Jahre alten Manufaktur: Minerva. Diese wurde 2006 von der Richemont Gruppe gekauft, zu der Montblanc seit 1998 gehört.

Nach seinen Stationen bei puren Uhrenmarken kam der dynamische Macher 2015 zu Montblanc, einem Unternehmen, dessen Ursprünge nicht nur in einem ganz anderen Bereich liegen. Auch der große Bekanntheitsgrad der Marke basiert vorrangig auf den exklusiven Schreibgeräten von Montblanc. Noch, ist Cerrato sich sicher.

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„Es stimmt, dass unsere Schreibinstrumente den größten Bekanntheitsgrad haben, verglichen mit den anderen Produktgruppen. Als ich vor gut vier Jahren bei Montblanc begonnen habe, war dies eine der großen Herausforderungen für mich, aus einer Marke, die auch Uhren verkauft, eine echte Uhrenmarke zu machen. Vor dieser Herausforderung stehen andere große Marken ebenso. Hier den richtigen Weg zu finden, war sehr kompliziert. Aber wir haben es geschafft.“

“Star Legacy Automatic Date 39 mm”

Einen Grund dafür sieht er darin, dass es seiner Meinung nach gar keinen so großen Unterschied zwischen einer reinen LuxusUhrenmarke und der Uhrendivision von Montblanc gibt.

„Der größte Unterschied zwischen Montblanc und reinen Uhrenmarken besteht darin, dass wir in verschiedenen Produktbereichen tätig sind. Die größten sind Schreibgeräte, Leder und Uhren. Aber, anders als andere globale Luxusmarken, handelt jeder Bereich ganz eigenständig und ist sehr spezialisiert. Das bedeutet, dass wir uns gar nicht so sehr von reinen Luxusuhrenmarken unterscheiden.“

Gekaufte Tradition

Zudem kann Montblanc auch auf eine uhrmacherische Tradition zurückbklicken – auch wenn diese in gewisser Weise dazugekauft wurde.

„Die wichtigste Entscheidung der Richemont Group war es, 2006 Minerva zu kaufen, eine Uhrenmanufaktur mit langer Geschichte. Das war der Grundstein für unsere heutige Produkt- und Kollektionspolitik. Minerva wurde 1858 gegründet und war Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts einer der wichtigsten Uhrenproduzenten. Ich denke, dass Minerva zusammen mit Heuer damals am meisten in technische Innovationen wie die Stoppfunktion investiert hat. Bis heute ist Minerva der Inbegriff für die hohe, innovative und sportliche Uhrmacherkunst. Richemont hat Minerva gekauft und bei Montblanc integriert“, erläutert Cerrato.

Und genau darin besteht die besondere Leistung von Montblanc und Davide Cerrato: dass es gelungen ist, diese hinzugekommene Uhren-Historie und -Kompetenz so in das bestehende Unternehmen zu integrieren, dass daraus ein stimmiges Ganzes wurde, bei dem alle Teile reibungslos ineinandergreifen.

„Das war ein sehr komplexes Unterfangen, und es gibt viele Beispiele, bei denen die Integration einer neuen Marke nicht gelungen ist. Bei Montblanc und Minerva ist es gelungen, und die Integration ist nun abgeschlossen.”

Aber nicht so, dass Minerva einfach in Montblanc aufgegangen ist, im Gegenteil.

„Nicht zuletzt die große Fertigungstiefe, die wir durch Minerva hinzugewonnen haben, legitimiert uns endlich als echte und anspruchsvolle Uhrenmarke. Wir haben nun eigene Uhrwerke und ein fantastisches Archiv. Das alles ist heute Teil der MontblancDNA und unserer Geschichte. Unsere Uhren kommen nicht aus dem Nichts, sondern haben einen historischen Hintergrund an Knowhow und Erfahrung.“

Montblanc betreibt heute zwei Manufakturen in der Schweiz, eine in Le Locle und die ehemalige Minerva-Uhrenfabrik in Villeret. Insgesamt sind dort rund 150 qualifizierte Mitarbeiter in allen für die Uhrenfertigung erforderlichen Abteilungen tätig: vom Design über die Produktentwicklung bis hin zum Marketing.

„Diese Spezialisierung auf den eigenen Bereich gilt übrigens auch für die Lederprodukte mit der Manufaktur in Florenz und für die Schreibgeräte mit dem Artisan Atelier hier in Hamburg. Und das ergibt auch Sinn, da jedes Segment seinen eigenen Lifestyle und seine eigenen Technologien und Zielgruppen hat“, führt Cerrato weiter aus.

Montblanc ist Minerva und Minerva ist Montblanc

Und welchen Stellenwert nehmen die Uhren in diesem Produktportfolio ein? Das hänge von der Perspektive ab, antwortet der Managing Director. Zwar habe alles mit Schreibgeräten angefangen und diese würden auch das Fundament und die starken Wurzeln von Montblanc bilden, „aber Uhren wurden im Laufe der Jahre immer wichtiger für die Maison.“ Vor allem in der globalen Perspektive:

„Montblanc ist Minerva und Minerva ist Montblanc. Dank dieses Erbes können wir sogar Uhren mit großen Komplikationen anbieten, die in der Manufaktur in Villeret hergestellt werden. Diese Kunst der Uhrmacherei erregt die Aufmerksamkeit der Sammler weltweit. Zum Beispiel haben wir gerade 38 MinervaUhrwerke in einer versteckten Box in Villeret gefunden. Diese wurden sorgfältig in unsere neue ‚Heritage Small Second Limited Edition 38’ integriert. Alle lieben diese Uhr.“

“Heritage Small Second Limited Edition 39 mm”

Abgesehen von solchen speziellen Modellen und Projekten, mir denen man vor allem in Sammlerkreisen für Aufsehen sorgt, war es für Davide Cerrato ein besonderes Anliegen, die komplette Kollektion neu zu strukturieren und so der Uhrenmarke Montblanc ein klares Gesicht zu verleihen.

Worte und Grammatik stimmen

„Zusätzlich zur Integration von Minerva haben wir begonnen, die Kollektion komplett neu zu definieren, um den einzelnen Linien eine klare und eigene Identität zu verleihen. Jetzt haben wir eine Kollektion mit vier verschiedenen Produktlinien. Wenn man vor einem Schaufenster mit Uhren aus verschiedenen Montblanc-Linien steht, erkennt man dennoch auf einen Blick, dass sie eine gemeinsame Sprache sprechen. Das ist so wie mit den Worten einer Sprache, die erst durch die Grammatik zu einem Satz mit einer gemeinsamen Botschaft werden. Bei Montblanc haben wir heute die richtigen Worte und die richtige Grammtik gefunden.“

Mit dieser Neudefinition will Cerrato aber keineswegs zum Ausruck bringen, dass die Uhrenkollektion von Montblanc vor seiner Zeit nicht durchdacht war. Im Gegenteil, er schätzt zum Beispiel das strategische Vorgehen auf dem asiatischen Markt und auch die Neuausrichting in den Nuller-Jahren sehr, hat aber auch die Notwendigkeit für Anspassungen an den aktuellen Zeitgeist erkannt und umgesetzt:

„Uhren von Montblanc gibt es seit 1997. Am Anfang begann man mit klassischen Uhren, die sehr auf den asiatischen Markt zugeschnitten waren. Die Marke war eine der ersten, die nach China und Südostasien gegangen ist. Im Laufe der Zeit haben sich Ästhetik und die Ansprüche der chinesischen Kunden sehr verändert und man sucht dort so wie überall auf der Welt auch nach sportlichen Uhren. Vereinfacht ausgedrückt machen Sportuhren heute den halben Uhrenmarkt aus. Diese Entwicklung war absehbar, also hat Montblanc 2003 mit ‚TimeWalker‘ seine erste Sportlinie lanciert. 2006 kamen dann mit Minerva sozusagen auch die sportlichen Wurzeln hinzu. Wussten Sie, dass das Unternehmen in der Welt der sportlichen Zeitmessung zuhause ist und beispielsweise Zeitnehmer der frühen Formel-1-Rennen war? Die Sportuhren von Montblanc sind sehr eng mit der Geschichte von Minerva verbunden und quasi eine zeitgemäße und frische Neuauflage der alten MinervaSportuhren. Damit sprechen wir auch echte Uhrenliebhaber und -sammler an. Sie verstehen die Sprache unserer Uhren und, dass wir mehr als eine Luxusmarke sind, die auch Uhren im Programm hat.“

Reduktion und Definition

Und was hat Montblanc unter Davide Cerrato für den ganz normalen Uhrenträger entwickelt? Zunächst einmal ein verkleinertes Angebot. Als der Italienier 2015 zu der Marke kam, gab es sage und schreibe zwölf verschiedene Linien – vermeintlich verschiedene. Denn sie hatten alle ein klassisches Design: weißes Zifferblatt, schwarzes Alligatorlederband und so weiter.

„Man war wirklich verloren, wenn man eine Uhr einer bestimmten Linie zuordnen sollte. Also haben wir die Anzahl der Produktlinien extrem reduziert und klar definiert.“

Und so gibt es heute die vier Hauptlinien „1858“, „Heritage“, „Star Legacy“ und „TimeWalker“. Aber damit waren Cerratos Vorstellungen einer klugen Kollektionspolitik noch längst nicht erschöpft.

„Noch wichtiger für den heutigen Erfolg war es, dass sich in jeder der vier Linien die technische Bandbreite von Montblanc und Minerva spiegelt. Dazu muss man wissen, dass Minerva eine zweite Vergangenheit hat, die nicht so lange her ist. In den 1980er- und frühen 1990er-Jahren entstanden nach einem Besitzerwechsel hochkomplizierte Uhren.“

Bis dahin stand Minerva zwar auch für hochwertige Uhren, aber ohne große Komplikationen. Das heißt, zeitweilig war Minerva ein „zweiköpfiges Wesen“: auf der einen Seite gab es die lange Tradition in der Fertigung von Uhren mit einem Fokus auf Sport und Zeitmessung, und auf der anderen Seite war da eine jüngere Geschichte mit sehr komplizierten Uhren wie Tourbillons.

„Nachdem Richemont Minerva gekauft hatte, produzierte man in der Manufaktur in Villeret zunächst diese komplizierten und sehr teuren Uhren weiter. In der Fertigung in Le Locle jedoch entstanden Uhren im Preisbereich zwischen 2.000 und 5.000 Euro. Beide Manufakturen haben nicht zusammengearbeitet“, beschreibt Cerrato den damaligen, aus seiner Sicht wenig effektiven Zustand, den es aufzulösen galt. Und zwar, „indem wir einfach dieses vorhandene große Know-how in allen vier Produktlinien gespiegelt haben. Das heißt, jeder der mittlerweile klar definierten Linien ist in drei gleiche technische Level eingeteilt, was sich auch in drei entsprechenden Preissegmenten niederschlägt.“

Level 1: Hier sind die Grundmodelle jeder Linie angesiedelt, ausgestattet mit Werken von ETA oder Sellita, „also sehr guten und bewährten Werken, welche seit Jahren in großen Mengen zu günstigen Preisen produziert werden“. Die VK-Preise betragen maximal 5.000 €.

Level 2: Das nächste Level nennt sich „Manufacture“ mit Uhren bis 25.000 €. „Hier kommen Werke zum Einsatz, welche entweder von uns selbst oder exklusiv für uns enwickelt und hergestellt werden.“ Chronographen mit Monopusher oder die „Geosphere“ sind Modellbeispiele für dieses Level.

Level 3: Hier beginnt die Welt von Minerva mit VK-Preisen über 25.000 €. Alle Uhren sind mit Minerva-Werken ausgestattet, werden in Villeret von Hand von einem einzigen Uhrmacher hergestellt, sind nummeriert und auf maximal 100 Exemplare limitiert. Beispiele für dieses Level sind der „Split Second Chronograph“ aus der Linie „1858“ und der „Pulsograph“ aus der „Heritage“-Linie. „Minerva ist die Inspiration für alle Designs und die Uhrwerke für dieses Top-Level“, betont Davide Cerrato.

Level 2 ist das wichtigste und härteste

Gemessen am Marktvolumen ist das zweite Level das wichtgste für Montblanc.

„Aber es ist auch das härteste. Denn hier tummeln sich alle großen Marken mit ihren ikonischen Modellen. Und es gibt ganz klare Regeln für das Spiel in diesem Bereich: alle Uhren müssen fantastisch sein, in punkto Design und Qulität, sie müssen ein Manufakturwerk und eine authentische Geschichte haben. Daher befassen wir uns mit diesem Segment derzeit am meisten. In diesem Spiel mischt auch die ‚Geosphere‘ mit. Und offenbar beherrscht sie die Spielregeln perfekt. Wir freuen uns sehr über den Zuspruch für diese Uhr.“

“1858 Geosphere”

In punkto Produkt hat Montblanc die Hausaufgaben erledigt und kann in der oberen Liga der Uhrenhersteller erhobenen Hauptes mitspielen. Aber sie müssen auch beim Endkonsumenten ankommen. Hier hat sich die Marke für eine klassische Distribution entschieden, „mit eigenen Boutiquen, in denen alle unsere Produkte verkauft werden, und mit Partner-Juwelieren.“

Für letztere sei Montblanc eine sehr gute Alternative zu etablierten Marken, meint Cerrato. Denn „Montblanc-Uhren ziehen Uhrenkäufer in verschiedenen Segmenten an, und wir bieten auch erschwingliche Uhren zu einem hervorragenden Preis-LeistungsVerhältnis an. Selbst bei unseren limitierten Editionen bieten wir tolle Preise wie zum Beispiel beim ‚Split Second Chronograph‘ für 32.500 Euro. Andere Marken rufen für Uhren in dieser Kategorie ganz andere Preise auf.

Montblanc ist auch für Sammler sehr interessant. Ich bin mir sicher, dass die Uhren aus dem Top-Level in den nächsten Jahren eine große Wertsteigerung erfahren werden. Bei der Only-WatchAuktion in diesem Jahr hat unser spezielles Modell des ‚Split Second Chronograph‘ schon 100.000 Franken eingebracht.“

Tags : CerratoMinervaMontblancRichemont
Antje Heepmann

The author Antje Heepmann

Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

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