close

Thomas Krim – der „Herr der Teile“

krim1

Wenn ich eine schöne Uhr sehe, dann kaufe ich sie.“ Dabei sieht Thomas Krim, Inhaber der Firma Ernst Westphal, oftmals zunächst nur das schöne Potenzial eines in die Jahre gekommenen Zeitmessers.

Er ist dann derjenige – und oft auch der einzige –, der die Verwandlung von „Schrott“ zu etwas „Schönem“ in Gang setzen kann.

Thomas Krim aus Hamburg-Harburg liebt Uhren, egal von welcher Marke, egal welchen Typs, egal in welcher Preisklasse. Die Anfänge seines „Faibles“ für Uhren liegen schon eine ganze Weile zurück – und haben sich ganz anders entwickelt als bei den meisten privaten Uhrenliebhabern.

Story continues below
Advertisement

Ein Zufall spielte dabei eine besondere Rolle. Mittlerweile ist aus seiner Leidenschaft eine Profession geworden, und er hilft als „Experte für hoffnungslose Fälle“ anderen Uhrenliebhabern.

Militanter Sammler

30 Jahre lang hat Thomas Krim, der aus Ahrensburg stammt, Software entwickelt. In der Kleinstadt nördlich Hamburgs entdeckte er auch seine Liebe zu den tickenden Kleinoden, und zwar in Form einer Silberuhr mit Eta-Werk, die er im Schaufenster eines Juweliers entdeckte und kaufte.

„Dieses hübsche Unikat hatte ein Goldschmied angefertigt und kostete damals die für mich horrende Summe von 400 D-Mark. Ich habe dafür sogar einen Kleinkredit aufgenommen, denn damals war ich noch Lehrling. Das war der Anfang meines Uhren-Faibles“, erinnert sich Krim.

In der Folge kaufte er alle Uhren, die ihm gefielen und die er sich leisten konnte. „Als die Swatch auf den Markt kam, habe ich eine nach der anderen gekauft. Ich bin mit den buntesten Dingern am Handgelenk herumgelaufen. Das ging alles querbeet, hat sich aber irgendwann ein wenig gegeben.“

Und dann kam sein 40ster Geburtstag, zu dem er einen 40 Jahre alten, aber nagelneuen und original verpackten, mechanischen „Chronomat“ von Breitling geschenkt bekam.

Das war ein kleiner Chronograph mit einem Venus-175-Werk.“ Mit diesem Geschenk kam auch die Erinnerung an einen Chronographen wieder auf, den sein Vater getragen hatte.

„Das war ein alter ›Chronographe Suisse‹, also im Prinzip ein Brot-und-Butter-Chronograph aus den 1950er-Jahren. Die waren in der Regel mit einem Venus- , Valjouxoder Landeron-Werk ausgestattet, hatten ein ganz dünnes Gehäuse aus Goldblech und kosteten damals sage und schreibe 2.000 D-Mark. Ich sollte ihn eigentlich von meinem Vater bekommen, aber irgendwann war die Uhr verschollen.“ Geschenk und Erinnerung waren der Auslöser für das Sammeln von alten Chronographen –, und zwar „militantes Sammeln“.

Und wie das mit alten Sachen so ist, „es war immer irgendetwas an den Dingern zu machen, und man brauchte immer Teile. Da ich handwerklich nicht ganz ungeschickt bin, ruhige Hände und einen guten Blick habe, habe ich angefangen, die Uhren selbst zu reparieren. Dafür habe ich mir alte Fachbücher gekauft und einen Uhrmacherkurs absolviert.“

Begeistert haben ihn vor allem amerikanische Art-Deco-Herrenuhren aus den 1940er-Jahren, zum Beispiel von Gruen Curvex oder Hamilton. „Gruen Curvex hatte die ersten Uhren, die entsprechend des Handgelenks gebogen waren. Für solche Uhren haben Sie in Deutschland keine Teile bekommen. Ich habe diese dann in den USA besorgt und mir so nach und nach ein Netzwerk aufgebaut“, berichtet er.

„Ich hatte irgendwann an die 300 Uhren, die ich nicht nur repariert, sondern auch restauriert hatte.“ Dazu gehörten zum Beispiel Gehäusevergoldungen in der eigenen Galvanik. „Das war alles noch Hobby – allerdings schon so weit gediehen, dass ich letztendlich diese Uhren auch wieder loswerden wollte. Denn immer, wenn ich eine Uhr fertig hatte, hatte ich die Lust an ihr verloren. Dann war sie schön und fertig, aber getragen habe ich sie nicht.“

Die Faszination besteht für Thomas Krim im Prozess der Instandsetzung, weniger im Besitz einer Uhr: „Aus Schrott etwas Schönes zu machen“, das ist sein Ziel. Verkauft hat er seine reparierten und restaurierten Schätze auf Antikmärkten.

„Die Uhren haben sich wie geschnitten Brot verkauft – auch weil diese Art-Deco-Uhren in Deutschland sehr selten sind. Und meine Uhren sahen immer wie neu aus, obwohl sie 60, 70 Jahre alt waren.“

Das Kaufen und Verkaufen alter Uhren macht er heute nicht mehr. Dennoch ist er als „Herr der Teile“ immer noch maßgeblich daran beteiligt, dass alte Schätzchen zu neuem Glanz gelangen.

Zufall sei Dank

Der Zufall entschied schließlich darüber, dass aus der Leidenschaft eine Profession wurde. „Ich stand mit meinen Uhren auf den Harburger Antiquitäten-Tagen und es kam ein älteres Ehepaar zu mir, das meine Triebnietmaschine, die ich als Deko in meiner Vitrine hatte, sofort als solche erkannte. Das kommt nicht oft vor, obwohl diese Maschine zu den wichtigsten eines Uhrmachers gehört.“

Im weiteren Verlauf des Gesprächs stellte sich heraus, dass es sich um das Ehepaar Westphal handelte, das das Geschäft Ernst Westphal für Uhrenersatzteile in Hamburg betrieben hatte. „Erst zwei Tage zuvor hatte ich dort vor verschlossener Tür gestanden.“

Denn zwei Jahre zuvor hatte das Ehepaar das Unternehmen inklusive eines riesigen Uhrenteile-Lagers an einen Uhrmacher verkauft, welcher aber nach kurzer Zeit das Geschäft geschlossen und das Lager in einer Scheune in Mecklenburg-Vorpommern eingelagert hatte.

„Diesen begnadeten Uhrmacher, Jürgen Marquard, rief ich dann an und fragte ihn nach einer Aufzugswelle für ein altes Landeron 48. Ein paar Tage später stand er mit diesem Chronographenkaliber vor meiner Tür.“ Damals fragte sich Thomas Krim bereits, ob er bis zum Ende seines Berufslebens Programmierer bleiben solle, oder ob es nicht noch etwas anderes geben könnte. Gab es – Uhren!

Er fragte Jürgen Marquard, ob er das Unternehmen Westphal samt Lager kaufen könne. Die Antwort war Ja. Und so machten der EDVler Thomas Krim und der Uhrmacher Jürgen Marquard das Geschäft Ernst Westphal im Hamburger Nagelsweg am 1. Oktober 2006 wieder auf, 2008 übernahm Krim das Geschäft dann komplett.

Aller Anfang ist schwer

„2007 und 2008 warf die Firma nicht einmal genug ab, um die Miete zu zahlen, da musste ich Geld mitbringen“, erinnert er sich. Aber als Software-Profi erfasste er die alte Kundendatei digital und erstellte eine Homepage samt Webshop.

„Und irgendwie hat es sich dann sehr schnell herumgesprochen, dass man bei mir Uhrenteile bekommt, die sonst niemand mehr liefern kann.“ Schließlich gibt es Furnituristen wie Krim kaum noch, in Hamburg ist er der letzte seiner Zunft.

2013 zog Thomas Krim mit seinem Geschäft nach Harburg um und hat heute rund 70.000 Kunden – weltweit. Dazu gehören bekannte Luxusuhrenhersteller – „Ich habe Teile, die die Marken selber nicht mehr haben.“ – ebenso wie Uhrmacher, Juweliere, Sammler und private Uhrenliebhaber oder -bastler. Dabei stellt er in letzter Zeit eine gestiegene Nachfrage aus Russland und Hongkong fest.

Der „Herr der Teile“

Sein Lager umfasst „geschätzt sechs Millionen Uhrenteile, genau weiß ich es selber nicht.“ Außerdem liefert Ernst Westphal Werkzeuge, Serviceartikel und hochwertiges Zubehör wie Armbänder, Schließen und andere Ersatzteile für Luxusmarken wie Rolex und Omega, IWC, TAG Heuer, Zenith und Hublot, aber auch für SINN und Bell & Ross.

„Obwohl ich kein Konzessionär bin, werde ich mit Ersatzteilen beliefert. Da habe ich eine kleine Sonderstellung, da ich weltweit bekannt bin, man bei mir in jeder Sprache bestellen kann und ich überall hin liefere. Das wäre für die Marken selbst viel zu aufwändig beziehungsweise für die Kunden viel zu umständlich, zum Beispiel aus er hintersten Ecke Russlands eine Uhr nach Deutschland oder in die Schweiz zur Reparatur zu schicken.“

Angefragt wird alles, auch Teile für ursprünglich günstige Uhren, die aber für den Besitzer einen hohen ideellen Wert haben. „Man kann mit einem Sekundenrad Menschen glücklich machen – auch wenn das Teil samt Reparatur drei Mal so teuer kommt wie die Uhr ursprünglich insgesamt war.“

Aber nicht nur für mechanische Zeitmesser finden sich zig Teile in seinen Schubladenschränken. Auch frühe elektronische Uhren sind für ihn kein Problem: „Manche dieser Stücke sind technisch wie optisch ganz faszinierende Zeitzeugen“, erläutert er am Beispiel einer „Time Computer II“ von Omega aus seiner eigenen Sammlung.

Es gibt es aber tatsächlich Teile, die auch Thomas Krim bislang noch nicht auftreiben konnte, „trotz meines weltumspannenden Netzwerkes. Manche Teile existieren scheinbar einfach nicht mehr. Aber ich gebe so schnell nicht auf – zu Recht.“

Das Omega-Chronographen-Kaliber 321 aus den 1950er/60er-Jahren ist so ein Fall. Für dieses Werk der „Speedmaster“ gab es keine Herzhebelfeder mehr – „da war nichts mehr zu machen“. Jetzt lässt er dieses Ersatzteil, und auch andere vergriffene Teile für anderer Kaliber in Deutschland nachfertigen beziehungsweise fertigt sie mittlerweile selbst.

„Es hat ein wenig gedauert, sich die Expertise der Fertigung von Uhrenersatzteilen anzueignen, aber damit sind wir jetzt durch. Mittlerweile fertigen wir diverse stark nachgefragte, aber nicht mehr erhältliche Ersatzteile für hochwertige Kaliber von Omega, Zenith, Breitling, Valjoux und Enicar selbst. Wir sind also autark.“

Tags : Ernst WestphalJürgen Marquardpre-ownedThomas KrimUhrenersatzteilevintage
Antje Heepmann

The author Antje Heepmann

Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

Leave a Response