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Stéphane Waser (Maurice Lacroix): „Die letzten Monate waren sehr effizient.”

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Effektive Zeiten: Als solche beschreibt der Managing Director von Maurice Lacroix die vergangenen Monate. Denn abseits aller Tragik, die die Corona-Pandemie zweifelsohne mit sich bringt, führt sie Menschen auch enger zusammen.

Stéphane Waser ist seit 2008 bei der Schweizer Uhrenmarke Maurice Lacroix, seit 2014 als Managing Director. Seit Juni 2018 ist er außerdem Geschäftsführer der europäischen Vertriebsorganisation DKSH Luxury & Lifestyle Europe in Pforzheim. Maurice Lacroix gehört seit 2011 mehrheitlich zum DKSH-Konzern für Marktexpansionsdienstleistungen mit Hauptsitz in Zürich.

WatchPro Deutschland traf Stéphane Waser auf den Geneva Watch Days und erfuhr, wie sich die Uhrenmanufaktur in den vergangenen Monaten, die er als sehr effizient bezeichnet, geschlagen hat, und wie er die Marke auf die Zukunft vorbereitet.

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WatchPro: Wie begegnen Sie der aktuellen Corona-Zeit bei Maurice Lacroix?

Stéphane Waser: Man muss immer sehr agil und flexibel sein. In der aktuellen Situation mehr als sonst, denn eine langfristige Planung ist momentan nicht möglich. Dies hat sich unter anderem auch bei den Geneva Watch Days gezeigt, die eigentlich Ende April stattfinden sollten und dann auf Ende August verschoben wurden. Alles musste umgeplant werden, und dennoch können leider viele Geschäftspartner und Besucher aufgrund der aktuellen Reisebeschränkungen nicht persönlich hier sein.

Trotzdem gelang es uns, alle geplanten Termine mit unseren Schweizer Händlern wahrzunehmen, und auch alle vereinbarten Interviews haben stattgefunden beziehungsweise finden noch statt. Es ist auch spannend, ein virtuelles Interview zu führen, danach ein physisches und anschließend wieder zwei virtuelle Interviews. Auf diese Weise können wir unseren Plan sehr gut einhalten.

Als es im März mit dem Lockdown losging, haben wir uns als Geschäftsleitung und Team gesagt: wir wissen, jetzt liegen zwei oder drei Monate vor uns, in denen eigentlich nicht viel passieren wird. Sollen wir einfach abwarten, bis es vorbei ist? Aber wir sind zu dem Entschluss gekommen, dass es nie wieder so sein wird wie davor. Also haben wir uns gefragt: Wie nutzen wir diese Zeit sinnvoll, um für die Zukunft zu planen? Wie gestalten wir in Zukunft unser Geschäft? Es kommen ständig neue Herausforderungen auf uns zu.

Als der Lockdown nach und nach zu Ende ging, hätten wir zum Beispiel nie gedacht, dass die Reisebeschränkungen und Quarantänevorschriften einen solch großen Einfluss auf die Wirtschaft und den Konsum haben würden. Also haben wir verstärkt auf Digitalisierung gesetzt. Trotzdem mussten wir unseren Plan und unsere Strategie für dieses Jahr nicht wirklich ändern. Das heißt, Zielrichtung, Planung, Rhythmus, Neuheiten-Lancierungen und so weiter, all das haben wir beibehalten. Lediglich einen großen Launch, der in Basel hätte stattfinden sollen, haben wir verschoben, da das Produkt angesichts der aktuellen Situation nicht gepasst hätte.

Die vergangenen Monate waren also sehr spannend, und alle haben sich sich viel stärker fokussiert. Daher waren die letzte Monate sogar sehr effizient.

WatchPro: Sie haben eben gesagt, es wird nie wieder so sein, wie vor Corona. An welche Veränderungen denken Sie da in erster Linie?

Stéphane Waser: Vor allem an das Thema Digitalisierung. Dazu gehört auch das Arbeiten im Homeoffice, das bei uns auch vor Corona schon üblich war. Wir sind eine junge und moderne Firma, da ist die Möglichkeit des Homeoffice eigentlich selbstverständlich. Als es mit dem Lockdown losging, konnten die Mitarbeiter aus dem Vertrieb, Marketing und so weiter sofort komplett ins Homeoffice wechseln, von wo aus sie zum Teil schon vorher zwei Tage pro Woche gearbeitet haben.

Und obwohl wir auf der einen Seite zwar räumlich getrennt waren, hat es uns auf der anderen Seite mehr zusammengebracht. Es entstand dieses gute Gefühl, dass wir zusammen durch diese Krise gehen werden. Die interne Stimmung ist dadurch tatsächlich noch besser geworden.

WatchPro: Und wenn man den Blick auf das Konsumenten-Verhalten richtet, was wird sich da Ihrer Meinung nach ändern? Und sind diese Änderungen eher gut oder eher schlecht für die Uhrenbranche?

Stéphane Waser: Wir haben zum Beispiel in Deutschland während des Lockdowns gut verkauft. Wir haben große Key Accounts dort, die trotz der Schließung gute Umsätze erwirtschaften konnten, vorrangig online. Das bedeutet, dass der Konsument gelernt hat, auch in einem Preissegment, in dem Maurice Lacroix zu Hause ist, online einzukaufen.

Normalerweise informiert man sich vor dem Kauf einer Uhr ganz genau, meist online, und anschließend geht man zum Händler, um diese zu kaufen. Als die Geschäfte geschlossen waren, haben sich einige dafür entschieden, abzuwarten, aber erstaunlich viele haben sich auch dazu entschlossen, online zu kaufen.

Was uns interessanterweise momentan tatsächlich hilft, sind die verhängten Quarantänen. Der Grund ist ganz einfach. In den letzten Jahren ist Luxus immer mehr zum Erfahrungs-Luxus geworden. Dazu gehören Reisen, spezielle Hobbys und so weiter. Während einer verhängten Quarantäne oder auch aufgrund der Reisebeschränkungen ist ein Erfahrungs-Luxus dieser Art nicht möglich, die Menschen können zum Beispiel kaum ins Ausland reisen, um Urlaub zu machen. Dieses Geld steht jetzt quasi „zur Verfügung“ und wird teilweise für Uhrenkäufe verwendet. In Russland ist es ganz extrem. Unser Distributor dort hat zwei Rekordmonate hinter sich.

WatchPro: Denken Sie, dass dieser Online-Anteil wieder zurückgehen wird, wenn sich die Zeiten beruhigen? Stichwort Einkaufs-Erlebnis am PoS.

Stéphane Waser: Ich denke, viele Menschen haben ihre Einkaufsgewohnheiten dauerhaft geändert und während des Lockdowns sozusagen ihre Online-Einkaufskompetenz trainiert. Das gilt nicht nur für den Luxus-Bereich. Das gilt zum Beispiel auch für ältere Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen Produkte des täglichen Bedarfs online bestellt haben, um nicht vor die Tür gehen zu müssen.

Mir hat gestern jemand etwas Hochinteressantes über menschliche Gewohnheiten berichtet. Wenn man ein Verhalten 20 Tage lang praktiziert hat, dann hat man es adaptiert, dann ist es eine Gewohnheit geworden. Und der Lockdown ging definitiv länger als 20 Tage, und die Pandemie ist längst nicht vorüber. Daher wird diese Corona-Krise einen größeren Effekt auf das Konsumverhalten haben als viele momentan denken.

WatchPro: Das bedeutet dann aber für viele Juweliere, dass sie verstärkt online aktiv und präsent sein müssen.

Stéphane Waser: Ja. Wir haben gemerkt, dass Juweliere und auch Key Accounts, die sich zuvor zwei oder drei Jahre lang mit der Digitalisierung beschäftigt hatten, unter anderem auch mit eigenen Onlineshops, während des Lockdowns weiterverkaufen konnten.

Dann gab es Juweliere, die erst während der Krise mit dem Thema Digitalisierung begonnen haben, sei es auf Instagram aktiv zu sein oder einen Onlineshop zu betreiben. Allerdings war das ein wenig zu spät. Das geht nicht von heute auf morgen. Ein Onlineshop muss gut aussehen und reibungslos funktionieren, die Customer Journey muss genau geplant sein. Diejenigen, die schon vorher aktiv waren, konnten sich im Onlinebereich verbessern, für diejenigen, die erst während der Krise die Digitalisierung entdeckt haben, war es leider weniger erfolgreich.

Aber durch die Pandemie ist vielen bewusst geworden, dass eine Dual-Strategie ideal und sehr effizient ist. Denn natürlich ist es für die Verbraucher auch schön, in ein Geschäft zu gehen. Uhren muss man spüren und erleben.

WatchPro: Wie sehr hadern Sie mit der aktuellen Messesituation in der Schweiz? Andererseits haben Sie Ihre Roadshow-Strategie.

Stéphane Waser: Wir schauen immer, welches Ziel wir uns gesetzt haben und wie wir dieses erreichen können. Natürlich muss man im Laufe des Jahres Möglichkeiten wie die Inhorgenta, zu der wir uns für 2021 bereits angemeldet haben, oder unsere Roadshow einplanen, bei denen sich Marken, Händler und Distributoren versammeln, um Geschäfte zu tätigen.

Für Geschäfte benötigt man persönliche Kontakte. Aber ob diese Möglichkeiten nun Baselworld, Watches & Wonders oder HourUniverse heißen, spielt für uns keine große Rolle. Unser Ziel ist es immer, Kontakte zu knüpfen, Menschen zu treffen und Uhren zu zeigen. Wie gesagt, Uhren muss man spüren.

WatchPro: Unbeirrt von allen anderen Entwicklung scheint der Pre-owned-Markt mit Uhren durch die Decke zu gehen, zum Teil auch mit absurden Preisen. Wie schauen Sie auf diesen Markt?

Stéphane Waser: Ich finde das sehr spannend, denn es beschäftigen sich viele junge Menschen mit diesem Thema. Das hilft auch uns als hauptsächlich mechanische Marke, denn in der Zielgruppe der 18- bis 20-Jährigen hat die Apple Watch richtig Druck gemacht. Daher freue ich mich sehr, dass viele wieder den Weg zur klassischen Uhr gefunden haben und sich auch für mechanische Zeitmesser interessieren.

Das merke ich auch persönlich. Ich bekomme vermehrt E-Mails oder Anfragen von jungen Menschen, die mich über ältere Uhren von uns befragen, die sie irgendwo entdeckt oder auch geerbt haben. Sie wollen wissen, wie viel sie wert sind, ob man sie noch reparieren kann und so weiter. Und dann beschäftigen sie sich mit unserer Marke und sie stellen fest, dass man bei uns auch hochwertige Einsteigermodelle mit Quarzwerken findet, die sich auch junge Menschen leisten können. Später kann dann ja der Umstieg auf Mechanik erfolgen.

Das Spannende ist also, dass junge Menschen über die Beschäftigung mit alten Uhren auf dem Pre-owned-Markt das Thema mechanische Uhr überhaupt erst für sich entdecken und so den Weg zu Marken wie uns finden. Und irgendwann kaufen sie dann vielleicht auch eine neue Uhr von Maurice Lacroix.

Tags : AikonCoronamaurice lacroixPontosstephane waser
Antje Heepmann

The author Antje Heepmann

Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

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