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Pointtec: „Bauhaus“-Zeitmesser aus einem Bauhaus-Gebäude

Ruhla_Geb

Im Sommer letzten Jahres übernahm der deutsche Uhrenhersteller Pointtec alle Mitarbeiter der Gardé Uhren GmbH, die im Juni 2019 Insolvenz anmelden musste. Nach Ismaning bei München, dem Pointtec-Hauptsitz, musste aber niemand umsiedeln, denn die Produktion am Traditionsstandort in Thüringen läuft weiter.

Denn auch schon zuvor ließ Pointtec seine Uhren der Marken Zeppelin, Iron Annie, Junkers, Rosenthal und Maximilian München in Ruhla produzieren.

„Wir freuen uns sehr, die erfahrenen Mitarbeiter weiterhin am Traditionsstandort beschäftigen zu können – eines der Ergebnisse der Anstrengungen des Insolvenzmanagements Siemon, das die Insolvenz von Gardé in den letzten Monaten professionell und engagiert begleitete und so mithalf, den Standort zu sanieren und zu retten“, betonte 2019 Pointtec-Geschäftsführer Willi Birk.

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Bereits seit 1862 existiert in Ruhla eine Fertigung für feinmechanische Bauteile, die 1892 in eine Uhrenproduktion überging. Die Fertigung ist seit 1929 in einem historischen Bauhaus-Gebäuden beheimatet und in DDR-Zeiten wurden hier im „VEB Uhrenwerk Ruhla“ Millionen von Uhren und Uhrwerken hergestellt. Im selben Gebäude befindet sich auch das Ruhlaer Uhrenmuseum, das ebenfalls von Pointtec weitergeführt wird.

Mittlerweile ist die Restauration des historischen, unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes weit voran geschritten. Allen voran im fünften Stock herrscht im modernen, lichtdurchfluteten Ambiente mit Blick auf den Thüringer Wald eine entspannte Atmosphäre, in der unter anderem die Zeitmesser der neunen Pointtec-Marke Bauhaus entstehen.

„Nachdem wir einen gewissen Investitionsstau im Inneren des Gebäudes aufarbeiten mussten – auch, um die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter zu verbessern –, werden wir als nächstes an der Außenfassade beginnen und diese erneuern. Auch das Museum soll ausgebaut und erweitert werden. Momentan befinden wir uns zudem in Verhandlungen über eine weitere Ausstellung mit interessanten Exponaten im Gebäude. Das Gebäude als Ruhlaer Kulturdenkmal ist und bleibt lebendig“, so Willi Birk.

Und man merkt sofort, dass er nicht nur nüchtern als Geschäftsmann spricht, sondern auch emotional als Liebhaber traditioneller Uhrenfertigung. Dennoch ist er als erfahrenen Uhrenproduzent selbstverständlich ein kühler Rechner.

 

„Die Uhrenmontage in Ruhla zu übernehmen und die Mitarbeiter weiter zu beschäftigen, war auf jeden Fall richtig. So konnte unsere bewährte Qualität langfristig gesichert werden, die den erfahrenen Uhrmachern in Ruhla entspringt, die dort teilweise schon seit Jahrzehnten unsere Uhren montieren und diese in- und auswendig kennen. Der Schritt, die Uhrenwerke Ruhla zu übernehmen, war für uns rational sinnvoll, er war 2019 möglich, und wir sind froh darüber, ihn gemacht zu haben. Denn durch diesen Schritt ist Pointtec in die „recht exklusive Riege von Uhrenherstellern mit firmeneigener Produktion aufgestiegen“, betont Birk.

Zudem passt das Produktionsgebäude perfekt zum Portfolio, das stark vom Bauhaus-Stil geprägt ist. Seit kurzem gibt es sogar eine eigene Marke namens Bauhaus. „Uhren im Bauhaus-Design sind bei Pointtec markenübergreifend schon lange im Programm, ebenso lange wurden sie auch schon in Ruhla in Auftrag gebaut. Aber den 1929 von den Jenaer Architekten Schreiter & Schlag nach den damals hochmodernen Bauhaus-Prinzipien geplanten und errichteten Bau nun in unserem Besitz zu wissen, ist schon etwas Besonderes. Bauhaus-Uhren aus unserem eigenen Bauhaus-Gebäude – die Geschichte um unsere Uhren ist damit um eine doch recht schillernde Facette reicher geworden“, freut sich Willi Birk.

Denn die Leute wissen es zu schätzen, wenn sie nicht nur eine gute Uhr, sondern auch ein Stück Geschichte am Handgelenk tragen. „Dem werden wir auch dadurch gerecht, dass wir Ruhla – als Uhren-Stadt bisher nur Kennern der Materie bekannt – als Aushängeschild für Uhren ‚Made in Germany‘ einer größeren Öffentlichkeit bekannt machen wollen. Allein schon die lange Historie der Uhrenwerke Ruhla, deren Grundstein 1862 gelegt wurde, hat das verdient.“

In den Genuss von Uhren mit Geschichte aus dem Bauhaus-Gebäude können eine ganze Menge Menschen kommen, jährlich entstehen in Ruhla rund 150.000 Pointtec-Uhren. Und es sollen sogar mehr werden, aber mit Bedacht.

„Natürlich wollen wir die Stückzahlen weiter steigern und haben in dem Gebäude auch mehr als genug Platz, das zu tun. Wichtig ist uns aber ein organisches, gesundes Wachstum. Aktuell suchen wir in der Region Auszubildende für das Uhrmacherhandwerk“, betont Birk, der in Partnerschaft mit Zulieferern, „die auch bekannte Hersteller von Luxusuhren mit Komponenten beliefern“, außerdem an anderen Standorten in Deutschland produzieren lässt. „Trotzdem ist eine Uhr nun mal mehr als die Summe ihrer Teile – die hohe Qualität unserer Uhren entsteht in Ruhla.“


Traditioneller Uhrenstandort Ruhla

Die Uhrenherstellung in Ruhla reicht vom Deutschen Kaiserreich bis in die Gegenwart. Alle politischen Umbrüche, von der Monarchie über die Weimarer Republik, die Diktatur des Nationalsozialismus, den sozialistischen Staat der Nachkriegszeit bis hin zur Wiedervereinigung 1990 hat die Uhrenproduktion in der Mitte Deutschlands überstanden. Kaum eine andere Region in Deutschland kann eine derart lange und facettenreiche Tradition an Technologien aufweisen.

In Ruhla wurden 100 Jahre lang mechanische Uhren hergestellt, von 1891 bis 1991. Elektromechanische Uhren entstanden hier von 1963 bis 1975, analoge Quarzuhren von 1976 bis 1991 und digitale Quarzuhren wurden von 1979 bis 1990 gefertigt. Selbst integrierte Schaltkreise für Uhren wurden in einer eigenen Chipfabrik von 1983 bis 1989 produziert. Analogen Funkarmbanduhren wurden in Ruhla 25 Jahre lang hergestellt.

(Die Informationen stammen aus einem Vortrag von Artur Kamp zum Internationalen Uhrenkongress 2019 „Time-Made in Germany“ von der Deutschen Gesellschaft für Chronometrie und der Amerikanischen Association of Watch and Clock Collectors. Artur Kamp war Direktor für Forschung und Entwicklung in der VEB Uhren- und Maschinenfabrik Ruhla und Mitbegründer und Geschäftsführer der Gardé Uhren und Feinmechanik Ruhla. Heute ist er Vorsitzender des Museumsbeirates des Ruhlaer Uhrenmuseums und des Fördervereins Uhrentradition Ruhla.)

Tags : bauhauspointtecRuhlaWilli Birk
Antje Heepmann

The author Antje Heepmann

Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

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