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MeisterSinger und die „Zeit, sich selbst näher zu kommen“

Meistersinger

Stopp! Wenn Manfred Brassler dieses Wort nicht im richtigen Moment gesagt hätte, würde es die Marke MeisterSinger heute vermutlich nicht geben – zumindest nicht als eine Marke, die sich auf Einzeigeruhren spezialisiert hat.

Das gilt wohl auch für das Zusammentreffen mit John van Steen, der seit 2003 bei der Marke tätig ist, seit Anfang 2019 gemeinsam mit Manfred Brassler als Geschäftsführender Gesellschafter. Das glückliche Timing beziehungsweise das Zur-richtigen-Zeit-am-richtigen-Ort-Sein, um das eine richtige Wort zu sagen oder die richtige Frage zu stellen, hat ausgerechnet dazu geführt, dass sich eine Uhrenmarke etabliert hat, die es mit der Zeit gar nicht so genau nimmt.

Denn MeisterSinger ist mehr als einfach nur eine Uhrenmarke. Und das Konzept der Einzeigeruhren ist mehr als eine geschickte Produktstrategie. MeisterSinger steht für eine bestimmte Philosophie und Haltung. Das wird einem schnell klar, wenn man sich mit den beiden Männern im Firmensitz im Hafenweg 46 in Münster unterhält.

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Die beiden Männer, die hinter den Einzeigeruhren aus Münster stehen, sind dabei nicht nur optisch ganz unterschiedlich. Manfred Brassler ist ein nachdenklicher Beobachter und Feingeist mit einem verschmitzten Humor, der sich viele Gedanken über das Leben, die Zeit und das Erleben von Zeit macht. Dabei lässt er seine Gedanken auch gerne schweifen und fließen und erinnert sich so im Gespräch daran, dass die Gründungsphase von MeisterSinger vor fast 20 Jahren keine leichte Zeit war.

John van Steen lacht gerne, ist sehr präsent und viel unterwegs, um Menschen zu treffen. Mit seiner stets positiven Grundstimmung schafft er es, seine Mitmenschen zu begeistern – am liebsten für Uhren von MeisterSinger.

Sie haben aber auch viele Gemeinsamkeiten. Beide hören sehr gut zu, analysieren das Gehörte und ziehen ihre Schlüsse daraus. Und beide strahlen auf ihre ganz eigene Art und Weise aus, dass Zeit nicht unweigerlich mit Zeitdruck in Verbindung stehen muss. Obwohl das am Anfang noch nicht so klar war.

Der Anfang

Seine Anfänge in der Uhren- und Schmuckbranche erlebte Manfred Brassler als Autodidakt beziehungsweise als „junger, aufgeschlossener Juwelier“ in München. Irgendwann wollte er sein Gespür für Trends auch in eigene Uhren umsetzen, gründete 1989 Watchpeople und ließ von namhaften Designern modische Quarzuhren entwerfen, die für 100 bis 250 Euro verkauft wurden.

Im Jahr 1999 verkaufte er das Unternehmen an einen Fabrikanten nach Hörstel bei Münster und zog als Geschäftsführer von München ins Münsterland. „So bin ich als Bayer in Nordrhein-Westfalen gelandet. Aber bereits nach drei Monaten merkte ich, dass ich bei dem neuen Inhaber nicht alt werden würde. Also setzte ich alles daran, wieder in die Selbstständigkeit zu kommen. In Münster. Denn meine Frau und meine drei Kinder waren ja mitgekommen. Wir hatten ein Haus gekauft und an eine Rückkehr nach München war nicht zu denken.“

Der Gedanke, eine eigene Uhrenmarke ins Leben zu rufen, lag nicht fern. Ein guter Freund bestärkte Brassler damals: „Mach doch eine echte mechanische Uhrenmarke und nicht diese Mode-Quarz-Design-Ticker, die du früher gemacht hast.“ Ihm war schnell klar, dass er etwas Eigenständiges ins Leben rufen wollte, etwas, das dem Trend entgegenläuft und eher wie die von ihm so geschätzten ursprünglichen Messinstrumente aussehen.

„Etwas, das heraussticht aus dieser Kiste an Armbanduhren, in der hunderte von Marken miteinander konkurrieren und die sich, weil jeder etwas hinzufügt, am Ende doch wieder alle ähneln. Ursprünglichkeit, das war also sein Ausgangsgedanke. Und er bestellte die ersten Teile. Als diese kamen machte sich sein Uhrmacher aus der Nachbarschaft daran, alles zusammenzufügen.
Beim Zeigersetzen fiel dann das Wort „Stopp“ aus dem Mund von Manfred Brassler. Und zwar bevor der zweite Zeiger gesetzt wurde. „Denn es sah aus wie ein ultimatives Messeinstrument. Warum sollte man das ändern?“ Einzeigeruhren hatte er zwar auch schon bei Watchpeople gemacht, aber das waren modische orientierte Quarzuhren. Brassler wollte Mechanik, am liebsten mit Handaufzug.

„Ich war mir dessen bewusst, dass es eine Herausforderung sein würde, damit an den Markt zu gehen, weil nicht jeder seine Gewohnheiten beim Ablesen der Zeit ändern will. Aber meine Hoffnung war es, dass es genug Menschen geben wird, die den Gedanken interessant finden, auf eine so charmante Art und Weise die Zeit abzulesen. Eine Uhr zum entspannen, die dich beruhigt und ermuntert, gelassen mit der Zeit umzugehen.“ Das war 2001, das Gründungsjahr von MeisterSinger.

Die Botschaft

Die Botschaft von MeisterSinger war am Anfang allerdings nicht so klar, wie es heute erscheint. „Diese Klarheit kam mit den Zuschriften meiner Käufer. Ich habe mir dieser Tage einige davon angesehen. Da heißt es zum Beispie ‚Die erste Uhr, die mir Zeit schenkt.‘ ‚Das Schöne an der Uhr ist, dass sie nicht nur zum Ablesen der Zeit da ist, sondern es ist einfach beruhigend, darauf zu schauen.‘

Und ein Journalist der Uhrenpresse hat damals geschrieben: ‚Die Details einer MeisterSinger sind eher unspektakulär, aber in der Summe ergeben sie ein erstaunliches Seh-Erlebnis. Und es kommt der Verdacht auf, dass das Konzept nicht mehr so perfekt wäre, wenn man auch nur eines der Gestaltungselemente wegnehmen würde.‘ Ein größeres Lob hätte ich mir nicht vorstellen können.“

Die Lebensdauer

Es ist bekannt, dass Produkte nach einigen Jahren Ermüdungserscheinungen zeigen. Es kam anders, so Manfred Brassler. „Das Verblüffende ist, dass die ‚Nummer 1‘ nach bald 20 Jahren mit ihren gesichtsgleichen Schwestern und Brüdern – auch die Nr. 3 mit Automatik – mit ihrem ganz zurückgenommenen und klaren Design in der Kollektion immer noch ganz vorne mitspielt. Der große Segen für die Marke ist bis heute, dass Eigenständigkeit und höchster Wiedererkennungswert von Anfang an als das bestimmende Element für den Erfolg angelegt waren.“

Dem Kunden zuhören

Die Baselworld war von Anfang an sehr wichtig für Manfred Brassler. Hier begegnete er bereits 2003 dem Holländer John van Steen. „Da stand ich auf fünf Quadratmetern zur Untermiete und habe meine zwölf Uhren präsentiert. Und es schlich so ein Langer um die zwei Vitrinen, wollte aber erst gar nicht angesprochen werden, sagte nur, dass er noch mal wiederkommen würde.“, erinnert sich Brassler. Das tat er und gleich nach der Baselworld begann er mit dem Vertriebsaufbau in Holland.

Van Steen machte die Marke ganz groß in den Niederlanden und so war es keine Überraschung, dass er ab 2013 die Leitung des internationalen Vertriebs übernahm und seit 2019 gemeinsam mit Manfred Brassler als Geschäftsführender Gesellschafter die Geschicke der Marke leitet. Hellwach sein und Zuhören, diese Eigenschaften schätzte Manfred Brassler an John van Steen ganz besonders.

„John war einer der wenigen Außendienstler, die wirklich etwas bei ihren Kundenbesuchen mitbekommen haben. In den Jahren, in denen ich als Einmannbetrieb selbst die Kunden besucht habe, habe auch ich enorm profitiert von den Gesprächen und Erfahrungen mit den Fachhändlern. Durch diese laufenden Feedbacks habe ich sehr viel gelernt über die eigene Marke und konnte so laufend Dinge verbessern. Ab 2003 war dann John mein zweites, wichtiges Ohr am Kunden und gemeinsam haben wir die Marke jedes Jahr erfolgreicher gemacht.“

Was Corona verändert

„Ich versuche weiterhin der Impulsgeber zu sein“, ergänzt van Steen. „Ich bin viel unterwegs. Während des Shutdowns ging das natürlich nicht und wir sind mit unseren Kunden und dem Außendienst über Videokonferenzen im Kontakt geblieben. Ich denke, nach Corona wird einiges davon bleiben, auch die Video Calls, und das ist sehr positiv. Zum Beispiel mit dem Außendienst. In der Vergangenheit sind sie jeden zweiten oder dritten Monat nach Münster gekommen. Vielleicht macht man das nach Corona seltener, dafür aber jeden Monat einen Video-Call. Da hat man mehr Kontakt, man sieht einander öfter, es kostet weniger Zeit und ist umweltfreundlicher. Aber es ist persönlicher als eine Mail.“

Und wann wird es wieder aufwärts gehen, wann wird MeisterSinger an die sehr guten Zuwächse aus der Vor-Corona-Zeit anknüpfen ? Darauf antwortet er ganz offen und ehrlich: „Ganz klar: in diesem Jahr nicht. Obwohl sich alles weit positiver entwickelt als wir im März prognostiziert hatten. Wenn ich mit Geschäftsführern von anderen Uhrenmarken spreche, läuft es bei uns vergleichsweise gut. Wir sind eine kleine Firma, wir sind flexibel, wir können schnell reagieren. Und wir sind glücklich, dass wir nicht von China, Amerika oder Indien abhängig sind. Unsere Hauptmärkte sind Europa, Frankreich, Belgien, Niederlande, Deutschland und Österreich.“

 

Und speziell von den Juwelieren in den Niederlanden, Deutschland und Österreich erhält er durchaus positives Feedback. „Unsere Fachhandelspartner verkaufen Uhren ab 1.000 Euro und die machen mittlerweile wieder den gleichen Umsatz oder sogar ein kleines Plus. Beim Einkauf sind allerdings alle sehr vorsichtig, weil man nicht weiß, was noch passiert. Kommt ein zweiter Lockdown, dann habe ich mein Lager voll. Me, myself and I spielt beim Einkauf in der Corona-Zeit eine sehr große Rolle, das hat mich ein wenig erstaunt. Die Partnerschaftlichkeit wird während Corona schon sehr auf die Probe gestellt.“

Manfred Brassler ist dennoch optimistisch, vor allem mit Blick auf das kommende Jahr mit vielen hochinteressanten Neuheiten zum 20sten Jubiläum. „Außerdem rüsten wir unsere Online-Kommunikation auf. Und es gibt noch so viele andere Dinge, die wir verbessern können, müssen und wollen.

Dabei kann er dieser Krisenzeit auch Positives abgewinnen, obwohl er mit seinen 67 Jahren gedanklich schon damit beschäftigt war, sich irgendwann aus der Firma zurückzuziehen. „Ich fühle mich im Moment wieder wie in den ersten Jahren, in denen man alles selber machen musste. Das belebt mich und gefällt mir ungemein gut, vor allem, wenn ich sehe, das wir etwas voranbringen. So surfen wir eigentlich gerade ganz ruhig durch die Zeit, alles ist gut. Auch unsere Kunden sind mehrheitlich wieder sehr zuversichtlich und glauben gemeinsam mit uns an die Zukunft.“

Dabei beruht dieser Optimismus nicht nur auf seinem Bauchgefühl, sondern auch auf Zahlen, zum Beispiel zur „City“-Edition, die in Zusammenarbeit mit den Juwelieren der jeweiligen Städte entstehen. „Zu John habe ich gesagt, dass wir uns das in diesem Jahr in die Haare schmieren können. Selbst, wenn sie bestellt wird, bleiben wir darauf sitzen. Und auch wenn es nicht 500 oder 600 Exemplare wie sonst waren, haben wir schon jetzt über 300 Stück verkauft. Es hat mich überrascht, wie sehr uns die Fachhändler auch in schwierigen Zeiten die Stange halten.

Die Philosophie

„Was jeder weiß: MeisterSinger steht für Einzeigeruhren und wir bringen die Zeit mit dem einzelnen Zeiger buchstäblich auf den Punkt. In gewisser Weise ist der zweite Zeiger ein Symbol für die Beschleunigung unseres Lebens seit der industriellen Revolution und dominiert seitdem unser aller Leben. Und tatsächlich ist der Moment die einzige Realität, die wir haben. Und trotzdem verbringen wir fast unser ganzes bewusstes Leben Kraft unserer Gedanken in der Vergangenheit oder in der Zukunft“, lässt er seine Gedanken im Gespräch fließen.

„Fragt man unsere Kleinsten nach dem Sinn des Lebens, so erhält man die überzeugendste Antwort: Sie leben im Moment und alles erfüllt sich für sie. Jede MeisterSinger erinnert uns Erwachsene daran, nicht zu vergessen, dass die Schönheit, die Wahrheit und das Glück letztlich im Auge des Betrachters liegen. So sehr uns unsere Konsumgesellschaft auch etwas anderes weis machen will.“

Haltung und Zeitgeist

MeisterSinger steht auch für eine ganz klare Haltung und für bestimmte Werte. Und die gilt es noch besser zu vermitteln, betont John van Steen: „Wir wissen, dass unser Produkt einzigartig ist. Aber unsere Philosophie ist noch nicht so bekannt. Mit rund 10.000 verkauften Uhren im Jahr sind wir nach wie vor so etwas wie ein Geheimtipp. Und das gibt uns ein gutes Gefühl. Aber die Markenphilosophie spielt uns eindeutig in die Karten. Inzwischen hat auch der Letzte begriffen, dass wir einen Schritt zurückgehen müssen, um erfolgreich in die Zukunft zu gelangen. Die Zeiten der überstürzten Entscheidungen soll zu Ende gehen und wir müssen uns auf die wahren Stärken besinnen, die uns auszeichnen. Gier und Rücksichtslosigkeit sollten nicht weiter die Triebfedern unserer Gesellschaft und unserer Kultur sein.“

Haltung steht bei MeisterSinger also auch für gesellschaftliche Veranwortung, der Taten folgen. Jüngstes Beispiel ist die Spendenaktion, bei der ab April von jeder in den Niederlanden, Deutschland und Österreich im Onlineshop der Marke verkauften Uhr 100 Euro an das Rote beziehungsweise Grüne Kreuz der drei Länder gingen. Die Spendenaktion wurde nach Beendigung des Lockdowns auf die stationären Verkäufe ausgeweitet, sodass über 16.000 Euro an die drei Organsiationen übergeben werden konnten. Und die soziale Verantwortung soll nicht mit dem Ende der Corona-Krise enden. „Wir werden uns weiter engagieren“, erläutert van Steen.

Der partnerschaftliche Gedanke wird bei MeisterSinger in allen Bereichen großgeschrieben. So sind die Fachhandelspartner an jedem Verkauf im Onlineshop nahezu mit ihrer gewohnten Marge beteiligt. Und das konnten viele erst gar nicht glauben und haben nach dem Kleingedruckten gesucht, erinnert sich Brassler.

„Mit der Zeit ist das Misstrauen gewichen. Und jetzt bekommen wir regelmäßiges positives Feedback von den Fachhandelspartnern. Der Hauptteil unseres Umsatzes wird ürigens immer vom Fachhandel kommen. Aber man darf die Augen nicht verschließen. Es gibt auch Konsumenten, die nur online kaufen. Und die möchten wir auch gerne bedienen. Aber, wir sind Partner des Fachhandel, also machen wir das zusammen. Und dafür bekommen wir inzwischen viel Lob.“

„Natürlich sucht jeder Kunde nach dem Produkt oder der Marke, in der er sich und seine Interessen wiederfindet. Die Optik steht im Vordergrund. Eine Uhr muss gefallen. Aber die Haltung und Botschaft hinter der Marke führen letztlich zu einer Kaufentscheidung. Mit unseren zeitlosen und nachhaltigen Produkten und einer Philosophie des Zu-sichKommens liegen wir heute genau richtig“, ergänzt van Steen.

Tags : BrasslerEinzeigeruhrmeistersingerSteen
Antje Heepmann

The author Antje Heepmann

Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

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