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Matthias Stotz: „Das Konsumverhalten wird werteorientierter werden.“

Stotz

Junghans-Geschäftsführer Matthias Stotz ist sich sicher: „Wenn man an etwas Langfristiges und Großes glaubt, und das glauben sowohl die Händler als auch wir, dann lässt man sich nicht so schnell aus der Bahn werfen.“

Auch so etwas bislang Beispielloses wie die weltweite Corona-Pandemie wird vorüber und das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben weitergehen. Wie die im Schwarzwald angesiedelte deutsche Traditionsmarke Junghans diese Zeit erlebt und sich und ihre Händler auf die Zeit danach vorbereitet, berichtete Matthias Stotz Mitte April im Gespräch mit WatchPro.

WatchPro: Geht es Ihnen und Ihren Mitarbeitern gut?

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Matthias Stotz: Ja, bei uns ist zum Glück niemand erkrankt oder betroffen.

WatchPro: Hatten Sie mit dem Shutdown in diesem Ausmaß in Deutschland gerechnet? Waren Sie vorbereitet?

Matthias Stotz: Vorbereitet hätte man nur sein können, wenn man damit gerechnet hätte. Und in dem Umfang habe auch ich nicht damit gerechnet. Das damals, zur Zeit der Inhorgenta, in den Medien und von der Politik dargestellte Bild vermittelte nicht den Eindruck, dass ein solch umfassender Shutdown bevorstehen würde. Ich persönlich hatte mich aber gewundert, dass zum Beispiel Großveranstaltungen wie Fußballspiele, Fastnacht und Ähnliches nach der Inhorgenta in diesem Umfang noch praktiziert wurden.

Während der Inhorgenta haben wir natürlich bereits Vorkehrungen getroffen und Desinfektionsmittel an unserem Messestand bereitgestellt sowie mehr Abstand gehalten. Aber dass sich Corona in dieser Form zu einer Pandemie auch bei uns entwickelt, damit hatte ich nicht und auch wohl sonst kaum jemand gerechnet.

Sonst hätten sicher auch mehr Kunden aus Sorge vor Ansteckung ihre Messetermine bei uns abgesagt. Das waren aber nur ganz wenige.

WatchPro: Apropos Inhorgenta. Ist es nicht ein Glück, dass diese noch fast unbelastet von Corona stattgefunden hat?

Matthias Stotz: Wir sind tatsächlich sehr dankbar, dass diese in einer Phase stattgefunden hat, in der wir noch nicht wussten, was wenige Wochen später auf uns zukommen wird. Für uns kam die Inhorgenta zum perfekten Zeitpunkt und sie war fantastisch. Insofern waren wir zumindest auf eine gewisse Weise passiv vorbereitet, da wir viele unserer Kunden dort schon gesehen und die Neuheiten vorgestellt hatten.

WatchPro: Wie haben Sie die Arbeitsabläufe und Produktion an den Shutdown angepasst?

Matthias Stotz: Als erstes haben wir uns natürlich Gedanken gemacht, wie es bei uns und unseren Kunden weitergeht und welchen Einfluss das Ganze haben wird. Wir haben dann sehr sehr schnell gehandelt und intern die Arbeit neu strukturiert. Mitarbeiter haben Gleitzeit abgebaut, es wurde ein Schichtmodell eingeführt, sodass ein Teil der Belegschaft vormittags und ein anderer Teil nachmittags gearbeitet hat, einige haben auch Urlaub genommen. Diese Maßnahmen passten zu der wesentlich geringeren Auslieferungsmenge an Uhren nach der Schließung der Geschäfte. Nur weniger als zehn Prozent unserer Kunden haben überhaupt noch Ware abgenommen. Das Terrassenbau-Museum und der Museumsshop wurden natürlich auch geschlossen.

WatchPro: Wie haben Sie sich gegenüber dem Handel verhalten?

Matthias Stotz: Gleichzeitig mit der Schließung der Geschäfte, ging unser kompletter Außendienst ins Homeoffice. Wir haben aber, und das ist mir ganz wichtig, dennoch, oder eigentlich sogar verstärkt, den persönlichen Dialog mit unseren Kunden geführt. Der eine hat weiterhin Reparaturen durchgeführt, der andere hat ganz geschlossen – das heißt jeder Händler hatte seine ganz individuelle Situation. Manche haben Ersatzteile bestellt, manche auch Uhren und so weiter.

Daher haben wir mit allen Kunden telefoniert, um die einzelnen Situationen zu erfassen und zu überlegen, wie wir die Partnerschaft für beide Seiten ideal fortführen und unsere Maßnahmen gezielt dosieren können. Und ich kann sagen, dass wir wirklich sehr gute Gespräche geführt haben. Der Handel war sehr besonnen und hat verstanden, dass die Krise uns alle massiv trifft, auch uns als Hersteller. Unsere gesamten Planungen stimmten ja von einen Tag auf den anderen nicht mehr. Das haben die meisten nachvollziehen können, sodass nur ganz wenige Kunden ihre bestehen den Aufträge storniert haben.

Ich habe mir dann gern die Zeit genommen, um unseren Handelspartnern einen Brief zu schreiben, in dem ich mich für diesen tollen Dialog und die besonnenen und überlegten Reaktionen bedankt habe.

WatchPro: Gibt es darüber hinaus konkrete Maßnahmen zur Unterstützung des Handels?

Matthias Stotz: Wir haben natürlich überlegt, was man noch tun kann. Was wir positiv aus der Krise mitnehmen, ist die Tatsache, dass viele Fachhändler dem Thema Digitalisierung mehr Bedeutung beimessen und diesem nun offener gegenüber stehen. Das ist wichtig, weil die Customer Journey heute natürlich auch digital stattfindet, beziehungsweise digital beginnt. Wir haben in den letzten Wochen gemerkt, dass viel mehr Fachhändler als vorher sich bei uns dazu erkundigt haben – nach regionalen Maßnahmen, nach Social Media, nach Materialien für ihre Websites und so weiter. Die digitale Nachfrage unserer Partner ist eindeutig gewachsen.

Und da haben wir uns natürlich gefragt, wie wir am besten darauf reagieren können und auch, was wir als Marke digital mehr und besser machen können. Aus diesen Überlegungen sind zwei Kampagnen entstanden.

Die eine Kampagne richtet sich direkt an den stationären Handel, der oftmals online noch nicht wirklich gut aufgestellt ist. Das ist oder war aber in den letzten Wochen die einzige Möglichkeit, wenigstens etwas Umsatz zu machen beziehungsweise mit den Kunden im Kontakt zu bleiben. Über unseren Junghans-Onlineshop können wir diejenigen weiter bedienen, die genau jetzt eine Junghans-Uhr kaufen möchten.

Viele warten aber sicher auch, bis der Juwelier ihres Vertrauens wieder öffnet und kaufen dann dort ihre Uhr. Aber trotz Corona gibt es Jubiläen, Geburtstage und andere Anlässe, zu denen man zum Beispiel eine Junghans verschenken möchte, und zwar sofort. Die beste Wahl ist es dann, diese direkt bei uns aus erster Hand in unserem Shop zu kaufen. Und dann kommt wieder der Juwelier ins Spiel. Denn der Kunde kann beim Online-Kauf angeben, bei welchem Händler er die Uhr normalerweise erworben hätte, weil er sich dort gut beraten fühlt. Dieser erhält dann 15 Prozent des Umsatzes.

“max bill Chronoscope”

WatchPro: Und worum geht es in der zweiten Kampagne?

Matthias Stotz: Bei der #giveahelpinghand-Kampagne geht es um die Hand. Die Hand ist das Symbol unserer Markenkommunikation, sie steht für Handarbeit, für das Erschaffen mit den Händen und natürlich ist sie prädestiniert für eine Uhrenmarke, weil man die Uhr am Handgelenk trägt, daher auch unser Slogan „Souveränität“ beginnt am Handgelenk“.

Die Hand steht aber auch für Wertschätzung im Umgang mit anderen Menschen – man gibt sich zur Begrüßung die Hand oder besiegelt einen Geschäftsabschluss mit einem Handschlag. Und gerade danach sehnen wir uns jetzt, die direkten Kontakte, jemanden mit der Hand zu berühren, in den Arm zu nehmen oder die Hand zu schütteln. Aktuell halten wir uns alle dabei sehr zurück, um uns und andere zu schützen.

Aber es gibt Berufe, da müssen Sie nach wie vor Hand anlegen, im medizinischen und pflegenden Bereich, da können Sie nicht auf Distanz bleiben. Aber auch beim Einkaufen gibt es Menschen, die uns mit ihren Händen helfen. Also: die Hand steht für Junghans, die Uhrmacherei ist eine Handwerkskunst mit viel Handarbeit, die Hände vieler Menschen helfen uns allen gerade durch dieses schwere Zeit – da liegt das Handreichen im übertragenen Sinn nicht fern.

Unter #giveahelpinghand kann uns daher jeder seinen Alltagshelden nennen und unter denen verlosen wir Uhren als Anerkennung für ihre Leistungen. Damit wollen wir diesen Menschen für ihre Handarbeit danken.

„max bill edition Set“

WatchPro: Denken Sie, dass der jetzt ausfallende Umsatz wieder reingeholt werden kann?

Matthias Stotz: Ich denke, dass man das nicht mehr komplett reinholen kann. Die Feste sind gefeiert. Einen Teil wird man vielleicht kompensieren können.

Ich möchte noch mal auf die Inhorgenta zurückkommen, auf der wir seit 2009 ununterbrochen ausstellen. Auch in diesem Jahr sind unsere Kunden zahlreich erschienen. Wir hatten noch nie einen so guten Auftragseingang wie auf der diesjährigen Inhorgenta. Das ist das eine, und das ist gut. Aber der Durchverkauf im Handel in den Frühlingsmonaten März und April fehlt natürlich. Das wird man sicher nicht vollständig aufholen können.

WatchPro: Wird sich das Konsumverhalten nachhaltig durch die Krise verändern? Wird der Onlinebereich noch stärker werden?

Matthias Stotz: Bis sich die Unbeschwertheit beim Einkaufen wieder einstellt, wird sich der Konsument meines Erachtens sehr gut überlegen, was er kauft und dabei mehr auf Langlebigkeit, Qualität und Markenidentität achten.

Das Konsumverhalten wird werteorientierter werden. Außerdem wird der ein oder andere seine Einstellung gegenüber dem stationären Handel verändern. Denn im Prinzip erlebt man jetzt, wie es ist, wenn der Handel aus den Innenstädten verschwinden würde. Jetzt merken alle, wie wichtig das persönliche Einkaufserlebnis und eine gute Beratung am PoS sind. Das kann kein Webshop bieten.

Ich hoffe und glaube, dass die Konsumenten, wenn sie wieder einkaufen dürfen, mit einer größeren Wertschätzung in die Geschäfte gehen und das physische Erleben neu beurteilen. Denn im Moment merken alle, dass ihnen genau das fehlt. Wie lange das anhalten wird, weiß ich nicht. Aber die Besinnung auf Werte und Authentizität und auf die Bedeutung des stationären Handels nimmt zu und das wird hoffentlich so bleiben.

Trotzdem muss der Handel die Digitalisierung vorantreiben, denn sie ist Teil der Customer Journey, die den Kunden am Ende auch ins Geschäft bringen kann. Das digitale Erleben, das digitale Schaufenster muss der Handel in Zukunft noch stärker praktizieren. Das zeigt uns diese Krise ganz deutlich.

“max bill MEGA Solar”

WatchPro: Seit dem 20. April werden viele Geschäfte wieder geöffnet haben. Denken Sie, dass der deutsche Verbraucher schon wieder in echter Kauflaune ist, auch was Uhren betrifft?

Matthias Stotz: Die Händler sind in jedem Fall sehr motiviert, die wollen alle. Sie müssen aber auch alle. Ich wünsche auch jedem eine Warte schlange vor dem Geschäft – natürlich mit angemessenem Abstand. Die Menschen haben im Moment aber auch sehr viel Respekt vor der aktuellen Situation, der noch bestehenden Gefährdungslage und nehmen Einschränkungen in Kauf. Denn es geht um Menschenleben. Daher denke ich, dass der Run auf die Geschäfte nicht sofort einsetzen wird. Es wird eher verhalten losgehen und man wird ganz gezielt ein Geschäft aufsuchen.

Laufkundschaft, Flanieren und Shoppen – das braucht noch mehr Vertrauen in diese Situation. Und gerade der Anfang der Wiedereröffnung der Geschäfte wird die Händler stark fordern, ihre Kapazitäten richtig dosiert einzusetzen.

WatchPro: Wird Junghans nach der Corona-Krise irgendetwas anders machen?

Matthias Stotz: Wir haben in dieser schwierigen Phase bereits einiges anders gemacht, wir sind zum Beispiel im digitalen Bereich stärker geworden. Aber wir haben vor allem in den letzten Jahren sehr viel verändert, vor allem, was den engen und guten Kontakt zum Handel betrifft. Das ist unser wichtigstes Gut. Ich sehe daher bei uns keinen so großen Veränderungsbedarf.

Wir müssen das, was wir schon tun, noch besser machen, noch mehr auf den Fachhandel zugehen und zum Beispiel das Thema digitale Services wie Schulungen noch stärker angehen. Wir hätten auf der Inhorgenta nicht so viel positives Feedback gehabt, wenn wir nicht so erfolgreich im und mit dem stationären Handel im letzten Jahr gewesen wären. Wir haben attraktive Produkte und auch in diesem Jahr einen sehr guten Reinverkauf gehabt.

Junghans ist im Aufstieg begriffen und wurde duch die Krise im Wachstum nur vorübergehend gebremst. Wir sind auf einem sehr guten Weg und werden diesen fortsetzen. Wichtig ist, dass wir gemeinsam mit unseren Händlern schnell wieder Stabilität finden.

Wir wollen nicht anders werden, sondern den erfolgreichen Weg mit dem Fachhandel konsequent gemeinsam weiter gehen und entwickeln.

“Meister Handaufzug Terrassenbau“

WatchPro: Themenwechsel: Was sagen Sie zur Entwicklung in Basel und Genf? Werden Sie mit Junghans an einem der Events vor Ort sein?

Matthias Stotz: Ich finde das sehr traurig. Ich weiß natürlich nicht, wie genau alles abgelaufen ist und kann mir über das Wie daher kein Urteil erlauben. Die Pressemitteilung aus Genf, in der über die Absage von Rolex & Co. informiert wurde, ist in ihrer Härte jedoch beachtlich. Das hat mich überrascht.

Auf der anderen Seite hat die Baselworld ihre Position zu sehr strapaziert. Es gab von Ausstellern und Nicht-Ausstellern viele Hinweise, wie man sich eine Baselworld wünscht, und ich war zuversichtlich, dass die Schweizer Uhrenindustrie gemeinsam mit der Baselworld und vielleicht auch mit Genf eine Lösung finden wird, damit sich die weltweite Branche einmal im Jahr treffen kann. Was jetzt passiert ist, das übertrifft tatsächlich meine schlimmsten Erwartungen.

Am Ende geht es aber als Dienstleister, wie es die Baselworld beziehungsweise die MCH Group ist, auch darum, was man anbietet, wie man mit seinen Kunden umgeht und ob man deren Vertrauen gewinnt und behält. Und dieses Vertrauen scheint auch bei den großen Ausstellern nicht mehr da zu sein.

In jedem Fall ist es für die gesamte Branche schade, was dort gerade passiert. Wie gesagt, ich hatte mir gewünscht, dass die Schweizer Uhrenindustrie eine gemeinsame Lösung findet. Genf allein kann es eigentlich nicht sein, denn es können nicht alle Aussteller dorthin umziehen, der Platz und die Kapazitäten sind dort gar nicht vorhanden. Und auch nicht jede Marke passt hinsichtlich des Images zu Genf.

Daher ist es jetzt entscheidend, wie die Baselworld darauf reagiert und wie das neue Konzept aussieht.

“Meister S Chronoscope”

Tags : CoronainterviewjunghansschrambergStotz
Antje Heepmann

The author Antje Heepmann

Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

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