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Lothar Schmidt, Sinn Spezialuhren: „Wir bauen keinen Verkaufsdruck auf.“

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Dipl.-Ing. Lothar Schmidt ist seit über einem Vierteljahrhundert Geschäftsführer und Inhaber von Sinn Spezialuhren in Frankfurt. Und das auf eine ganz unaufgeregte Art und Weise. Wer Ingenieure gleich welcher Technikrichtung kennt, weiß, das dies ganz typisch für diesen Berufsstand ist.

Die ruhige Form der Geschäfts- und Unternehmensführung ist aber nicht mit Leidenschaftslosigkeit zu verwechseln. Im Gegenteil. Wenn Lothar Schmidt keine Passion für Uhren hätte, hätte er sich wohl nicht auf das Abenteuer der Übernahme einer bestehenden Marke eingelassen und wäre sicher auch nicht das Wagnis eines kompletten Neubaus eingegangen, der 2017 eröffnet wurde.

Denn ob diese Schritte auf einen erfolgreichen Weg führen würden, konnte niemand vorhersehen. Heute wissen wir, beide Entscheidungen waren richtig. Damals, nach der Übernahme im Jahr 1994, wagte er den Schritt weg von der rein technisch orientierten Marke hin zu einer technologischen Marke im zeitgemäßen Design.

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Wie gut dies gelungen ist, zeigt unter anderem die mehrfache Verleihung der „Goldenen Unruh“. Und in diesem Jahr wurde SINN zum zweiten Mal in Folge mit dem Red Dot ausgezeichnet.

SINN wird wohl dennoch nie eine Marke werden, die in erster Linie auf Äußerlichkeiten setzt. Das hängt schon mit dem beruflichen Background von Lothar Schmidt zusammen. Vor seiner Zeit bei der Frankfurter Marke, die für ihn als freier Mitarbeiter im Jahr 1993 begann, sammelte er Erfahrungen bei seiner Ausbildung zum Werkzeugmacher, während seines Maschinenbaustudiums, als Konstrukteur bei einer Maschinenbaufabrik, als Technischer Direktor einer Gehäusefabrik und vor allem als Produktionsleiter, verantwortlich für Arbeitsvorbereitung, Produktion und Teilbereiche der Entwicklung bei der Manufaktur IWC Schaffhausen.

Kein Wunder also, dass mit Schmidt auch die Zeit der technischen Innovationen begann, von denen er einige schon zuvor in der Schublade hatte wie zum Beispiel die Hydro- und Tegimenttechnologie.

Seit 2017 hat das Unternehmen mit dem Umzug in das neue Firmengebäude noch mehr Platz und Kapazitäten, um weiter zu forschen und zu entwickeln. Allerdings dient der moderne Neubau nicht nur der Entwicklung und Produktion. Hier werden auch Besucher und Endkunden empfangen.

Denn SINN gehört zu den Vorreitern in der Uhrenbranche, wenn es um den Direktvertrieb geht. Und so findet neben dem Onlineverkauf auch weiterhin ein Werksverkauf an die Liebhaber der Marke statt.

Aber auch der Juwelier ist ein wichtiger Vertriebskanal. Diese sogenannten Depots bekommen die Uhren auf Kommissionsbasis, was die Marge, aber auch das Risiko im Vergleich mit anderen Uhrenmarken geringer ausfallen lässt.

Aber nicht nur klassische Juweliere gehören zu den Depots, sondern beispielsweise auch die Boutiquen der Onlineplattform Chronext.

Im Interview mit WatchPro spricht Lothar Schmidt über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der deutschen Ausnahmemarke.

WatchPro: Wie kam es damals zu der Übernahme von SINN?

Lothar Schmidt: Ich war zu dem Zeitpunkt bereits seit einigen Jahren in der Uhrenbranche tätig und hatte immer schon den Wunsch, mich selbstständig zu machen. Helmut Sinn suchte im Alter von 78 Jahren einen Nachfolger für sein Unternehmen, und so war ich, um die Übernahme vorzubereiten, bereits von September 1993 bis August 1994 als freier Mitarbeiter für die Helmut Sinn GmbH tätig.

Das Unternehmen hatte eine technische Ausrichtung und bot Potenzial, meine eigenen Ideen umsetzen zu können. Mit der Übernahme zum 1. September 1994 konnte ich dann im Prinzip eine Neugründung des Unternehmens einleiten.

WatchPro: Wie sahen damals Ihre Pläne aus und welche davon haben Sie realisieren können?

Lothar Schmidt: Die Tatsache, dass Helmut Sinn die Uhr als Instrument gesehen hat, hat mir sehr gut gefallen, und hat auch meinem Ansatz entsprochen. Das wollte ich weiter ausbauen, entsprechende Technologien entwickeln, besondere Materialien zum Einsatz bringen. Das hat sich bis heute so fortgesetzt, und es geht von einer Entwicklung zur nächsten.

Die Fertigstellung unseres eigenen Firmengebäudes 2017 stellt dabei einen besonderen Meilenstein dar.

WatchPro: Sie nehmen mit Ihrer Vertriebsstrategie in der Uhrenbranche eine Sonderstellung ein. Warum haben Sie sich damals für die Depot-Lösung entschieden und halten bis heute daran fest?

Lothar Schmidt: Helmut Sinn hat anfangs seine Uhren im Direktvertrieb verkauft. Das haben wir bis heute beibehalten. Es gab aber immer wieder Anfragen von Juwelieren, die unsere Uhren verkaufen wollten, weil sie die Marke für attraktiv hielten.

Daher haben wir eine Lösung gesucht, bei der Juwelier und Hersteller gleichermaßen profitieren können, ohne dass wir den direkten Kontakt zum Endkunden aufgeben müssen. Es ist ein partnerschaftlicher und erfolgreicher Weg, der so gewachsen ist und in dem wir auch unsere Zukunft sehen.

WatchPro: Wodurch unterscheidet sich für Ihre Partner-Juweliere die Zusammenarbeit mit SINN von der Zusammenarbeit mit anderen Marken?

Lothar Schmidt: Wir stellen die Uhren als Kommissionsware, sodass die Liquidität unserer zirka 90 Depots in Deutschland geschont wird und wir keinen Verkaufsdruck aufbauen. Dadurch haben wir als Hersteller und auch der Juwelier bei diesem Geschäftsmodell eine geringere Marge.

Wir profitieren von der bundesweiten Sichtbarkeit der SINN-Uhren in den Schaufenstern unserer Partner-Depots und natürlich auch davon, dass der Endkunde die Uhren so bundesweit, und in Kombination mit einer fundierten Beratung im Original betrachten, anlegen und ausprobieren kann.

WatchPro: Sie betreiben auch einen eigenen Onlineshop auf der SINN-Website und verkaufen direkt am Firmensitz in Frankfurt-Sossenheim. Wie verteilen sich die Verkäufe auf Online, Depot/Juwelier/direkt am Firmensitz? Welchen Kanal möchten Sie warum in Zukunft besonders stärken beziehungsweise wie sieht für Sie der ideale Mix dieser Kanäle aus?

Lothar Schmidt: Der Umsatz verteilt sich mit gewissen Schwankungen ansatzweise gleich auf die direkten Vertriebswege und die Depots. Alle Distributionswege haben Potenzial und sollen weiterentwickelt werden, da sie sich auch gegenseitig befruchten

WatchPro: SINN wird stark als Technologie-Marke wahrgenommen. Vielleicht manchmal zu stark? Beziehungsweise wie sprechen Sie Menschen an, die in erster Linie eine schicke Uhr haben wollen? Kann SINN auch Lifestyle?

Lothar Schmidt: Wir haben uns sehr gefreut, dass einige unserer Zeitmesser in jüngster Vergangenheit mit renommierten Design-Preisen ausgezeichnet wurden. Eine Uhr, die streng nach ihrer Funktion und dem ihr zugeschriebenen Einsatzzweck entwickelt und gefertigt wird, ist immer auch gefällig und schön.

Aber ja, manchmal merken wir, dass man das, was man intuitiv wahrnimmt, auch kommunizieren muss.

WatchPro: Innovationen in punkto Technologien und Material, die wirklich Sinn ergeben, dafür ist SINN bekannt. Auf welche Entwicklung sind Sie besonders stolz?

Lothar Schmidt: Alle SINN-Technologien erfüllen einen klar definierten Zweck. Mich freut es, dass dieser anwendungsbezogene Zweck immer auch einen echten Mehrwert für den normalen Uhrenkäufer bietet. Von daher bin ich auf die Gesamtheit der Entwicklungen aus unserem Hause stolz.

WatchPro: Und in welchem Bereich suchen Sie noch nach Optimierungsmöglichkeiten oder haben vielleicht sogar schon eine Idee in petto?

Lothar Schmidt: Im Prinzip ist es so, dass es bei allem was man betrachtet, Optimierungsbedarf gibt.

WatchPro: Gibt es Pläne für ein eigenes Uhrwerk? Das würde doch gut zu SINN passen.

Lothar Schmidt: Ja. Dies würde allerdings eine eigene spanende Fertigung bedingen, die wir erst noch aufbauen müssen.

WatchPro: Wird es von SINN eine Smartwatch geben?

Lothar Schmidt: Aus heutiger Sicht nicht. Die Technologie von Smartwatches ist eine andere Welt. Eine Brücke zwischen diesen Welten haben wir übrigens mit dem Dualen-Bandsystem dennoch geschlagen. Hiermit kann man eine Smartwatch mit der heißgeliebten mechanischen Uhr kombinieren.

WatchPro: Warum ist Made in Germany so wichtig für SINN und für Sie?

Lothar Schmidt: SINN Spezialuhren ist ein deutsches Unternehmen, das in Deutschland produziert…. Die damit verbundenen Werte und Qualitätsansprüche werden weltweit geschätzt, und dies wollen wir weiter leben.

WatchPro: Und wie wichtig sind Ihnen Auszeichnungen wie der Red Dot, den Sie gerade für das Modell „936“ bekommen haben?

Lothar Schmidt: Diese Auszeichnung dokumentiert schlicht und ergreifend, dass unsere klar auf die Funktion ausgerichteten Zeitmesser auch unter dem Aspekt Design und Gestaltung punkten. Für unsere Kunden ist es sicher wichtig, dies auch von einer unabhängigen, renommierten Stelle bestätigt zu sehen.

WatchPro: Vor einem Jahr haben Sie stolz berichtet, dass SINN in 25 Jahren nicht ein einziges Verlustjahr hatte und jedes Jahr wächst. Wie sehr wird Ihnen Corona in diesem Jahr einen Strich durch diese Erfolgsrechnung machen?

Lothar Schmidt: Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, aber ich erwarte auch weiterhin bei dieser positiven Aussage bleiben zu können.

WatchPro: 2017 sind Sie in das neue Gebäude in Frankfurt-Sossenheim umgezogen. Was war Ihnen bei der Planung des Gebäudes besonders wichtig?

Lothar Schmidt: Die Architektur wurde, genau wie unsere Zeitmesser, den Anforderungen entsprechend geplant. Wir haben Kapazitäten für die weitere Entwicklung und ein Haus, dass für Endkunden ein Anlaufpunkt ist und in dem alle Mitarbeiter gerne arbeiten, geschaffen.

WatchPro: Bei der Grundsteinlegung wurde eine Zeitkassette mit SINN-Uhr, Tageszeitungen, Magazinen und so weiter eingelassen, die erst in 100 Jahren wieder geöffnet werden soll. Was denken Sie: wie wird dann die Uhrenbranche aussehen?

Lothar Schmidt: Eine mechanische Uhr ist mit viel Handarbeit verbunden und diese wird im Zuge einer weiter voranschreitenden Automatisierung auch in Zukunft geschätzt werden.

Tags : interviewLothar Schmidtsinn
Antje Heepmann

The author Antje Heepmann

Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

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