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Jürgen Betz, Gründer und Geschäftsführer der Borgward Zeitmanufaktur, über Blauäugigkeit, Herzblut und seine tickenden Kindern.

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Wenn man Jürgen Betz (Geschäftsführer der Borgward Zeitmanufaktur) zuhört, fragt man sich irgendwann, warum er seine Uhren überhaupt verkauft. Denn sie sind eigentlich so etwas wie seine Kinder, denen er mit viel Liebe und Herzblut ins Leben verhilft.

Wie so oft beginnen die schönsten Geschichten mit einem Zufall. Zwar war die Leidenschaft für Uhren und Oldtimer seit jeher bei Jürgen Betz vorhanden, dass er aber einmal selbst eine Manufaktur leiten und selbst Zeitmesser mit einem so legendären Namen wie Borgward kreieren und bauen würde, damit hatte er eigentlich nicht gerechnet.

 

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Und nun sind seine Frau und er bereits seit zehn Jahren erfolgreich mit Borgward-Uhren am Start.

Sprung ins Haifischbecken

„Wir sind sehr blauäugig in dieses Haifischbecken hineingesprungen. Aber wir hatten den großen Wunsch, etwas Schönes zu gestalten, das eine Geschichte und etwas mit uns persönlich zu tun hat. Es ergab sich dann mehr oder weniger zufällig, dass wir uns die Markenrechte für Borgward für Uhren, Schmuck und Brillen schützen lassen konnten“, so Jürgen Betz.

Aber Zufall und die Liebe zu schönen Dingen reichen natürlich bei weitem nicht aus, um eine Marke zu lancieren und erfolgreich am Markt zu halten. Aber Jürgen Betz brachte als gelernter Maschinenbautechniker unter anderem viel technischen Sachverstand mit, „jedoch zu viel Kreativität für den Beruf. Und so bin ich als Quereinsteiger in der Uhrenindustrie gelandet – und war total begeistert.“

Später folgten sechs Jahre als Produktionsleiter in der ältesten Zifferblattfabrik Deutschlands. Dort konnte er sein technisches Knowhow mit seiner Kreativität verbinden. Als er dann noch im Jahr 2003 in einem Archiv die orignalen Borgward-Druckklischees aus Stahl aus den 1950er-Jahren fand, war es um ihn geschehen, „und nichts konnte mich mehr aufhalten. Das war fast wie eine Droge.“

2010 war es dann so weit, die Zeitmanufaktur Borward erblickte das Licht der Welt. Nach der anfänglichen Begeisterung „haben wir uns nach einiger Zeit aber gefragt, worauf wir uns das bloß eingelassen haben. Aber wir haben nicht aufgegeben, sondern sukzessive weitergemacht und sind heute noch mit Begeisterung dabei.

Hätte ich aber damals gewusst, was alles auf uns zukommt, hätte ich es mir vielleicht noch mal überlegt. Aber dafür macht es einfach zu viel Spaß.“ Dabei hatte es sich Jürgen Betz mit der Wahl von Marke und Produkt nicht gerade einfach gemacht. „Der Markt war gut besetzt, vor allem auch in den Köpfen der Uhrenliebhaber, die extrem vorgeprägt sind. Wie sollte ich da mit einer neuen Marke gegen eine Traditionsmarke aus der Schweiz oder aus Deutschland auf dem Markt mitmischen?“ Die Bestätigung seiner Kunden zeigte ihm aber, dass er es kann, auch wenn es viel Arbeit und Mut bedeutete. Die zweite Hürde, die es zu überwinden galt und immer noch gilt, ist der Markenname.

Viel Überzeugungsarbeit

„Borgward ist in vielen Köpfen immer noch ein Automobil. Und dann komme ich mit einer Uhr um die Ecke, die genauso heißt. Das muss man erst einmal in die Köpfe bekommen. Derjenige, der gerne seine Rolex trägt, der seinen Porsche fährt, vielleicht eine Porsche-Design-Uhr besitzt, würde niemals einfach so auf die Idee kommen, eine Borgward-Uhr zu tragen. Das klingt komisch, ist aber so. Die konnte ich anfangs nie knacken, obwohl solche Leute ja genau meine Zielgruppe sind: Uhren- und Automobilliebhaber. Ich habe sie erst für meine Zeitmesser begeistern können, wenn ich auf Endverbrauchermessen und Events direkt mit ihnen gesprochen habe.“

Spätestens, wenn Jürgen Betz die Frage stellt, ob man schon mal darüber nachgedacht hätte, eine eigene Uhr zu bauen, folgte auf den ersten ungläubigen Blick der Wunsch, dies wirklich zu tun.
„Wenn solche Leute dann zu uns kommen, erleben die den echten Borgward-Spirit und sind begeistert.“

Gemeint sind die regelmäßigen, zweitägigen Seminare, bei denen jeder Teilnehmer seine ganz persönliche Uhr anfertigen kann, mit individualisiertem Zifferblatt. „Am Ende entsteht so nicht einfach nur eine Uhr. Wir können die Teilnehmer am Entstehungsprozess ganz konkret teilhaben lassen. Für uns ist das ein wichtiges Marketinginstrument, um den Vertrieb zu stärken und um diejenigen umzupolen, die erstmal mit der Kombination Borgward und Uhr nichts anfangen können“, erläutert Betz.

Dabei sind die Seminare auch eine effektive Möglichkeit zur Gewinnung neuer Kunden, die noch nie etwas mit einer mechanischen Uhr zu tun hatten. „Das gilt auch für junge Leute, die sonst ihre Smartwatch tragen.“

Dieser enge Kontakt zum Endverbraucher bedeutet aber nicht, dass er den Fachhandel ausschließen möchte. Im Gegenteil. „Wir haben uns zu Beginn ganz klar auf den Fachhandel ausgerichtet. Aber damals, vor zehn Jahren, hat sich dieser extrem schwer damit getan, eine neue Uhrenmarke ins Sortiment aufzunehmen.“

Fachhandel? Ja, aber …

Dabei hat Jürgen Betz dafür durchaus Verständnis. „Es gibt ja viele tolle deutsche Uhrenmarken. Aber auch solche, bei denen es immer rauf und runter ging, bei denen die Investoren wechselten, die Marke einfach mal verschwand und so weiter.“ Und dann kam er mit einer weiteren deutschen Marke, „da haben viele direkt abgewunken. Das hat mich sehr enttäuscht, da ich von diesen Händlern überhaupt keine Chance bekommen habe, zu zeigen, dass wir tolle Uhren machen und ein zuverlässiger Partner sind.“

Es geht aber auch anders. Und so hat beispielsweise ein Juwelierspartner in einer norddeutschen Gemeinde mit weniger als 10.000 Einwohnern im ersten Borgward-Jahr mehr als 100.000 Euro Umsatz gemacht. „Mit einer Marke, die damals eigentlich niemand kannte. Es steht und fällt mit der Begeisterung derjenigen, die hinter der Theke stehen. Ich würde diesen Juwelier gerne clonen und zehn Mal in Deutschland ansiedeln“, lacht Betz.

Also haben er und seine Frau nach alternativen Möglichkeiten beziehungsweise einer Ergänzung zum Fach handel Ausschau gehalten. Und dazu gehört eben auch der Direktvertrieb über die Seminare, Messen und den eigenen Onlineshop. „Schließlich müssen meine Kinder ja irgendwann auch mal in die Welt hinaus.“ Und das Konzept geht auf.

„Viele Kunden erzählen mir, dass sie eine ganze Uhrensammlung haben, aber ihre Borgward diejenige ist, die sie jeden Tag tragen.“ Dabei steht Betz gar nicht so gerne an vorderster Front im Verkauf, sondern fühlt sich in seiner Werkstatt, an seiner Druckmaschine und am PC am wohlsten. Und da kann er auch kreativ werden und seine technischen und gestalterischen Fähigkeiten verbinden. Denn trotz der regelmäßigen Kunden-Selbstbauseminare liegt die Uhrenproduktion natürlich normalerweise in der Hand von Jürgen Betz.

Leidenschaft für Zifferblätter

„Technisch können wir uns mit anderen etablierten Marken durchaus messen, weil wir vergleichbare Gehäuse und Schweizer Mechanikwerke verarbeiten. Letztere arbeiten wir von Hand oft noch einmal komplett um, veredeln sie und regulieren sie ein.“

Seine eigentliche Leidenschaft gilt aber den Zifferblättern. Dabei steht eine ausgewogene Gestaltung an erster Stelle. „Ich kenne so viele Marken, bei denen die Zifferblätter komplett überladen sind und extrem technisch wirken. Ich möchte aber auf eine Uhr schauen, die eine ausgewogene Harmonie ausstrahlt und im besten Sinne einfach eine Uhr ist.“

Betz vergleicht den ersten Blick auf eine Uhr mit der ersten Begegnung mit einem Menschen. Der Bruchteil einer Sekunde entscheidet über Symphathie oder Antipathie beziehungsweise über Gefallen oder Nicht-Gefallen. Um zu gefallen, hat er gerade einmal einen Durchmesser von 30 bis 35 Millimetern. „Da ist oft weniger mehr.“ Und die Ideen gehen ihm nicht aus.

Als Inspirationsquellen dienen ihm Beispiele aus dem Automobilbereich oder aus dem Cockpit, „dann rattert es sofort in meinem Kopf und ich überlege, wie man das in eine Uhr umsetzen kann. Ich scribble wenig herum, lasse es liegen und dann entwickelt sich das Design Schritt für Schritt weiter. Manchmal sehe ich natürlich auch schöne Beispiele bei anderen Herstellern … man verbessert es, verbindet es mit eigenen Ideen und am Ende kommt etwas ganz Neues heraus.“

Dabei hört die Gestaltung des Zifferblattes nicht auf dem Papier beziehungsweise am PC auf. Noch während der Produktion schleift Jürgen Betz am Design. Die Farbe spielt dabei eine besondere Rolle. Die Rohzifferblätter bekommt er geliefert, den Rest macht er selbst. „Das heißt, ich mache die Grafik am PC und erstelle dann auf traditionelle Weise meine Lithofilme. Dafür gehe ich in die Dunkelkammer und belichte den Film. Mit diesen Lithofilmen richte ich dann die Druckplatten ein, mische die Farbe an und drucke meine Zifferblätter.“

Dabei ist zum Beispiel Schwarz nicht einfach Schwarz. „Sie glauben ja gar nicht, was es für einen Unterschied macht, wenn sie drei Tropfen Rot hinzumischen. Dann entsteht ein ganz anderer Farbton. Und das kann ich nur kontrollieren und beeinflussen, wenn ich selbst an der Druckmaschine stehe. Das ist ein Entstehungsprozess wie bei einem guten Rotwein, der muss auch reifen.

Es kann aber auch passieren, dass ich mein Konzept beim Drucken völlig über den Haufen werfe, weil ich dann erst sehe, dass das Zifferblatt nicht so wirkt, wie ich es wollte.“

So entstehen pro Jahr maximal zwei Kollektionen, die keinen Modetrends unterliegen, „sondern auch in den nächsten Jahrzehnten noch Freude bereiten sollen.“

Viele sagen mittlerweile zu Betz, er sei verrückt, das noch immer alles alleine zu machen. „Aber ich komme aus dieser Rolle nicht mehr heraus und gebe das Zepter auch nicht mehr ab. Es macht mir nicht nur wahnsinnig viel Spaß, es sind ja auch irgendwie alles meine Kindern.“ Und so werden die Kollektionen von Jahr zu Jahr immer größer. „Wenn man sich unser Sortiment anschaut, ist das wie mit den eigenen Kinden, die wirft man ja auch nicht raus.“

Dass der direkte Bezug auf eine Automarke irgendwann mal dazu führen könnte, dass die Fundgrube der Ideen erschöpft sein wird, befürchtet er übrigens nicht. Das liegt ganz einfach daran, dass er nicht einfach Designelemente der automobilen Klassiker in Uhrform transformiert. Stattdessen orientiert er sich eher an dem kreativen Vorgehen von Carl Friedrich Wilhelm Borgward, „der ein genialer Konstrukteur war, aber auch Designer und Tüftler. Die von ihm geschaffenen Autos haben alle das ganz besonderes Flair der 1950er- und 1960er-Jahre. Er hat für diese Autos gelebt. Das sieht man seinen Fahrzeugen sofort an und das versuche ich auf meine Uhren zu übertragen. Die Ideen werden mit dabei sicher nicht ausgehen.“

Sinn fürs weibliche Handgelenk

Und diese gefallen auch der Damenwelt. Das hat einen handfesten Grund. Denn das, was der Markt an Mechanikuhren für Damen hergibt, ist alles andere als nach dem Geschmack von Betz.
„Da gruselt es mich. Blättern Sie mal die Kataloge durch. Im mechanischen Bereich sind 90 Prozent der Neuheiten für Männern gemacht. Und wenn ich mir die verbleibenden Damenmodelle anschaue, dann sehe ich Schickimicki, Herzchen und Blingbling, eine offene Unruh … es ist grausam. Es gibt zum Beispiel keine schönen mechanischen Damenchronographen. Und das führt am Ende häufig wieder zu Quarzuhren, die in meinen Augen oft zu überhöhten Preisen angeboten werden.“

Und so hat er bei der Kreation neuer Modelle immer auch das weibliche Handgelenk im Sinn. „Der Chronograph, den Sie auf der Watchtime in Düsseldorf gesehen und anprobiert haben, baut zwar hoch auf, aber er liegt auch an einem schmalen Handgelenk perfekt an. Eine Kundin sagte auf der Watchtime in Düsseldorf sogar zu mir, dass die Veranstaltung – abgesehen von meinem Angebot – frauenfeindlich sei. In gewisser Weise muss ich ihr recht geben.“

Tags : BetzBorgwardZeitmanufaktur
Antje Heepmann

The author Antje Heepmann

Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

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