Home Blickpunkt

INTERVIEW: Roland Kaulfuß, CEO Kraemer Gruppe: „Der Markt ist groß genug!“

0

Roland Kaulfuß hat im vergangenen Jahr sein zehnjähriges Jubiläum als Geschäftsführer der Kraemer Gruppe gefeiert, zu der neben rund 35 Niederlassungen von Juwelier Kraemer außerdem acht Pletzsch-Filialen mit einem Sortiment im gehobenen Preissegment gehören. In der Schmuck- und Uhrenbranche ist er aber bereits seit über 30 Jahren aktiv.

Im Interview erläutert er unter anderem, warum die Partnerschaft mit starken Marken für jeden Juwelier wichtig ist, solange sie auf Augenhöhe stattfindet, und warum er fest an den stationären Handel glaubt.

Nach zwei Neueröffnungen in Oben Roland Kaulfuß, Geschäftsführer Kraemer Gruppe. Köln 2020 und in Regensburg 2021 ist der Branchenkenner übrigens weiter auf der Suche nach weiteren. „Wir haben noch ein paar weiße Flecken auf der Karte.“

Advertisement

WatchPro: Alle reden von B2C, D2C und von wachsenden Online-Umsätze der Marken. Ist der klassische, stationäre Fachhandel in Gefahr, weil die Marken zunehmend das Geschäft ganz alleine machen wollen?

Roland Kaulfuß: Der Trend ist ja nicht völlig neu, das fing bereits mit den ersten Monobrand-Boutiquen an. Da waren die Marken plötzlich im angestammten Revier eines Juweliers selbst präsent. Das konnte aber durchaus zum Vorteil des Händlers sein, weil dadurch natürlich die Marke und die Nachfrage danach auch gestärkt wurde.

Der nächste Schritt war die Einführung der selektiven Distributionsverträge, infolgedessen auch eine gewisse Selektion der Händler stattfand. Aktuell ist der digitale Weg bei dem unmittelbaren Kontakt zwischen Marke und Endverbraucher ein weiterer Step in diesem Prozess.

Aus Sicht der Marken kann ich das übrigens abolut nachvollziehen, denn letztendlich geht es darum, das Markenimage zu steigern.

WatchPro: Und wo bleibt der stationäre Fachhandel dabei?

Roland Kaulfuß: Wir als Fachhändler beziehungsweise Multibrandstores müssen aus dieser Entwicklung natürlich die richtigen Konsequenzen ziehen. Das bedeutet, dass man gute Partnerschaften mit starken Marken und Lieferanten nutzen, pflegen und intensiv leben muss, um von deren Stärke für das gesamte, eigene Sortiment profitieren zu können. Dabei sollte man aber immer auf Augenhöhe agieren.

Das heißt, es nützt nichts, wenn man Tausende gute Marken führt, man aktiv aber nichts daraus macht. Bei kleineren Juwelieren kann da manchmal weniger auch mehr sein.

Man muss aber immer auf der Hut sein, nicht seine eigenen Stärken zu vergessen. Stattdessen sollten diese ausgebaut und nach außen hervorgehoben werden. Dabei spielen Service und Kundenbindung die wichtigsten Rollen. Denn am Ende des Tages geht es doch ganz unabhängig von der Vertriebsform oder -größe einzig darum, wer die beste Bindung zu seinen Kunden hat, wem die Kunden am meisten vertrauen.

Es geht um den Mehrwert, der über das Schmuckstück und die Uhr hinausgeht. Und den können nur Menschen schaffen. Hier sehe ich für aktive, stationäre Fachhändler ein riesen Potenzial. Gehen Sie mal in Frankfurt in die Goethestraße. Ich habe dort viele Monomarken-Boutiquen gesehen, die gekommen und wieder gegangen sind.

Denn irgendwann stellt sich immer die Frage nach der Wirtschaftlichkeit, und viele Monomarken-Boutiquen sind nicht wirtschaftlich, sie werden vorrangig aus Imagegründen betrieben.

WatchPro: Ist das der Grund, warum Kraemer keine Markenboutique betreibt?

Roland Kaulfuß: Ja, obwohl wir vielfach gefragt wurden, gerade letztes Jahr wieder für die Goethestraße. Wir verfolgen aber eine andere Philosophie. Unsere oberste Maxime ist es, dass sich jeder Standort rechnen muss, dass man mit ihm Geld verdienen kann. Rein aus Imagegründen eröffnen wir keine Geschäfte.

WatchPro: Aber darüber hinaus sagen Sie, dass ein aktiver, wacher stationärer Händler nach wie vor gutes Geld verdienen, sich rechnen kann und nicht durch die B2C/D2C-Strategien der Marken gefährdet ist?

Roland Kaulfuß: Richtig. Ganz wichtig dabei ist es, dass man die Abhängigkeit von einzelnen Marken nicht zu groß werden lässt. Natürlich sind wir bis zu einem gewissen Grad immer abhängig. Aber wir gleichen dies zum Beispiel über unsere zwei Geschäftsfelder Kraemer und Pletzsch aus und vernachlässigen darüber hinaus nicht die Präsenz von uns als eigene Marke.

Bei dem Thema Marke geht es ja meist um Uhren. Genau deshalb ist der Schmuckbereich ganz wichtig für den Fachhandel. Global betrachtet wird zudem mit Schmuck ja deutlich mehr Umsatz gemacht als mit Uhren. Viele Uhrenmarken sind außerdem mehr oder weniger sehr zentral gesteuert. Und dann kann plötzlich die Entscheidung für eine radikale Reduzierung des Händlernetzes von oben kommen, und es wird vielen Juwelieren gekündigt – auch wenn der einzelne mit der Marke gute Umsätze gemacht hat.

Denken Sie mal an Pandora. Wir als Gruppe haben damit viel Umsatz generiert. Und dann hat man sich entschieden, überwiegend auf die eigenen Stores zu setzen und hat sich von den großen Partnern wie Christ und Kraemer getrennt, zum Teil auch vom Warenhaus. Das haben wir aber gut verkraftet. Natürlich hätten wir das gerne weitergemacht, aber nicht um jeden Preis. Solche Entwicklungen wird es immer wieder geben.

Und wenn dann die Abhängigkeit zu groß ist, stehen Sie auf einmal da und haben ein großes Problem.

Watchpro: Könnten Sie sich denn auch vorstellen, große Marken aus dem Sortiment zu nehmen, wenn der Druck beziehungsweise die Abhängigkeit zu groß wird?

Roland Kaulfuß: Nein, das ist für mich nicht der richtige Weg. Wenn es um eine starke Uhrenmarke geht, sollte man diese für sich nutzen und mit der Marke wachsen. Warum sollte ich mich davon trennen? Aber parallel dazu muss man seine eigenen Stärken ausbauen, um ein Gleichgewicht zu halten.

Es geht um die Antwort auf die Frage, was ich zusätzlich oder alternativ bieten kann. Das kann Service oder Schmuck sein. Dann stehe ich – überspitzt formuliert – nicht ohne Kunden da, falls eine Uhrenmarke einmal wegbrechen sollte.

WatchPro: Das erinnert mich an die Abhängigkeit vieler vom Asien- beziehungsweise Touristengeschäft.

Roland Kaulfuß: Genau, das ist auch eine Form der Abhängigkeit, die zu sehr auf ein Geschäftsmodell setzt und bei dem der lokale Kunde vergessen wird. All diejenigen, die sich auf Asien und die Touristen fokussiert hatten, sind durch die Pandemie enorm ins Straucheln geraten.

Man muss mehrere Themen und Bereiche ausbauen, um erst gar keine Abhängigkeit aufkommen zu lassen.

Watchpro: Sie haben im Juni eine neue stationäre Filiale in Regensburg eröffnet, mitten in der Pandemie. Wie ist die Resonanz?

Roland Kaulfuß: Ich komme aus dem Strahlen nicht mehr heraus. Wir haben am 18. Juni eröffnet und schon im ersten Monat wurden unsere Erwartungen deutlich übertroffen.

Ich habe von Anfang an gesagt, der Standort Regensburg wird zu unseren Top 5 bei Kraemer gehören. Und es sieht so aus, als ob ich Recht behalten könnte. Wir haben übrigens im vergangenen Jahr auch in Köln eine neue Filiale eröffnet, ebenfalls in einem Einkaufscenter, und auch die läuft hervorragend.

WatchPro: Sie haben ja quasi in Regensburg den Standort von Christ übernommen. Irritiert das den ein oder anderen Kunden?

Roland Kaulfuß: Wenn wir einen Laden an einem Standort eröffnen, an dem schon viele Jahre oder Jahrzehnte ein Uhren- und Schmuckgeschäft betrieben wurde, dann profitieren wir davon. Der Standort ist sozusagen schon angefüttert und gelernt. Und ja, es passiert auch in Regensburg, dass Kunden ins Geschäft kommen und sich erst einmal erstaunt umsehen.

Dann wird er aufgeklärt und alles ist gut. Es wird zum Glück wahrgenommen, dass der Laden anders aussieht, dass es andere Sotimentsschwerpunkte gibt. In diesem Zusammenhang möchte ich unterstreichen, dass wir grundsätzlich davon leben, dass jemand etwas für Schmuck und Uhren tut.

Deswegen freuen wir uns sogar über aktive Mitbewerber, denn von derem positiven Engagement profitiert die ganze Schmuck- und Uhrenbranche und somit auch wir. Dadurch wird das ganze Thema beim Verbraucher präsenter.

Ich bin schon sehr lange in der Branche und weiß daher, dass wir sehr erfolgreiche Geschäftsphasen hatten, wenn zum Beispiel Tchibo Schmuck verkauft und dafür Fernseh-Werbung gemacht hat. In den Jahren hatten wir tolle Weihnachtsgeschäfte, weil Schmuck als Geschenk im Bewusstsein der Menschen plötzlich viel präsenter war. Und nicht jeder ist ins Kaffeegeschäft gegangen, sondern viele haben beim Juwelier gekauft.

Oder die Kampagne von De Beers – „Ein Diamant ist unvergänglich“ –, das waren Geschichten, die auf das Thema Schmuck und Uhren sehr gut eingezahlt haben. Und das gilt auch für Mitbewerber. Wir haben viele sehr umsatzstarke Standorte, an denen wir ebenso starke Schmuck- und Uhrengeschäfte im unmittelbaren Umfeld haben. Es ist nicht unser Bestreben, dass wir allein auf weiter Flur sind. Im Gegenteil.

Auch in Regensburg haben wir zwei kleinere Uhren- und Schmuckfachhändler in der Nähe, und ich bin noch vor dem Eröffnungstag mit dem Filialleiter dorthin gegangen, wir haben uns vorgestellt und uns allen eine gute Partnerschaft gewünscht.

Wir sitzen doch alle in einem Boot, kochen alle nur mit Wasser und der Markt ist groß genug.

WatchPro: Jetzt wurde der Markt durch Corona ja massiv ausgebremst. Stellen Sie mittlerweile eine gewisse Normalisierung des Einkaufverhaltens fest?

Roland Kaulfuß: Was wir schon im Juni gesehen haben, hat sich im Juli bestätigt. Es gibt einen Nachholbedarf, insbesondere im Servicebereich, das gilt für Pletzsch und Kraemer gleichermaßen.

Wir profitieren auch im Schmuckbereich und bei den Uhren, bei letzteren vor allem im klassischen, weniger im Fashionbereich. Dieser steht für uns in diesem Jahr auch weniger im Mittelpunkt. Das Problem ist, dass sich dieser seit Wochen im Sale befindet. Wenn ich da bei anderen Händlern die Rabattangebote sehe – ganz ehrlich –, das macht einfach keinen Spaß.

Im Segment Uhren werden wir von den Kunden vor allem gezielt auf Neuheiten angesprochen. Auch sehr kaufräftige Kunden fragen ganz gezielt nach bestimmten Modellen, Limitierungen und so weiter. Da ist Bewegung im Markt.

Was ich mit viel Freude feststelle, ist, dass die Innenstädte gut frequentiert sind. Die Frequenz in den Geschäften ist allerdings noch geringer als in der Vor-Corona-Zeit. Aber die Kunden sind entschlussfreudiger und kaufen durchaus auch in höheren Preislagen.

WatchPro: Also blicken Sie optimistisch auf die kommenden Monate?

Roland Kaulfuß: Grundsätzlich ja. Sie wissen ja: Ich trinke lieber aus einem halbvollen als aus einem halbleeren Glas.

Aber mir macht eine andere Entwicklung Sorgen. Da geht es um das gesamte Einzelhandelsumfeld, und ich appelliere an alle Händler, egal aus welcher Branche, egal ob in der Fußgängerzone oder im Einkaufszentrum: Wir müssen zu gemeinsamen Kernöffnungszeiten kommen, auf die sich der Verbraucher verlassen kann. Ich sehe hier leider sehr oft einen großen Flickenteppich.

Das Problem mit den unterschiedlichen Öffnungszeiten rührt auch daher, dass einige Unternehmen nach wie vor das Kurzarbeitermodell nutzen, um ihre Kostensituation zu optimieren. Das erzeugt bei mir ein Störgefühl. Denn als Händler muss ich dem Kunden eine optimale Mitarbeiter- und Beratungssituation bieten.

Wenn ich aber einfach die Öffnungszeiten reduziere, um weiterhin das Kurzarbeitergeld zu bekommen, kann ich das nicht und verliere vielleicht langfristig Kunden. Bei uns ist übrigens seit Juni kein Mitarbeiter mehr in der Kurzarbeit.

WatchPro: Welches werden darüber hinaus die größten Herausforderungen der nächsten Wochen, Monate und/oder Jahre für den Fachhandel mit Schmuck und Uhren sein?

Roland Kaulfuß: Neben den harten Faktoren wie Standort, Sortiment und Kapital sind für mich die Menschen das allerwichtigste, die den Unterschied zum Onlinekauf ausmachen. Und genau das bereitet mir Sorgen, weil im Einzelhandel zu viele Ausbildungsplätze unbesetzt sind. Wir sind aber in einem Dienstleistungsbereich tätig, und dafür benötigt man gut ausgebildete und engagierte Mitarbeiter.

Auf den ersten Blick mag die Tätigkeit im Verkauf für viele aufgrund der Öffnungszeiten und der Bezahlung nicht so attraktiv erscheinen. Auf der anderen Seite stehen viele tolle Erfolgserlebnisse, wenn der Kunde die Beratung lobt und zufrieden mit seinem Kauf den Laden verlässt. So etwas finden Sie im Büro nicht.

Mit einem guten Team im Verkauf schaffen Sie es auch, dass der Kunde beim Betreten des Ladens sofort unbewusst merkt, dass die Stimmung gut und ungezwungen ist. Das überträgt sich natürlich auf den Kunden und dessen Kauflaune.

Jeder klassische Juwelier mit einem guten Team, mit Mitarbeitern, die brennen und ein authentisches Interesse an den Kunden, kann meines Erachtens sogar dem filialisierten Fachhandel deutlich überlegen sein.

WatchPro: Auch wenn Sie eine gute Frequenz in den Städten beobachten, heißt es allenthalben, dass die Innenstädte drohen, auszusterben, und Shoppingcenter zu Food-Tempeln werden. Sehen Sie das langfristig auch so?

Roland Kaulfuß: Das ist ein vielschichtiges Thema. Schon vor Corona habe zum Beispiel die Einkaufscenter ausgerufen: Food ist das neue Fashion. Hintergrund ist, dass der ganze Textilbereich mit seiner Schnelllebigkeit ja schon weit vor der Pandemie Probleme hatte, auch aufgrund des zunehmenden Onlinegeschäfts. Stattdessen waren gerade in den Centern kurzweilige, neue Food-Konzepte auf dem Vormarsch und haben für eine Belebung gesorgt.

Und wenn ich mir jetzt die Innenstädte anschaue, habe ich nicht den Eindruck, dass diese nicht mehr attraktiv seien.

Natürlich müssen wir daran arbeiten, dass die City reizvoll bleibt oder am besten noch attraktiver wird. Aus meiner Sicht spielt dabei die Gastronomie durchaus eine wichtige Rolle. Denn die Menschen haben das Bedürfnis, rauszugehen, sich zu treffen und mit Freunden auf einen Kaffee zu verabreden, und das tun sie vorzugsweise in der Stadt und/oder in einem Center. Da sehe ich eine riesen Chance für den Handel.

Dafür benötigen wir aber eine große Vielfalt, beim Handel und beim Service. Ich finde es zum Beispiel toll, wenn es in einem Center einen Paket- oder Amazon-Service gibt. Oder es gibt einen Blutspendedienst in einem bis dahin leerstehenden Ladenlokal. Die Innenstadt muss viele, verschiedenartige Anlässe bietet, um dort hinzukommen.

Es gibt ja bereits Städte, die sich zum Beispiel der Leerstandsproblematik ganz kreatv annehmen. Essen hat ein Programm, bei dem gemeinsam mit Vermietern leere Ladenlokale wiederbelebt werden. Sei es mit Pop-up-Stores oder mit Existenzgründern, die sich dort präsentieren können, und die für eine Weile bei der Miete unterstützt werden.

WatchPro: Aber immer mehr Menschen wollen aus den Stadt raus und auf dem Land leben.

Roland Kaulfuß: Das hat meines Erachtens weniger etwas mit der grundsätzliches Attraktivität der Innenstädte zu tun, als mit dem Mangel an bezahlbarem Wohnraum, das ist gerade für junge Leute besonders schwierig. Und jetzt kommt auch noch die Pandemie hinzu, die uns doch weitaus länger begleitet, als alle gedacht haben. Wenn sie dann in einer Partnerschaft leben, beide im Homeoffice waren oder sind plus Homeschooling, und das alles am Küchentisch in einer kleinen Wohnung … da steigt natürlich das Bedürfnis nach mehr Wohnraum und Ruhe.

Für mich ist diese Landflucht beziehungsweise die Abwanderungen in die Randzonen der Städte auch ein Folge aus fehlendem bezahlbaren Wohnraum und der prekären Platzsituation während der Pandemie. Denn es gibt ganz viele Menschen, die leben sehr gerne in der Stadt, aber das ist einfach nicht mehr für alle bezahlbar.

WatchPro: Warum ist das so?

Roland Kaulfuß: Meiner Meinung nach ist das weniger eine Angelegenheit des Gesetzgebers als eine Frage der aktuellen Finanzsituation. Die Fondsgesellschaften sitzen auf viel Geld und haben dabei alle das Thema Negativzinsen im Nacken. Auf dem Kapitalmarkt sind die Anlagemöglichkeiten derzeit schwierig, also versucht man es auf dem Immobilienmarkt. Und da werden Immobilien teilweise zum Vierzigfachen einer prognostizierten Jahresmiete veräußert und gekauft. Dann optimiert der Käufer die Miete natürlich weiter, sprich erhöht sie. Das ist eine Spirale, in der wir uns befinden.

Watchpro: Gilt das auch für Gewerbeimmobilien?

Roland Kaulfuß: Es gibt ja einen Grund, warum unsere beiden neuen Filialen in einem Einkaufscenter sind. Da haben wir eine sehr zuverlässige Mietbasis. Natürlich muss ich mehr Miete zahlen, wenn ich mehr Umsatz mache. Aber dann kann ich es mir ja auch leisten. Aber auf der anderen Seite bieten die Shoppingcenter eine Zusammenarbeit, die auf Gegenseitigkeit beruht.

Wir haben zum Beispiel in den Lockdownphasen unverändert unsere Mieten zu 100 Prozent bezahlt.

Wir haben aber auch mit allen Vermietern gesprochen und haben gefragt, welchen Solidarbeitrag sie zu leisten bereit sind. Und mit fast allen privaten Vermietern und auch mit den Centern, einschließlich der ECE Group, haben wir entsprechende Vereinbarungen getroffen. Das war und ist ein gutes Signal dafür, dass man den Händler nicht alleine in seiner Not lässt.

Probleme und so gut wie keine Bereitschaft, aufeinanderzuzugehen, gab es nur bei großen institutionellen Anlegern, sprich Versicherungen. Wir haben einen Standort, bei dem eine Versicherung der Eigentümer der Immobilie ist. Und diese hat sich nicht einen Zentimeter auf uns zu bewegt. Stattdessen kommt jetzt eine zehnprozentige Mieterhöhung hinzu. Ich weiß jetzt schon, wenn der Mietvertrag in drei Jahren ausläuft und die Miete bis dahin nicht signifikant gesunken ist, dass wird dann diesen Standort aufgeben werden.

Denn wir führen keinen Standort weiter, bei dem wir nicht wenigsten perspektivisch Geld verdienen können.

WatchPro: Apropos Geld verdienen. Es gibt immer mehr limitierte Uhrenmodelle. Kann man damit als Juwelier besonders gut Geld verdienen?

Roland Kaulfuß: Die Frage ist ja, warum werden Limitierung überhaupt gemacht. Das hat weniger etwas mit Ressourcen zu tun. Es wird gemacht, um eine Story zu haben, die Begehrlichkeit weckt. Und wenn wir eine limitierte Kollektion haben, machen wir damit auch guten Umsatz.

Ich stehe daher den Limitierung durchaus positiv gegenüber.

Aber man muss die richtige Balance finden, wie oft man so ein Thema glaubwürdig spielen kann. Wenn man das mit einem Jubiläum verknüpft oder mit „50 Jahre Mondlandung“, dann sind das Anlässe, zu denen eine Limited Edition sehr gut passt.

Oder wenn jetzt eine Marke mit einer limitierten Flutoper-Uhr auf den Markt kommen würde, und bei jedem Kauf ginge ein bestimmter Anteil an die betroffenen Menschen und Regionen, dann wäre das eine gute Sache, die sicher auch funktionieren würde.

Aber man darf das Thema nicht überstrapazieren. Und wenn das Geschäft nur noch über Limitierungen läuft, dann würde ich die Marke auch in Frage stellen. Grundsätzlich sehe ich Limitierungen aber überhaupt nicht negativ.

Schauen Sie sich mal Ferrero mit Mon Cherie und der berühmten Sommerpause aufgrund der Qualitätsicherung an. Da hat man die Not zu Tugend gemacht: Wenn wir unsere Schnapspraline im Sommer nicht verkaufen können, dann machen wir daraus eine Kampagne und nehmen sie zwischen Ostern und Spätsommer vom Markt. Der Effekt ist, dass die Leute vor der Sommerpause Mon Cherie kaufen, auch wenn sie es vielleicht normalerweise nicht getan hätten, und nach der Sommerpause will man zu den Ersten gehören, die die Praline wieder genießen können. Das ist auch eine Art der Limitierung, und zwar eine wirklich geschickte.

WatchPro: Nach der Corona-Pause ist die Messelandschaft in der Schweiz gerade ordentlich in Bewegung. Was halten Sie davon? Was wünschen Sie sich als Vertreter des Fachhandels gründsätzlich von Messen?

Roland Kaulfuß: Wir gehen ganz bewusst auf die Fachmessen, die uns wichtig sind, und zwar persönlich und mit ausreichend Zeit. An dieser Einstellung haben auch die Versuche der digitalen Messeformate während der Corona-Zeit nichts geändert.

Das war alles gut und sinnvoll, über virtuelle Veranstaltungen zumindest irgendwie den Kontakt aufrecht zu erhalten. Da wurden Neuheiten und Markenstrategien präsentiert – oftmals auch sehr aufwendig –, und ich habe an vielen davon teilgenommen. Aber nicht eine davon hat auch nur ansatzweise die Stimmung und die Emotionen einer echten Messen, Veranstaltung oder eines persönlichen Treffen ersetzen können.

Es ist auch Folgendes passiert. Selbst wenn ein CEO, Chefdesigner oder Entwickler am Ende bei einer interaktiven Präsentation Rede und Antwort stand, kamen in der Regel keine Fragen. Denn in dieser virtuellen Welt sind manchmal 50 Menschen zusammengeschaltet, die sich oft gar nicht kennen. Das ist einfach nicht die passende Atmosphäre für ein offenes Gespräch. Die gibt es aber auf Präsenz-Messen.

Vor allem drei sind uns besonders wichtig. Das fängt Anfang des Jahres mit der Vicenza in Italien an. An den Tagen, die wir dort sind, beschäftigen wir uns ausschließlich und sehr intensiv mit Schmuck und tauchen sozusagen ganz konzentriert in diese Welt ein.

Das gilt auch für andere Messen wie die Inhorgenta in München, auf der wir vor allem die deutschen Hersteller treffen, die nicht nach Basel gehen, und auch Fashionanbieter. Die Inhorgenta ist für den deutschen Fachhandel extrem wichtig. Auch, um sich mit anderen Fachhändlern intensiv auszutauschen.

Und dann gehört für mich natürlich eine Schweizer Messe dazu, idealerweise die Baselworld. Mein Wunsch wäre es, dass dort möglichst alle relevanten Branchenmitglieder mit an Bord sind. Dafür muss eine Baselworld natürlich so attraktiv sein – auch finanziell –, dass wirklich alle kommen wollen und können. Ich wünsche mir, dass sich auch die großen Player wieder dieser Plattform anschließen, sodass man während eines Messebesuches die ganze Branche intensiv und ohne Ablenkungen erleben kann.

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here