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INTERVIEW: Dustin Fontaine, Sternglas – Zuhören, überlegen, realisieren

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Dustin Fontaine ist Gründer und Chef der jungen Uhrenmarke Sternglas, die von Anfang an ein solides Wachstum gezeigt hat. Einen Grund dafür verrät er im Interview mit WatchPro: er und sein Team sind nicht allwissend.

WatchPro: Ihr greift immer wieder Ideen eurer Fans auf. So ist ja auch die „Marus“ entstanden. Aber welches waren die ausgefallensten Wünsche? Und welche weiteren Wünsche gibt ist, bei denen ihr tatsächlich in Betracht zieht, diese zu realisieren?

Dustin Fontaine: Unsere Philosophie ist es, anstatt an den Bedürfnissen unserer Kunden vorbeizuarbeiten, zuzuhören und das Gehörte umzusetzen. Wir sind schließlich nicht allwissend.

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Die meisten Wünsche sind tatsächlich gar nicht so ausgefallen: Ein oft genannter Wunsch ist eine Damen-Automatik. Für uns schwer zu realisieren, da kaum noch Automatikwerke für Damenuhren hergestellt werden. Bestehende Werke sind sehr hoch, sodass die Uhren bei kleinerem Durchmesser sehr groß wirken. Das passt für unsere Kollektion und die Nachfrage noch nicht so gut zusammen.

Wir ziehen ein Automatikmodell für Damen dennoch in Betracht, sind hier allerdings immer wieder am überlegen, wie wir das im Sternglas-Stil realisieren können.

WatchPro: Ihr seid ein sehr junges Team. Kommt da nicht doch mal von dem ein oder anderen der Vorschlag, eine Smartwatch zu kreieren? Oder ist das für Sternglas undenkbar?

Dustin Fontaine: Natürlich sind wir ein junges Team, aber wir sitzen auch täglich am Bildschirm und bekommen das digitale Dauerfeuer permanent mit. Daher habe ich eher eine mäßige Affinität für Smartwatches bemerkt, viele sind froh mal vom Bildschirm weg zu kommen.

Diskutiert haben wir es trotzdem schon sehr oft. Natürlich sehen auch wir die Verkaufszahlen von Garmin und Apple, welche gleichzeitig beeindruckend, aber auch einschüchternd sind. Das ganze Sternglas-Team und ich persönlich stehen ganz klar hinter der klassischen Uhr.

Ich glaube, dass die Smartwatch am Ende nur noch ein weiterer Stressor in unserem Alltag ist, da man unmittelbar die ganzen Nachrichten ans Handgelenk bekommt. Komplimente bekommt man für so einen Mikrocomputer auch nicht, zudem sind bisher einige große Hersteller in der Branche mit ihren Smartwatches gescheitert.

Meine Prognose ist, dass die Smartwatch bald in der Grabbelkiste für 29 Euro beim MediaMarkt liegt, wie der MP3-Player in den späten 00er-Jahren.

Das gilt natürlich nicht für Apple und Garmin, aber auch denen wird der Preisverfall im Markt weh tun.

„Meine Prognose ist, dass die Smartwatch bald in der Grabbelkiste für 29 Euro beim MediaMarkt liegt, wie der MP3-Player in den späten 00er-Jahren.“

WatchPro: T-Shirts, Pullover, Trinkflaschen, Poster für die Wohnung und seit November Parfüm: Geht es bei „Sternglas Studio“ wirklich um neue umsatzträchtige Produktsegmente, oder hat es eher etwas damit zu tun, euren Fans eine umfängliche Sternglas-Welt zu bieten, um sie so noch mehr an euch zu binden?

Dustin Fontaine: Meine Kolleginnen und Kollegen sind eigentlich angetreten, um das Thema Uhren nach Vorne zu bringen. Wir brennen für das Thema Uhr. Ich habe den Wunsch, dass auch noch in 20 Jahren machen zu können. Mit den neuen Produkten wollten wir uns einfach breiter aufstellen.

Zugegebenermaßen hat das leider nicht geklappt, die Produkte wurden von unseren Kunden und Fans nicht so angenommen, wie erwartet. Daher war es ein spannendes Experiment, aber Misserfolge gehören halt auch dazu.

WatchPro: Was für Menschen sind eigentlich eure Käufer, kann man das eingrenzen?

Dustin Fontaine: Das ist schwierig einzugrenzen, aber es sind deutlich mehr Männer. Insgesamt kann man tatsächlich sagen, dass unser Kunde einfach der normale Uhrenkunde ist. Der eine trägt eher Luxusuhren und besitzt eine Sternglas einfach als Alltagsuhr, andere sind designaffin und freuen sich über unseren minimalistischen Stil.

Und was sicherlich auch spannend ist: Mittlerweile geht jede 3. Sternglasuhr-Uhr über die Ladentheke beim Juwelier und nicht mehr über unseren Onlineshop.

„Mittlerweile geht jede 3. Sternglasuhr-Uhr über die Ladentheke beim Juwelier und nicht mehr über unseren Onlineshop.“

WatchPro: Wie seit ihr in Deutschland vertrieblich aufgestellt, wie international? Welche strategischen Pläne habt ihr?

Dustin Fontaine: Aktuell hoffen wir erst einmal, dass alle Retailer, ob Sternglas-Partner oder nicht, gut durch die Krise kommen. Jetzt in der Pandemie zeigt sich auch wieder, dass Onlineshopping teilweise auch mit Anprobieren und der Retoure sehr anstrengend sein kann. Ein Besuch beim Juwelier ist da deutlich angenehmer und zielführender.

Aktuell sind wir in Deutschland und Österreich mit 250 PoS und international mit 40 vertreten. Der Anteil an Offline-Abverkäufen machte 2020 zirka 25 Prozent vom Umsatz aus. Aufgrund des Lockdowns ist dieser Wert 2021 leider aktuell deutlich geringer.

Wir sehen in Deutschland noch viel Potenzial. In einigen Regionen können und wollen wir unsere PoS noch ausbauen, zum Beispiel in Mittel- und Ostdeutschland, aber auch international sind wir aktiv. In den USA haben wir bereits 26 PoS aufgebaut.

„Wir sehen in Deutschland noch viel Potenzial.“

WatchPro: Was ist eigentlich aus den Webshops geworden, die ihr für eure Partner Juwelier im ersten Lockdown aufgesetzt habt. Letztlich sollte es ja Hilfe zur Selbsthilfe sein.

Dustin Fontaine: Offen gesagt wurde im Frühjahr 2020 es medial sehr gut aufgenommen, und ebenfalls im Team hat es für viel Motivation gesorgt. Einigen Juwelieren konnten wir wirklich helfen und zur Seite stehen. Insgesamt war das Interesse zwar groß, letztendlich haben aber am Ende sehr wenige teilgenommen.

Dann kam der Sommer 2020 und die Normalität zurück, und wir haben uns wieder unserem Kerngeschäft gewidmet und dabei auch gemerkt, dass das Agenturgeschäft nicht unserer Kompetenz entspricht, sondern der Uhrenhandel. Zum Herbst 2020 haben wir das Programm dann komplett eingestellt.

WatchPro: Nachhaltigkeit ist mittlerweile ein starkes Verkaufsargument. Wie nachhaltig ist Sternglas?

Dustin Fontaine: Wir stehen gut da und sind auf einem noch besseren Weg. Wir haben Plastik in unseren Logistik stark reduziert. So sind zum Beispiel unsere Verpackungen nahezu plastikfrei und wir versenden klimaneutral mit DHL Go Green. Seit 2020 dürfen wir uns auch offiziell als klimaneutrales Unternehmen bezeichnen.

Dieses Jahr haben wir gemeinsam mit dem Verein „Küste gegen Plastik“ eine Sonderedition kreiert und dabei 11.250 Euro gespendet. Und dieses Jahr soll noch einiges kommen. Wir arbeiten aktuell daran, den CO2-Ausstoß unserer Produkte zu neutralisieren. Die Berechnung ist allerdings aufgrund der vielen Einzelteile einer Uhr sehr komplex.

WatchPro: 2021 wird Sternglas fünf Jahre. Hättest Du Dir am Anfang vorstellen, dass du heute so gut dastehen würdest? Und was denkst du, wie Sternglas in fünf Jahren aufgestellt sein wird?

Dustin Fontaine: Teils, teils. Manches hat mich sehr überrascht, zum Beispiel wie gut Automatikuhren für uns funktionieren und wie gut Sternglas beim Fachhandel angekommen ist und sich durchverkauft. Das hat mich wirklich enorm überrascht.

Auf der anderen Seite hatte ich es mir auch teilweise leichter vorgestellt. Ursprünglich wollte ich auf sehr wenige Produkte setzen. Jetzt zeigt sich aber, dass es sehr wichtig ist, immer wieder neue Produkte herauszubringen. Das verlangt dem Team und mir natürlich viel Kraft ab, motiviert aber auch sehr.

Insgesamt bin ich auf jeden Fall dankbar und freue mich darüber, wie gut bisher alles geklappt hat. Und auch in fünf Jahren werden wir weiterhin unsere Fahne für die klassische Uhr hochhalten und versuchen Menschen aller Altersklassen für klassische und mechanische Uhren zu begeistern.

Wir wollen in allen Bereichen noch professioneller werden und eine Damen-Kollektion anbieten. Ein Traum von mir ist ein Flagship-Store in unsere Heimatstadt Hamburg. Ich bin mir sicher, dass wir all dies schaffen und Menschen auch noch in 25 Jahren von Uhren begeistert sein werden.

„Und auch in fünf Jahren werden wir weiterhin unsere Fahne für die klassische Uhr hochhalten und versuchen Menschen aller Altersklassen für klassische und mechanische Uhren zu begeistern.“

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