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INTERVIEW: Designer Daniel Eltner (Watchpeople): Gedankenakrobatik rund um Perspektive, Raum und Zeit

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Dass sein Herz für die Gestaltung von Tischkultur schlägt, wird bei unserem Gespräch in Hamburg schnell klar. Bevor der der erste Schluck Kaffee getrunken ist, schaut sich Designer Daniel Eltner den Boden der (noch vollen) Tasse an, um den Hersteller zu ermitteln – ein Klassiker.

Nach diesem dynamischen Auftakt, der von seiner Leidenschaft für gut gestaltete Dinge des Alltags und seinem Renommé in Sachen Geschirr und Besteck zeugt, erläutert er im Interview mit WatchPro mindestens ebenso passioniert seinen noch relativ jungen Werdegang in der Uhrenwelt.

Hier fungiert er als Kreateur der Marke Walter Gropius aus dem Hause Watchpeople, die nach dem deutschen Architekten und Gründer des Bauhauses benannt wurde. Dabei erläutert Eltner unter anderem, warum das Erfolgsgeheimnis eines guten Designs gerade darin liegt, gegen die Strömungen der Zeit zu arbeiten – auch, wenn es dabei um eine Uhr geht.

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WatchPro: Die Uhrenmarke Walter Gropius wird als Bauhaus-Marke bezeichnet. Bauhaus ist leider ein Begriff, der letztlich auch durch das 100jährige Jubiläum im Jahr 2019 derzeit fast schon inflationär verwendet wird. Was bedeutet es eigentlich für dich, für eine Bauhaus-Marke zu arbeiten?

Daniel Eltner: Viele Menschen kennen den Begriff Bauhaus in erster Linie aus dem Bereich Baumarkt. Kurioserweise verwendet ja ein Baumarkt genaus den gleichen Namen. Diesem Verwechslungsklassiker ist die Walter-Gropius-Kollektion „Hausbauhaus“ mit dieser dadaistischen Namensgebung gewidmet.

Zurück zu Walter Gropius. Die Marke habe ich von Grund auf als Analogie zur gesamten Bauhau-Philosophie konzipiert, als eine Art Bauhaus-DNA-Komprimierung. Ich entwerfe ja nicht nur Formen für Produkte, sondern vor allem Visionen und Inhalte. Und so lautete auch der Auftrag von Watchpeople für das Projekt Walter Gropius.

Mein Entwurf basiert dabei auf den drei Grundfomen des Bauhauses – Quadrat, Dreieck und Kreis – und viel Gedankenakrobatik rund um Perspektive, Raum und Zeit. Das Ergebnis war die Verbindung von Architektur und Zeit.

„Die Innovation meines Ansatzes bestand darin, das Uhrengehäuse als ein fiktives, lichtdurchflutetes Gebäude von Walter Gropius darzustellen, welches an die berühmte Stahl- und Glas-Architektur des Bauhaus-Gebäudes in Dessau erinnert.”

Im Inneren dieses Bauwerks beziehungsweise der Uhr finden die einzelnen Kunstklassen mit Studenten und Dozenten statt, also wie im echten Bauhaus: Malerei, Bildhauerei, Architektur, Design, Töpferei, Fotografie, Metallbearbeitung, Textilwerkstatt, Theater, Musik und so weiter. Das Design der einzelnen Uhrenmodelle entspricht jeweils diesen verschiedenen Gewerken und interpretieren so das Bauhaus in „Uhr-Form“.

Die Kollektionen von Walter Gropius inszenieren jede für sich eine kleine Kunst-Vernissage in einem Miniatur-Bauhaus-Gebäude für’s Handgelenk.

Das mag für den einen oder anderen vielleicht etwas spleenig erscheinen. Den Mut, so etwas zu tun, habe ich unter anderem durch meine Begegnungen mit dem großen italienischen Designer und Architekten Alessandro Mendini gewonnen. Der sagte einmal zu mir: Du hast so viel Kreativität, mach einfach! Kümmere Dich nicht um die Leute, sondern setze deine Visonen um!

Wenn etwas erfolgreich wird, dann wollen es hinterher natürlich schon alle vorher gewusst haben. Aber in Wirklichkeit hat vorher jeder eine ganz andere Meinung gehabt.

WatchPro: Wenn du vorher jeden mitreden lassen würdest, wäre ja am Ende von deiner gestalterischen Vision nicht mehr viel übrig, es wäre ein Mischmasch aus allen möglichen Vorlieben.

Daniel Eltner: Genau. Am Anfang hatte ich bei Walter Gropius ehrlich gesagt Bedenken, ob es vielleicht zu ausgefallen wäre. Aber jetzt sehe ich, wie erfolgreich das Ganze ist.

Nicht nur, dass die Uhren beim Endverbraucher gut ankommen, gerade erst wurde die neue Automatikuhr mit dem Good Design Award ausgezeichnet. Das ist bereits das zweite Mal, dass Walter Gropius diese renommierte Auszeichnung erhält. Und sie hat auch New York Product Design Awards 2022 silver erhalten.

WatchPro: Das Bauhaus und Alessandro Mendinin sind also wichtige Inspirationsquellen für dich. Du hast aber auch lange mit Lino Sabattini zusammengearbeitet, der als Meister der Gestaltung von Essbestecken und Tafelgerät gilt. Wie sehr hat dich das geprägt?

Daniel Eltner: Die Begegnung hat mich sehr geprägt und in meiner Entscheidung für Objektdesign und Tischkultur bestärkt. Ich habe ihm daher den Espresso-Capuccino-Löffel Lino“ gewidmet, der seit über 20 Jahren im Deutschen Klingenmuseum in Solingen ausgestellt wird.

Dieser konkav/konvexe Löffel drückt die Philosophie des Positivo/Negativo-Designprinzips aus, das zurückgeht auf den Lehrmeister von Sabattini, Gio Ponti, der zum Beispiel das Pirelli-Hochhaus in Mailand entworfen hat.

Das ist so eine Art Meisterschüler/Schüler-Kette: Ponti/Sabattini, Sabattini/Eltner. Ich habe das Gefühl, dass sich diese Begegnung wie ein roter Faden bis heute durch meine eigene designerische Arbeit zieht, auch nach dem Tod von Sabattini vor sechs Jahren.

Es geht dabei auch darum, meine eigene Vision umzusetzen, mein eigenes Ding zu machen, selbst wenn dies vermeintlich gegen den Zeitgeist ist. Und siehe da, alle interessieren sich dafür. Und zwar, weil es Inhalt hat.

Folgst du einfach dem Trend, dann läufst du immer nur hinterher. Laut der Formel panta rhei des griechischen Philosophen Heraklit ist alles im Fluß, ist alles immer in Bewegung.

Bildlich gesprochen ist es also nicht möglich, zweimal in denselben Fluss zu steigen, es sind immer wieder neue Wassermoleküle, die man auch nicht einholen kann. Wie ein Ball, der auf dem Wasser schwimmt.

Wenn man sich das vergegenwärtigt, dann ist das so bedeutungsvoll und prägend für das eigene Tun, und es wird einem klar, dass man Trends immer nur hinterherschwimmen kann – oder man setzt sie.

Natürlich ist man auch ein Kind seiner Zeit, aber man ist vor allem auch vom eigenen Leben geprägt. Und wenn man diese persönlichen Erfahrungen ernsthaft und bewusst in Gestaltung umsetzt, dann kann man etwas erreichen.

„Ansonsten bleibt man immer nur der Hinterher-Schwimmer.”

WatchPro: Bedeutet das, dass dich aktuelle Trends und modischen Strömungen gar nicht beeinflussen?

Daniel Eltner: Dazu möchte ich gern ein weiteres Bild mit Fluss bemühen: Um zur Quelle zu kommen, muss man gegen den Strom schwimmen. Meine Suche nach Formen und Konzepten liegt daher stets jenseits von modischen Aspekten oder Trends. Es gleicht einer Suche nach Wahrheit, Archaik, Tiefe und Zeitlosigkeit.

Begriffe wie Moderne, Radikalität, aber auch Ironie kommen mir dabei in den Sinn. Die Dinge müssen eine starke Persönlichkeit aufweisen, um gegen die Strömungen der Zeit bestehen zu können, um so eventuell zu einer Ikone zu werden.

Der Weg dahin ist von Selbstkritik und Kreativität geprägt.

WatchPro: Du arbeitest also gegen die Strömungen der Zeit. Das klingt in Zusammenhang mit Uhrendesign besonders spannend. Als du mit der Marke Walter Gropius erstmals die Möglichkeit bekamst, Zeitmesser zu gestalten, was war da dein erster Gedanke?

Daniel Eltner: Das Projekt war ja von Beginn an mit dem großen Namen des Bauhaus, Walter Gropius, verbunden. Und das hat bei mir unmittelbar das Kopfkino in Gang gesetzt. Mich durchströmte sofort eine abstrakte Lust, etwas zu gestalten, was es so noch nicht gegeben hatte.

Bei den unzähligen Zeitmessern, die es ja schon gibt, hieß es daher für mich erst einmal, eine neue Haltung zu dem Produkt Uhr zu finden und zu kreieren.

Designer Daniel Eltner mit Ralf Bartelmeß (CEO Watchpeople) auf der Inhorgenta Munich 2020.

Und so gehörten zu meiner Vision auch das Innehalten und das bewusste Wahrnehmen von Zeit, vermittelt durch eine Art Architektur fürs Handgelenk, die mich nicht hinter der Zeit herrennen, sondern sie genießen lässt.

„Im Dialog mit Watchpeople wurde schnell klar, dass trotz technischer Parameter die Idee meines Designs ‚überleben’ muss.”

Dazu gehe ich am liebsten in die Werkstätten und Produktionen und rede mit den Menschen, die meine Visionen am Ende umsetzen. Ich möchte auch nicht als Design-Diva dastehen, sondern informiere mich vorher über etwaige technische Begrenzungen. Ich verstehe mich da als Vermittler zwischen Auftraggeber und Umsetzer. Um es mit dem deutschen Produktdesigner Wilhelm Wagenfeld zu sagen:

Ich fühle mich als künstlerischer Berater der Industrie. Das klingt nach einem noblen Understatement und wird von manchen Auftraggebern auch leider entsprechend missbraucht, indem sich diese selbst mit den Ideen des Designers schmücken und so tun, als ob diese ihrer eigenen Kreativität entsprungen seien.

Bei Watchpeople ist dies jedoch nicht der Fall.

WatchPro: Wie sieht die Zusammenarbeit mit Watchpeople denn konkret aus?

Daniel Eltner: Im Hause Watchpeople lässt man mir zum Glück maximale Freiheit für Visionen und Gestaltung. Notwendige Vorgaben besprechen wir im Vorfeld, damit diese in den Gestaltungsprozess einfließen können.

Ich arbeite dabei eng mit den drei Geschäftsführern Christian Schmitt, Ralf Barthelmeß und Hans Meeder zusammen. Wir sind inzwischen ein eingepieltes Team, das voller Vertrauen ist.

Christian Schmitt, Ralf Barthelmeß und Hans Meeder.

WatchPro: Hat sich dein persönliches Verhältnis zu Uhren durch die Zusammenarbeit mit Watchpeople verändert?

Daniel Eltner: Nein, eigentlich nicht. Ich kann mich nur leider nicht mehr entscheiden, welche der vielen Uhren von Walter Gropius ich tragen soll (lacht).

WatchPro: Mit „Atrium“ ist nach Quarzuhren die erste Automatikuhr von Walter Gropius erschienen. Hat das für dich als Designer einen Unterschied gemacht?

Daniel Eltner: Absolut. Das hat schon mit der Namensgebung angefangen. Mit „Atrium“ habe ich ganz bewusst eine Bezeichnung gewählt, die den architektonischen Aspekt meines Markenkonzepts verdeutlicht.

Bei der Automatikuhr spiegelt sich dies in der stilisierten Fensterfront des Bauhaus-Gebäudes in Dessau wider. Besonders zur Geltung kommt dies natürlich bei der transluzenten Version der Uhr.

Das heißt, von beiden Seiten der Uhr blickt man durch die Fenstersprossen auf das Innenleben der Uhr beziehungsweise in das Atrium, in dem das Automatikwerk seine Bewegungen vollführt.

Als wäre es eine Theater-Performance des deutschen Malers, Bildhauers und Bühnenbildners Oskar Schlemmer. Auch hier sind die künstlerischen Aspekte des Bauhauses ständig präsent.

WatchPro: Gibt es ein Produkt, welches du unbedingt noch gestalten möchtest?

Daniel Eltner: Auf jeden Fall. Und zwar ein Motorboot mit zeitgemäßem Antrieb, eine Art schwimmende Mole aus Teakholz, um dort zu lesen, zu arbeiten, zu relaxen oder einen Tauchgang zu starten. Hintergrund ist, dass für mich der Aufenthalt am Meer immer inspirierend und entspannend zugleich ist.

Um ehrlich zu sein, habe ich ein solches Boot natürlich schon entworfen, und die Chancen stehen ganz gut, dass es von einer deutschen Yacht-Werft realisiert wird.

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Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

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