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Heepmanns Kolumne: Über 130.000 Dollar für eine Secondhand-Handtasche – Platzt irgendwann die Blase mit Pre-owned-Luxusgütern?

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Der Run auf gebrauchte Luxusartikel scheint unaufhaltsam zu sein. Einige Uhren erreichen auf den einschlägigen Verkaufsplattformen astronomische Preise. Der Wert bestimmter Uhrenmodelle von Marken wie Rolex, Patek Philippe, Omega oder Cartier verdoppelte, verdreifachte oder vervierfachte sich innerhalb weniger Jahre. 

Ein Grund sind sicher zum Teil aberwitzige Wartezeiten auf bestimmte, neue Modelle, sodass so mancher auf Secondhand-Uhren zurückgreift – ohne dabei Geld zu sparen.

Aber nicht nur bei Uhren schwillt die Preisblase für gebauchte Luxusprodukte an. Bei Christie’s wurde gerade eine Sevondhand-Hermès-Handtasche aus dem Jahr 2015 für 137.500 US-$ versteigert, der Schätzpreis betrug 80.000 bis 100.000 US-$. (Bild oben)

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Und das Geschäft mit Secondhand-Luxus nimmt zu, wie eine aktuelle Studie der internationalen Unternehmensberatung Bain & Company aufzeigt. 2020 wurden gebrauchte Luxushandtaschen, edler Schmuck und Uhren sowie Markenkleidung im Wert von rund 28 Milliarden € umgesetzt. Im Jahr zuvor waren es 26 Milliarden €.

An Nachschub mangelt es noch nicht. Mehr als zwei Milliarden € in Form von „vergessenen“ Luxusuhren verstauben allein in den Schubladen Deutschlands, da viele ihrer Besitzer (noch) nicht wissen, dass ihre Zeitmesser zehn- oder sogar hunderttausende € wert sein könnten. Das ergab eine neue Analyse von Watchfinder & Co.

Und auch die Nachfrage ist da.

„Dieses Jahr hat eindeutig gezeigt, dass das Wachstum des digitalen Luxusuhrenmarkts weiterhin ungebremst ist. Auch die Corona-bedingten Einschnitte, die den gesamten Uhrenmarkt belastet haben, konnten diesen starken Trend nicht aufhalten. Daher prognostizieren wir auch für die kommenden Jahre eine Fortsetzung dieser Entwicklung und eine weiter steigende Nachfrage, insbesondere für Certified Pre-Owned Watches (CPO). Die Zahlen bestätigen zudem, dass wir gerade in diesen Zeiten die richtigen Antworten auf veränderte Kundenbedürfnisse finden. Das ist unser Ansporn das Wachstum auch zukünftig weiter voranzutreiben“, sagte Anfang des Jahres Chronext-CEO Philipp Man.

Philipp Man

Aber werden die Luxusjünger auch langfristig bereit sein, Preise für gebrauchte Uhren zu bezahlen, die weit entfernt von den ursprünglichen UVPs liegen?

Oder wird irgendwann die Preisblase platzen und die einstmals als Investitionsgut gekaufte Rolex oder Patek „verkommt“ zu nicht mehr als einem schönen Zeitmesser –, der nur noch mit Verlust weiterverkauft werden kann? Und wenden sich die Investitionswilligen dann anderen Luxusgütern zu und der Preis-Hype geht von vorne los? Oder endet irgendwann die Niedrigzins-Phase und herkömmliche Finanzprodukte erscheinen als Anlagemöglichkeit wieder attraktiver?

Das haben wir Tim Stracke, CEO von Chrono24 gefragt: Befürchten Sie eigentlich manchmal, dass die Pre-owned-Luxusuhrenblase irgendwann platzen könnte, beziehungsweise dass sich Liebhaber luxuriöser Investitionsgüter anderen Produkten zuwenden werden?

„Nein, das befürchte ich für die kommenden 20 Jahre nicht. Und zwar aus den folgenden Gründen: ‚Persönliche Luxusgüter‘ ist eine über Jahrzehnte konstant stark gewachsene Kategorie. Auch Krisen, wie zum Beispiel die Finanzkrise 2009 oder die aktuelle Covid-19-Pandemie führten immer nur zu kurzen Nachfrageeinbrüchen mit einer schnellen Erholung. Dies ist auch der Grund, warum LVMH zum wertvollsten Unternehmen Europas wurde.

Tim Stracke

Dieses Wachstum gilt auch für den Markt für neue Uhren, der insbesondere in den letzten 20 Jahren rasant gewachsen ist und sich von 2000 bis 2019 in etwa verdoppelt hat. Zuletzt lag er bei zirka 35 Milliarden Euro pro Jahr. Diese Uhren – man schätzt den Gesamtwert aller weltweit existierenden Uhren auf zirka 350 Milliarden Euro – werden früher oder später zurück in den Handel kommen. Egal ob man von einer durchschnittlichen Haltedauer von zehn oder 20 Jahren ausgeht.

Das riesige Volumen an existierenden Uhren, verbunden mit dem starken Trend der sogenannten ‚Circular Economy‘, also Kreislaufwirtschaft, wird auch in den kommenden zehn bis 20 Jahren den Markt gebrauchter Uhren befeuern. Der Markt für gebrauchte Luxusuhren wächst aktuell jährlich mit acht bis zehn Prozent. Das wird, auch wenn es Schwankungen geben wird, noch viele Jahre so weitergehen, und ich wüsste nicht, welches Schmuckstück oder Statussymbol, insbesondere bei Männern, die Uhr ablösen sollte.“

Und auch die Klientel wächst nach

„In der Generation von meinen Eltern hatte man damals, wenn man sich eine Uhr gekauft hat, schon ein Haus und ein Auto. Es war nicht das erste, woran man gedacht hat. Die Generation von heute ist deutlich ungeduldiger in ihrem Konsumverhalten“, meint Philipp Man.

Und dabei geht es immer häufiger auch um das Thema Investition. Viele kaufen Jordans oder eine Rolex nicht, um sie ein Leben lang zu besitzen oder gar zu tragen, sondern um sie mit Gewinn weiterzuverkaufen.

Während Aktien, Immobilien und weitere Anlagemöglichkeiten stark von der Wirtschaft abhängig sind, wäre eine Investition in Uhren eine sichere Anlagequelle, sagte Man kürzlich auf der Retail-Plattform K5. Denn die meisten dafür in Frage kommenden Uhren kämen nach wie vor aus der Schweiz. Und dort sind die Produktionskapazitäten nunmal beschränkt und würden die zukünftige Nachfrage nicht decken können. Demnach würde auch der Wert der Second-Hand Uhren steigen, so der Chronext-CEO.

Aber wie lange bleibt das so?

Wie lange der Nachfrageboom bei Uhren anhalten wird, kann jedoch niemand seriös vorhersagen. Wie bei Aktien und Immobilien kann es auch bei Luxusuhren zu Blasen kommen, die eines Tages platzen.

Zumal nur wenige Uhren das Zeug zu einer echten Wertsteigerung haben. Diese zu erkennen, dafür bedarf es eines besonderen Näschens – und sicher auch des glücklichen Zufalls und Zeitpunkts. Zudem sich auch Kapriolen der Hersteller bei ihrer Produktpolitik immens auf den Preis einer Secondhand-Uhr auswirken können, wie letztens bei der „Nautilus“ eindrucksvoll zu beobachten war.

Nicolas Pilz, Geschäftsführer der Societas Vermögensverwaltung, betont: „Luxusgüter wie Kunst und Uhren haben im Vergleich zu Aktien einen eher persönlichen Wert, der von Knappheit definiert ist.“ Im Vergleich zu Wertpapieren oder auch Immobilien gebe es keine klassischen Bewertungsmethoden, die den gehandelten Wert oder Preis wirtschaftlich rechtfertigen könnten.

Es gibt außer der Nachfrage also quasi keinen echten Gegenwert. Lässt die Nachfrage aus welchen Gründen auch immer nach, gehen die Preise runter. Und: „Im Falle eines wirtschaftlichen Crashs sind Luxusgüter nur schwer zu veräußern, da auch potenzielle Käufer ihr Geld dann zusammenhalten.“

Eine Uhr günstig kaufen, um sie irgendwann teurer weiterzuverkaufen, ist also eine Wette darauf, dass der Hype anhalten wird, sagte Henri von Laufenberg, Uhrenexperte beim Händler Colognewatch, Ende letzten Jahres auf merkur.de. „Bei Beratungen weisen wir immer darauf hin, dass man nicht in die Zukunft schauen kann.“

„Man kann nicht voraussagen, ob eine gehypte Uhr in fünf oder zehn Jahren noch mal deutlich mehr wert sein wird“, ergänzte Uhren-Youtuber Marcus Finger. „Das kann genauso gut eine Blase sein, die irgendwann platzt.“

Und eigentlich ist es doch auch viel zu schade, eine hochwertige Uhr als reine Wertanlage zu erwerben. Sie will begeistern, getragen und bewundert werden, sodass im Laufe der Jahre die Wertschätzung ihr gegenüber und gegenüber denjenigen, die sie erschaffen haben, immer weiter wächst. Wenn dann auch noch der materielle Wert steigt – umso besser. Darauf verlassen sollten man sich aber nicht.

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