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Heepmanns Kolumne: „Sinnloser Meisterzwang“ – so einfach ist es nicht!

Antje

„Sinnloser Meisterzwang“, so lautete letztens die Überschrift eines Kommentar auf welt.de. Meines Erachtens ist das viel zu kurz gedacht.

In Deutschland sind vor kurzem zwölf Handwerksberufe von der Anlage B der Handwerksordnung wieder in die Anlage A verschoben worden. Das bedeutet, dass in diesen zwölf Berufen ohne Meistertitel kein Handwerksbetrieb eröffnet werden darf.

Das sei zum einen „ein starkes Signal für die Zukunft des Handwerks“ und zum anderen notwendig, um Qualitätsarbeit, Verbraucherschutz, Leistungsfähigkeit und Innovationskraft zu gewährleisten, begründete Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) den Schritt.

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Und er hat Recht. Leider gehört das Uhrmacherhandwerk nicht zu diesen zwölf Berufen. Und das ist nicht nachvollziehbar.

In fünf Jahren soll die Liste der zulassungsfreien Gewerke hinsichtlich einer Rückführung in die Anlage A erneut auf den Prüfstand gestellt werden.

„Dann werden wir definitiv wieder alles unternehmen, um unser Uhrmacherhandwerk wieder zurück zur Meisterpflicht zu bringen.“ Das sagte Anfang Oktober Albert Fischer (Präsident des Zentralverbandes für Uhren, Schmuck und Zeitmesstechnik (ZV) im Gespräch mit WatchPro.

2004 wurde der Meisterzwang in 53 von 94 Handwerksberufen abgeschafft, um die Selbständigkeit zu fördern. Kunden sollten zudem von sinkenden Preisenprofitieren.

Erfüllt haben sich diese hehren Wünsche nicht.

Zwar hat es hier und da zu einem Gründungsboom geführt, aber die meisten dieser Betrieben blieben klein oder konnten sich nicht lange am Markt halten. Auch ist die Ausbildungsrate in vielen betroffenen Handwerken gesunken.

Dass jedoch die Preise für handwerkliche Qualitätsarbeit nicht gesunken sind, weiß wohl jeder aus eigener Erfahrung. Und gute Arbeit ist auch ihr Geld wert und sollte entsprechend bezahlt werde. Allerdings fällt es ohne erforderliche Qualifizierungsnachweise den Kunden schwer, eine noch zu erbringende Dienstleistung überhaupt beurteilen zu können.

Und auch hier kennt wohl jeder die Erlebnisse, bei denen das eigene Urteilsvermögen nicht ausgereicht hat und man mit der handwerklichen Leistung am Ende nicht zufrieden war. Das Image der betreffenden Berufe steigt dadurch nicht gerade und auch nicht Bereitschaft einer angemessenen Bezahlung. Wie die Spirale sich weiterdreht, kann man sich leicht ausmalen.

Dieses Dilemma betifft auch das Uhrmacherhandwerk.

Albert Fischer

„Den wenigsten Verbrauchern ist überhaupt bewusst, dass es 2004 diese HWO-Novelle gab und sich seither jeder ohne den geringsten Befähigungsnachweis im Uhrmacherhandwerk selbstständig machen kann. Die meisten denken doch, wenn draußen ‚Uhrenwerkstatt‘ draufsteht, sitzt auch ein ‚echter‘ Uhrmacher drin. Die vielen negativen Erfahrungen, die Kunden seither mit Nicht-Fachbetrieben gemacht haben, werden somit leider oft auf das Uhrmacherhandwerk im Allgemeinen projiziert.“

Auszug aus dem Abschlussschreiben an den ZV des Bundesministriums für Wirtschaft und Energie zur Prüfung der Rückführung in die Anlage A:

„Für das Uhrmacherhandwerk sieht der aktuelle Gesetzentwurf keine Wiedereinführung der Zulassungspflicht vor. Die Rückführung von 12 Handwerken in die Anlage A der Handwerksordnung erfolgt zum einen zum Schutz der besonders wichtigen Gemeinschaftsgüter Leben und Gesundheit bei gefahrgeneigten Handwerken und zum anderen dient die Zulassungspflicht dem Schutz von Kulturgütern und immateriellem Kulturerbe und der Sicherstellung des Wissenstransfers und der Wissenserhaltung in den betroffenen Handwerken.“

Diese Ablehnung des ZV-Antrages zur Anlage A ist gelinde gesagt respektlos gegenüber den Fähigkeiten von Uhrmachermeistern auf der einen und gegenüber dem Traditionshandwerk auf der anderen Seite.

Aber muss es den Zwang zur Meisterpflicht wirklich geben, um ein Geschäft zu eröffnen? Oder wie Henrike Roßbach in ihrem Kommentar für die Suddeutsche Zeitung fragt. „Mal ganz ehrlich: Fliesen verlegen als Hochrisikoberuf?“

Gut – Leib und Leben sind bei Bau und Reparatur von Uhren selten in Gefahr. Aber ich behaupte mal, das gilt auch für einen Raumausstatter. Der Beruf jedoch ist in die Anlage A zurückgekehrt. Warum hier der Erhalt des kulturellen Erbes und des spezifischen Wissens höher eingeschätzt werden sollte als beim Uhrmacherberuf, ist mit ehrlich gesagt auch ein Rätsel.

Jetzt könnte man fordern, dass bei der Prüfung weitere Aspekte berücksichtig werden sollten. Da wäre zum einen der Aspekt Mitarbeiter. Der Betreiber eines Geschäftes sollte die kaufmännische Befähigung mitbringen, einen Betrieb zu führen, und zwar so, dass er für einen selbst, aber auch für die Mitarbeiter ertragreich ist. Schließlich trägt man für diese eine Fürsorgepflicht, auch bezüglich eines sicheren Arbeitsplatzes.

Das Thema Ausbildung ist ebenfalls immens wichtig und bedarf besonderer Fähigkeiten des Auszubildenden.

Ein weiterer Punkt ist der Schutz des Kunden, der sich auf das Können und das Know-how eines Dienstleisters verlassen können muss.

Das würde aber bedeuten, dass eine Art Meisterpflicht für alle zur Pflicht werden müsste, die ein Einzelhandelsgeschäft in welcher Branche auch immer eröffnen möchten. Bislang gibt es eine solche Pflicht nicht. Und vermutlich wäre eine solche auch tatsächlich ein Bremsklotz für den Einzelhandel und wäre zudem kaum durchsetzbar.

Ganz anders sieht es aber mit dem Bereich des Schutzes von Kulturgütern und des immateriellen Kulturerbes und der Sicherstellung des Wissenstransfers und der Wissenserhaltung in den betroffenen Handwerken aus. Dies hat das Bundesministerium geprüft und bei dem Uhrmacherhandwerk keinerlei Bedarf gesehen. Das ist absolut nicht nachvollziebar, finde ich.

Alles nur ein Riesengefallen?

Henrike Roßbach sieht in der Rückführung der zwölf Handwerksberufe in die Anlage A lediglich einen „Riesengefallen“. Natürlich sei der Meistertitel ein Ausweis besonderen Könnens und Wissens, aber es stehe ja jedem Kunden frei, sich seinen Handwerker auszusuchen. „Und wer heute nicht ausbildet, wird morgen sehen, was er davon hat, wenn die Konkurrenz an ihm vorbeizieht.“ Aber dann ist es vielleicht schon zu spät und viel Wissen und Ansehen für das Handwerk sind verloren gegangen.

So einfach ist es dann doch nicht

„Als direkte Konsequenz brach nach 2004 die Zahl der Meisterschüler drastisch ein und hat sich inzwischen auf etwa der Hälfte des Durchschnitts vor der HWO-Novelle eingependelt. Allein dadurch fehlen uns bereits jetzt etwa 300 Meister und damit potenzielle Ausbilder. Ein Umstand, der den seit etlichen Jahren bestehenden Nachwuchsmangel natürlich noch weiter verschärft“, sagt Albert Fischer.

Und so arrangiert sich er ZV zunächst einmal für die kommenen fünf Jahre, und zwar nicht tatenlos.

„Wir werden aber weiter Maßnahmen ergreifen, den Wert und das Ansehen des Meisters in unserem Beruf zu stärken. Vor ein paar Monaten haben wir diesbezüglich alle unsere Mitgliedsbetriebe mit Plaketten für die Ladentüren und Schaufenster ausgestattet, mit denen ganz besonders auf den besonderen Status ‚Meisterbetrieb des Uhrmacherhandwerks‘ hingewiesen wird. Dieses werden wir in Zukunft auch verstärkt über alle Online- und Social-Media-Plattformen kommunizieren“, erläutert Fischer.

In fünf Jahren steht der Uhrmacherberuf wieder auf dem Prüfstand: Ich drücke jetzt schon die Daumen!

 

 

Tags : Albert FischerHandwerksordnungMeisterpflichtMeistertitelUhrmacherhandwerkUhrmacherkunstZentralverband
Antje Heepmann

The author Antje Heepmann

Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

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