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Antje

Gestern platzte die Bombe, als das Schreiben der Fondation Haute Horlogerie FHH die Runde machte, in dem der Uhrenwelt mitgeteilt wurde, dass Rolex, Tudor, Patek Philippe, Chanel und Chopard nicht mehr auf der Baselworld ausstellen würden. Nur wenige Stunden später äußerte sich diese in Form einer Pressemitteilung zu den Vorgängen.

Und man wird das Gefühl nicht los – es wird eher stärker –, dass die beteiligten Hauptakteure nicht miteinander sprechen. Oder, wenn sie es tun, nicht hören und verstehen (wollen), was der andere sagt. Denn beide Mitteilungen brachten dies deutlich zum Ausdruck.

Missglückte Kommunikation

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Den Anfang dieser unseligen „Schreiben“, die möglicherweise den Anfang vom Ende der Baselworld einläuten, machte eine Pressemitteilung der MCH Group vom 3. April, mit der angekündigt wurde, dass man den Ausstellern die bereits entstandenen Kosten für die abegsagte Baselworld nicht erstatten werde, sondern stattdessen 85 Prozent auf den neuen Termin im Janaur 2021 übertragen werde. Alternativ können man 30 Prozent rückerstattet bekommen, wobei dann nur noch 40 Prozent vorgetragen werden würden.

Beide Varianten sehen vor, dass die Aussteller 2021 wieder dabei sind und dass sie auf einen Teil der bereits geazhlten Beträge für2020 verzichten. Diejenigen, die 2021 nicht mehr dabei sein wollen, gehen sogar leer aus. Denn die Baselworld-Vorschriften sehen eigentlich keine Erstattung bereits angefallener Kosten vor.

Ich weiß nicht ob und wenn ja wie viele der Baselworld-Aussteller sich darauf eingelassen haben, fünf bedeutende Marken haben dies nicht getan.

Zuvor wurde die Eskalation um eine weitere Stufe erhöht, und zwar mit einem weiteren unseligen „Schreiben“, dieses Mal vom Schweizer Aussteller-Komitee.

Die Neue Zürcher Zeitung, der dieser Brief vorliegt, bezeichnet diesen als „geharnischt“. Die Austeller verlangen darin, dass ihnen sämtliche Gebühren für die abgesagte Ausgabe 2020 rückerstattet werden. „Sonst, so die nett formulierte, aber dennoch unverhohlene Drohung, ‚befürchten wir, dass dies schlicht und einfach das Ende der Baselworld‘ sein wird“.

Nach außen blieb Michel Loris-Melikoff noch optimistisch, er wolle den Brief nicht als ein Ultimatum sehen, hieß es. Er habe bereits Gespräche mit dem Ausstellerkomitee aufgenommen. „Wir müssen einen gemeinsamen Weg finden, das ist klar. Wenn sich in der Diskussion neue Lösungen herauskristallisieren, die für beide Seiten richtig sind, werde ich mich ihnen nicht verschließen.“

Offenbar hatten da beide Seiten eine völlig andere Wahrnehmung dieser Gespräche.

Denn mit den beiden letzten Mitteilungen fielen endgültig alle bis dahin noch aufrecht erhaltenen Höflichkeitsbemühungen und brachten zutage, dass die Wahrnehmungen des aktuellen Verhandlungsstandes offenbar weit auseinandergehen.

Das Ende der Schweizer Höflichkeit

In der gestrigen Ankündigung der Absage der Fünf – Rolex, Tudor, Patek Philippe, Chanel und Chopard – durch die FHH wurde dann auch kein Blatt mehr vor den Mund genommen:

„Diese Abkehr folgt einer Reihe einseitiger Entscheidungen des Baselworld-Managements, die ohne Rücksprache getroffen wurden, einschließlich der Verschiebung der Uhrenshow auf Januar 2021 sowie der Unfähigkeit, die Bedürfnisse und Erwartungen der Marken zu erfüllen.“

Ganz anders sieht es offenbar die MCH Group, die sich von der Entscheidung überrascht zeigt, und nur wenige Stunden nach der Mitteilung der Fondation eine Pressemitteilung zu den Vorgängen herausgibt.

Demnach hätte sich unter anderem Rolex für den neuen Termin der Baselworld vom 28. Januar bis zum 2. Februar 2021 ausgesprochen. Auch hätte es viele Gespräche mit dem Ausstellerkomitee gegebeben sowie „unzählige“ Einzelgespräche – mit viel positiver Resonanz.

„Die MCH Group nimmt mit großer Überraschung und ebenso großem Bedauern die Absage wichtiger Aussteller an der Baselworld zur Kenntnis. Der neue Termin für die notwendige Verschiebung der Baselworld 2020 ist gemeinsam mit führenden Ausstellern definiert worden. Ziel war es, den frühest- und bestmöglichen Termin für die Industrie nach den Covid-19 bedingten Maßnahmen zu finden. Die jetzt ‚abwandernden‘ Unternehmen – inklusive Rolex – haben sich für die Verschiebung in den Januar 2021 ausgesprochen. Sie sind zudem im Ausstellerkomitee vertreten, in dem die künftige Vision der Baselworld mehrmals diskutiert worden und auf positive Resonanz gestossen ist, was sich auch in unzähligen Einzelgesprächen gezeigt hat. Die Absicht einer Abwanderung nach Genf ist nie erwähnt worden. (…) Die MCH Group wird in den nächsten Wochen über die Weiterführung der Baselworld und die Investitionen in ihre langfristig ausgerichtete Weiterentwicklung entscheiden.“

Die in der Pressemitteilung geäußerte Vermutung der MCH Group, „dass die entsprechenden Pläne seit längerer Zeit vorbereitet worden sind und die Diskussionen über die finanzielle Regelung der Absage der Baselworld 2020 nun als Argument vorgeschoben werden“, macht das würdelose Gezerre um die Baselworld eigentlich nur noch komplett.

Wir wissen alle nicht, was wirklich hinter den Kulissen besprochen, verhandelt und vielleicht auch getrickst wurde. Und es ist müßig, darüber zu spekulieren. Das Kind Baselworld ist in den Brunnen gefallen. Und wie so häufig, werden wohl alle Beteiligten ihren Teil (an Arroganz und Sturheit) dazu beigetragen haben.

Die alles entscheidende Frage ist nun, wie es weitergehen soll.

Die Fünf haben ihre Entscheidung getroffen.

Bleiben die Schweizer unter sich?

Bei all den Messe-Turbulenzen der letzten Monate kommt ob der Geschehnisse in der eidgenössischen Uhrenwelt ein weiteres Gefühl auf. Es handelt sich dabei scheinbar um eine rein interne Angelegenheit der Schweizer beziehungsweise der Swiss-Made-Uhrenhersteller. Und bei denen heißt es offenbar nicht mehr, dass Messen Marken machen, sondern umgekehrt. Watches & Wonders, Geneva Watch Days … und nun eine weitere Uhrenausstellung, die auf Inititative von Marken ins Leben gerufen wird. Und alle drei sollen in Genf stattfinden.

Aber was ist eigentlich mit all den anderen Marken, kleinere Schweizer und nicht eidgenössische Hersteller. Fraglich ist, ob diese trotz der Bekundung, weitere Uhrenmarken zuzulassen, überhaupt erwünscht sind.

Und ist Genf das richtige Pflaster für Marken wie Casio, Seiko und Citizen oder für deutsche Hersteller wie Mühle-Glashütte, MeisterSinger und Junghans? Bis auf MeisterSinger hatten alle hier aufgezählten Marken der Baselworld bereits den Rücken gekehrt, Junghans stellte immerhin noch parallel zur Baselworld in Basel aus. Aber ist Genf nun eine Alternative?

Auf dem Palexpo-Gelände werden Richemont bezüglich der Watches & Wonders und die Baselworld-Abtrünnigen sehr genau hinschauen, mit wem sie den begrenzten Platz teilen wollen, um die Illusion ausgeprägten Schweizer Luxus‘ perfekt und makellos zu präsentieren. Die Marken der von Bulgari (LVMH) initiierten Geneva Watch Days setzen auf Events in 5-Sterne-Hotels und Marken-Boutiquen.

Andere Marken abseits dieses Kosmos finden vermutlich gar keinen bezahlbaren Platz und/oder die Besucher nutzen ihre „teure“ Zeit in Genf (auch dort sind Hotels nicht günstig) nur für die Top-Marken …

Schlägt jetzt die Stunde der Inhorgenta?

Die befindet sich gerade im Aufwind und konnte als einzige europäische Fachmesse der Uhren- und Schmuckbranche noch weitestgehend unbelastet von Corona stattfinden. So einige Marken werden sich nach dem gestrigen Knall fragen, ob die Baselworld 2021 überhaupt noch stattfinden wird. Die Messe selbst spricht ja schon davon, dies zu prüfen.

Und wenn sie stattfindet, wird es dann lediglich eine traurige Abschiedsvorstellung werden, die den Ausstellern viel Geld kosten, aber mit wenigen Besuchern und und schlechter Stimmung in Erinnerung bleiben wird? Soll man da nicht gleich auf die Inhorgenta setzen?. Zumal Genf ja erst im April zum Uhren-Hotspot werden wird.

War bei einigen Noch-Baselworld-Ausstellern die Inhorgenta bereits in den letzten zwei Jahren langsam am Horizont aufgetaucht, steht sie in wenigen Wochen vielleicht schon als heller Stern am Himmel.

Man wird sehen. Eines steht aber fest. Auch wenn in diesem Jahr nur noch wenige große Uhren-Events stattfinden werden – wenn überhaupt – Futter für Diskussionen, Gerüchte und Spekulationen werden sie noch reichlich bereit halten.

Was sagen eigentlich LVMH und die Swatch Group zu diesen neuen Entwicklungen? Bislang noch nichts. Aber das wird sich sicher auch bald ändern.

 

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Antje Heepmann

The author Antje Heepmann

Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

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