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Heepmanns Kolumne: Neue Ideen braucht das Land!

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Antje Heepmann, Redaktion WatchPro Deutschland

1982 landete Ina Deter mit „Neue Männer braucht das Land“ in Deutschland einen Mega-Hit. Heute braucht es neue Menschen mit neuen Ideen. Aus Tübingen kommen offenbar solche. Ob deren jüngstes Projekt auch ein Mega-Erfolg wird, muss sich noch herausstellen. Der Start ist zumindest vielversprechend.

Nein, ein Everybody‘s Darling ist er nicht. Spätestens seit seiner Ausssage im Mai 2020, dass man in Deutschland möglicherweise Menschen rettet, „die in einem halben Jahr sowieso tot wären“, hat es sich Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer sogar mit der eigenen Partei verscherzt.

Aber wenn man eines in Pandemiezeiten lernen muss, dann ist es Aufgeschlossenheit auch gegenüber Andersdenkenden und -meinenden. Denn es gilt in dieser Krise, für die es keine Blaupause gibt, ganz neu und mutig zu denken und zu handeln. Und da muss jeder auch mal über den eigenen ideologisch geprägten Meinungsschatten springen und denjenigen zuhören, bei denen man aufgrund vorheriger Aussagen oder Taten in normalen Zeiten sofort abgewunken hätte. Der Griff an die eigene Nase ist zu empfehlen.

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Zurück zu Boris Palmer und dem Tübinger Tagestickets, welches die Stadt erstaunlich schnell von der Idee zur Tatsache gemacht hat. Eine erfrischend entschlossende Aktivität in Zeiten endloser Diskussionen, in denen allzu oft alles von unzähligen Seiten begutachtet, bewertet und nicht selten zerredet wird. Oder es werden die nach mühsamen Stunden errungenen Bund-Länder-Beschlüsse in nullkommanichts auf Länderebene neu interpretiert –, um dann erneut landauf, landab durchdiskutiert zu werden.

Leider stehen wir uns als Deutsche mit unserem tief verankerten Wunsch, alles irgendwie immer allen recht zu machen und alles auszutarieren gerade selbst im Weg. Hier empfehle ich wieder den Griff an die eigene Nase, meine eingeschlossen.

Tübingen und das Tagesticket

Seit dem 15. März 2021 gilt das Tübinger Tagesticket als Nachweis über einen tagesaktuellen negativen Corona-Schnelltest und ist die Zugangsvoraussetzung für zahlreiche Betriebe, auch des Einzelhandels, der Stadt.

Nach einer Woche Landesmodellprojekt „Öffnen mit Sicherheit“ zog die Stadt nun gestern ein erstes Resümee, das positiv ausfällt, aber auch auf Schwachstellen hinweist:

„Auch wenn es bei einem in größter Eile durchgeführten Pilotprojekt viele Probleme zu lösen gilt, ist das Fazit positiv und die Empfehlung lautet, das Modellprojekt weiterzuführen“, heißt es in der Pressmitteilung. Zugleich wird darauf hingewiesen, dass sich aufgrund der niedrigen Außentemperaturen von den insgesamt fast 30.000 Tests an den neun Teststationen einige als falsch positiv erwiesen haben.

Das bremst das Projekt aber nicht aus. Stattdessen wurden die Ursachen erforscht und Abhilfe geschaffen.

OB Boris Palmer sagt zu: „Der Vergleich der Werte zeigt, dass wir die hohen Zahlen falsch positiver Tests nur an drei Stationen hatten, die nicht vom DRK betrieben werden. Bei den Betreibern war leider nicht bekannt, dass die Tests bei mindestens 15 Grad benutzt werden sollten. Auch vereinzelten Beschwerden über mangelnde Hygiene gehen wir nach. Die Probleme müssen rasch behoben werden. Ich entschuldige mich bei den rund 40 Menschen, die mit einem falsch positiven Ergebnis einen gehörigen Schreck ertragen mussten.“

Für die praktische Umsetzung arbeitet die Stadt zudem an schnelleren Abläufen und besserer Kontrolle. Berichte über lange Wartezeiten an den Teststationen, fehlende Kontrollen, Verstöße gegen Testpflichten und Tickethandel solle so entgegengewirkt werden.

Tübingens Pandemiebeauftragte Dr. Lisa Federle freut sich über den Projektstart: „Es zeigt sich wieder, dass man mit präventiven Tests die Menschen findet, die andere anstecken, ohne es selbst zu wissen. In der letzten Woche hatten wir ungefähr so viele bestätigte Fälle in Tübingen wie an den Teststationen. Damit bremsen wir die Ausbreitung des Virus also erheblich ab. Der Einsatz von medizinischem Personal und unsere Erfahrung seit November zahlen sich an den DRK-Stationen aus.“

Zudem werden die Teststationen ab morgen auf ein digitales Ticketsystem umgestellt. Man erhält dann ein Armband mit QR-Code, das nicht weitergegeben werden kann und per Smartphone lesbar ist. „Damit entfällt die Wartezeit auf das Ergebnis. Wer getestet ist, kann einfach bummeln gehen und erhält im Falle eines negativen Tests nach etwa 15 Minuten die Freigabe für den QR-Code am Armband. Ist der Test positiv, erfährt man dies spätestens bei der ersten Ticketkontrolle. Wer ein Smartphone besitzt, kann das Testergebnis auf das eigene Handy bekommen. Das Tagesticket auf Papier wird vorläufig weiter akzeptiert, aber zur Ausnahme.“ Bei Verstößen sind Bußgelder bis 500 € möglich.

Lisa Federle und Boris Palmer appellieren an alle, die Testpflichten ernst zu nehmen: „Der Erfolg des Modellprojekts hängt davon ab, dass alle mitwirken. Wer ungetestet einen Kaffee trinkt oder Kunden ohne Test bedient, riskiert Infektionen und den Abbruch des Modellversuchs. Das können wir mit Vernunft und Einsicht vermeiden.“

Lässt sich der Tübinger Weg auf ganz Deutschland übertragen?

Bei Millionenstädte wie Berlin, Hamburg, München oder Köln ist dies vermutlich nicht so einfach und auch eine Frage der Kontrolle. Laut Handelsblatt planen Bund und Länder aber weitere sogenannte lokale Lockerungslabore, und zwar in Regionen mit niedriger Inzidenz.

Es hätten sich schon mehr als zwei Dutzend Bürgermeister von Städten und Kommunen aus ganz Deutschland nach dem Projekt erkundigt, berichtet Lisa Federle, die als die Architektin der Tübinger Strategie gilt.

Ich drücke die Daumen, dass sich der kreative Mut zum Handeln auszahlt. Vorbildcharakter hat er allemal.

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