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Heepmanns Kolumne: Nachruf auf einen schönen Namen

WW

Wer kennt sie nicht? Die Fauxpas der Autoindustrie, wenn es darum geht, dem neuen Modell einen möglichst verkaufsstarken Namen zu verpassen.

Das kann wortwörtlich in die Hose gehen wie bei dem Audi „E-Tron“. Denn ist “ètron” das französische Wort für Kothaufen. Und der „MR2“ von Toyota ist französisch ausgesprochen ebenfalls diesem Themenbereich zuzuordnen. „Pinto“ ist übrigens nicht nur ein Modell von Ford, sondern in Brasilien auch die Bezeichnung für das männliche Geschlechtsteil. Und fast schon legendär ist der Mitsubishi „Pajero“, welcher im spanischen Sprachraum nur als „Montero“ verkauft werden konnte.

Namen sind Schall und Rauch, heißt es. Das stimmt offenbar nicht. Der Name färbt immer auch auf die benannte Person oder das damit bezeichnete Produkt ab – und auch auf den Event. Namen haben einen großen Einfluss auf Wirkung, Image und – wenn auch nur unbewusst – das Verhalten.

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Whatever & Wonders

Auf Watches & Wonders haben die Veranstalter den guten alten Salon International de la Haute Horlogerie (SIHH) umgetauft. Möglicherweise haben sie damit gleich Nägel mit Köpfen machen wollen: neuer Termin (25. Bis 29. April 2020), neues Konzept, neuer Name. Nachvollziehbar.

Ob sie dem Genfer Salon damit einen Gefallen getan haben, ist fraglich. Richtig, Watches & Wonders ist weit entfernt davon, zweideutig zu sein. Denn leider ist der Name genau das Gegenteil: er ist beliebig.

Cars & Wonders, Jewels & Wonders, Wine & Wonders, Whatever & Wonders … das Namens-Konzept passt irgendwie zu allem.

Okay, er ist für viele Menschen sicher leichter auszusprechen als Salon International de la Haute Horlogerie. Und die Alliteration von Watches und Wonders ist ein anerkanntes, sprachliches Stilmittel. So gut so langweilig.

Das ist das Festhalten an Althergebrachtem auch, meinen Sie? Jein. Man erinnere sich an den Vorschlag von Til Schweiger, den Vorspann des Tatorts zu modernisieren. Dieser läutet seit über 40 Jahren unverändert den Krimi-Sonntag der Deutschen ein. Ein Aufschrei ging damals durch die ganze Fernseh-Nation – und alles blieb beim Alten, mit anhaltendem Erfolg.

Denn der Vorspann ist und bleibt einfach gut. Er vermittelt bis heute unzweifelhaft das, was den Zuschauer im besten Fall in den folgenden 90 Minuten auf dem Bildschirm erwartet: Spannung.

Und der SIHH? Der Name passt hervorragen zum Genfer Uhrensalon und zur Uhrmacherkunst der Gegenwart. Auch er beschreibt treffsicher den Sachverhalt. Sind wir doch mal ehrlich. Als besonders hipp ist die Uhrenindustrie nun wirklich nicht verschrien – und genau das ist eines ihrer Erfolgsgeheimisse.

Tradition, Handwerkskunst, der etwas aus der Zeit gefallene Uhrmachermeister an seinem Werktisch, mechanische Kleinode – genau diese Vorstellungen und Bilder sind es doch, die den Charme dieser Branche ausmachen. Bei Jung und Alt.

Und auch die Quarz-Armbanduhr ist kein jünger Hüpfer mehr, sondern gerade 50 geworden. Selbst Smartwatches versuchen von diesem Image zu profitieren, indem sie das Äußere „echter Uhren“ nachahmen. Das Innenleben der Uhren von heute – egal, mit welcher Technik ausgestattet – ist dennoch auf dem neuesten Stand. Aber die “gute alte Zeit” schwingt immer mit.

Und so tun die Macher der Watches & Wonders zweifelsohne gut daran, das Konzept der Veranstaltung einem Update zu unterziehen. Aber warum geben ausgerechnet die Schweizer, die weltberühmt für ihre Uhrenkunst- und tradition sind und mit dieser Provenienz in aller Welt beste Geschäfte machen, ihrem Uhren-Event einen englischen Namen?

Ich denke, der Name Salon International de la Haute Horlogerie traf genau den richtigen Ton. Denn er bringt den gebotenen Respekt gegenüber der Uhrmacherei perfekt auf den Punkt.

 

Antje Heepmann

The author Antje Heepmann

Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

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