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Heepmanns Kolumne: Macht hoch die Tür, die Tor macht weit …

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Antje Heepmann, Redaktion WatchPro Deutschland

Auf diese Aufforderung wird der Handel – wie erwartet – noch eine Weile warten müssen. Die gestrige Bund-Länder-Konferenz erachtete das aktuelle Infektionsgeschehen als nicht für sofortige, weitreichende Öffnungen geeignet.

Stattdessen sind weiterhin Disziplin und Geduld gefragt. Dinge, die viele Menschen nach einem Jahr Corona nicht mehr aufbringen können oder wollen. Die Nerven liegen blank und das Zeitfenster, in dem man finanziell und/oder psychisch noch durchhalten kann, schließt sich für viele zunehmend.

Der stationäre Einzelhandel gehört dabei zu den besonders betroffenen Branchen.

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Aktuelle Regelung

Foto: Bundesregierung

Ab Stufe drei also geht es um den gesamten Einzelhandel. Sie greift in den Ländern beziehungsweise Regionen in Abhängigkeit vom jeweiligen Infektionsgeschenen, gilt also nicht bundesweit einheitlich. Bei einer stabilen 7-Tage-Inzidenz unter 50 (die 35 ist vom Tisch) sind ab dem 8. März entsprechende Öffnungen möglich.

Liegt die Inzidenz hingegen an drei aufeinander folgenden Tagen zwischen 50 und 100 werden die Öffnungs-Auflagen wieder erhöht, und im Einzelhandel ist dann beispielsweise nur Termin-Shopping möglich. Ab einer Inzidenz über 100 greift die sogenannte Notbremse, sprich es folgt der erneute Lockdown.

Bundesweit lag 7-Tage-Inzidenzwert laut RKI heute Morgen bei 64,7. Allerdings kommt es regional zu erheblichen Schwankungen.

Diese Regelung gilt zunächst einmal bis zum 22. März, also bis zu nächsten Bund-Länder-Konferenz. Weitere Öffnungsschritte sind aber bereits über diesen Termin hinaus formuliert.

Ich traue mir ehrlich gesagt kein wirkliches Urteil zu, ich bin weder Virologin, Epidemiologin, Intensivmedizinerin, Politikerin noch studierte Wirtschaftswissenschaftlerin – und selbst diese liegen bei Ihren Meinungsäußerungen oft meilenweit auseinander. Und ich bin froh, die Last der gestrigen Entscheidungen und deren Folgen nicht auf meinen Schultern tragen zu müssen.

Die möglichen Folgen sind denkbar vielfältig – gesundheitlich wie wirtschaftlich.

Der HDE ist enttäuscht und äußert sein Unverständnis. Eine Inzidenz unter 50 sei nicht in Sicht und Click & Meet werde den Handel nicht retten, da die möglichen Umsätze dabei in keinem Verhältnis zu den Personal- und Betriebskosten stehen.

„Die Ergebnisse des Corona-Gipfels sind für den Einzelhandel eine Katastrophe. Faktisch wird der Lockdown damit trotz aller theoretischen Perspektiven für die große Mehrheit der Nicht-Lebensmittelhändler bis Ende März verlängert“, so HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. „Die Politik orientiert sich weiter stur ausschließlich an Inzidenzwerten. Dieses Vorgehen erscheint zunehmend fragwürdig. Es gibt keine vernünftigen Argumente, den Einzelhandel jenseits aller wissenschaftlichen Erkenntnisse einfach weiterhin geschlossen zu halten. Hier wird ohne nachvollziehbare Gründe die Kernbranche der Innenstädte geopfert“, so Genth, der sich für eine zeitnahe und komplette Öffnung aller Geschäfte unter Einhaltung von Hygiene- und Abstandsregeln einsetzt.

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit?

Entwickeln sich die Zahlen so weiter wie in der letzten Zeit, liegt das Erreichen einer stabilen Inzidenz unter 50 in weiter Ferne, und dem stationären Handel (mit Ausnahme von Baumärkten, Blumengeschäften und Buchhandlungen) beibt bei einem Inzidenzwert zwischen 50 und 100 nur das Ausweichen auf den Onlinehandel und das Click & Meet. Möglicherweise gibt es aber ab dem 5. April auch in diesem Inzidenzbereich weitere Lockerungen und es darf 1 Kunde pro 10 beziehungsweise 20 Quadratmeter ins Geschäft gelassen werden, auch ohne Termin (siehe Abb. oben).

Auf lange Sicht ist Termin-Shopping und Online für den stationären Handel aber tatsächlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein, bezogen auf den notwendigen Umsatz, der zum Überleben erforderlich sein wird.

Also doch: Macht hoch die Tür, die Tor macht weit?

Ich denke, so einfach ist es leider nicht. Ohne wirklich verbindliche, sinnvolle flankierende Maßnahmen wird es nicht gehen und führt uns schnurstracks in den nächsten Lockdown, in die Überlastung des Gesundheitssystem, in die endgültige Verunsicherung der Bevölkerung. Und das hätte katastrophale Auswirkungen für viele Wirtschaftszweige zur Folge.

Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß

Mir kommt es bei vielen Diskussionen so vor, als ob es nur Schwarz oder Weiß geben würde. Wenn du nicht für die sofortige, komplette Öffnung bist, bist du für den Tod des Handels. Und wenn du die sofortige Öffnung forderst, dann nimmst du viele weitere Corona-Opfer billigend in Kauf. Das erstickt viel Kreativität und mögliche Lösungsansätze im Keim.

Und eben diese sind gerade so wichtig, im wahrsten Sinne des Wortes überlebenswichtig. Denn im Grunde wollen doch alle das eine: möglichst schnell und mit wenigen Opfern (gesundheitlich wie wirtschaftlich) durch die Krise kommen.

Dass der Schutz von beidem zumindest denkbar ist, macht die Aussage von Intensivmediziner und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin Christian Karagiannidis deutlich, der zur Vorsicht bei der Lockerung der Corona-Bestimmungen warnt. Ihn treibt die große Sorge um, „dass uns diese britische Mutante um die Ohren fliegt”.

Aber er plädiert nicht gleichzeitig für einen Dauerlockdown. „Wir können sicherlich zu einem gewissen Grad selbst sowas wie Läden eröffnen, aber was wir brauchen, ist eine extreme Disziplin.” Wichtig sei, dass Masken getragen würden, am besten medizinische Masken, und dies müsse von den Geschäften auch richtig kontrolliert werden.

Disziplin und Geduld, da sind sie wieder, darum werden wir nicht umhinkommen, wollen wir nicht dauerhaft in der Zone zwischen 50 und 100 oder gar darüber verharren.

Den Kopf in den Sand zu stecken und auf das Ende zu warten, gilt aber auch nicht.

Und auch wenn ich kein großer Fan von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet bin, möchte ich hier doch auf seine Forderung nach „digitalen Möglichkeiten“ verweisen, um weitere Lockerungen zu ermöglichen. Das könne eine App sein, mit der man zum Beispiel in Restaurants einchecken könne, sagt er vor kurzem in der ARD. „Und falls etwas passiert, ist die Infektionskette lückenlos nachzuverfolgen.“ Darüber habe man bislang viel zu wenig geredet, meint er.

Da hat er recht. Aber nicht nur die Politiker haben zu wenig über (digitale) Möglichkeiten zwischen striktem Lockdown und bedingungsloser Öffnungen geredet. Auch von den großen Handelsverbänden, Betreibern großer Shoppingcenter und so weiter habe ich wenig Kreatives gehört, dass über die Kritik an bestehenden Maßnahmen und über die an den eigenen Bedürfnissen orientierten Forderungen hinausgeht. (Die schnellere Auszahlung der Unterstützungsgelder nehme ich davon ausdrücklich aus, das muss besser und schneller klappen, und da sind allein politische Instanzen gefragt.)

Es ist war toll, dass zum Beispiel der HDE gemeinsam mit Google bereits im September 2020 die Initiative ZukunftHandel ins Leben gerufen haben, ein Digitalisierungs-Programm für den deutschen Einzelhandel. „Wir möchten die Digitalisierung des deutschen Einzelhandels überall unterstützen”, sagte damals Philipp Justus, Zentraleuropa-Chef Google. „Eine digitale Präsenz hilft allen Handelsbetrieben, das eigene Geschäft zu verbreitern und bei der nächsten Krise besser aufgestellt zu sein, dem kleinen Buchhändler und dem Späti um die Ecke ebenso wie größeren Drogeriemärkten oder Modegeschäften. ZukunftHandel trägt dem Rechnung, die Angebote sind einfach, passgenau und ohne größere Investitionen umsetzbar.”

Meines Erachtens ist das aber weniger ein konkretes, flexibles und schnelles Krisenmanagement, sondern Teil der – auch ohne Corona – erforderlichen digitalen Transformation des Einzelhandels, die auch nach der Krise unabdingbar sein wird.

Für den Einkauf im stationären Geschäft selbst bringt das aktuell aber kaum etwas, macht die mit einer Öffnung einhergehende zunehmende Mobilität und die steigenden Kontakte nicht sicherer, die Nachverfolgbarkeit von Infektionsketten nicht einfacher und bringt die ersehnte vollständige Öffnung nicht näher.

Dass der Aufenthalt in einem Ladengeschäft keine große Gefahr darstellt, steht dabei außer Frage. Die Hygienekonzepte liegen vor und sind gut. Will man Tor und Tür aber wieder weit öffnen, kann der Blick über die eigenen Türschwelle sicher nicht schaden.

Und es gibt sie ja, die kreativen Ansätze, die nicht nur gedacht, sondern auch engagiert auf den Weg gebracht werden. Aber sie kommen oftmals weder aus der Politik noch von den großen Handelsverbänden. Da muss erst Smudo von den Fantastischen Vier daherkommen und eine neue App vorstellen, die nun in aller Munde ist – vielleicht bald auch auf vielen Handys.

Mit Luca könnten Gastronomen, Einzelhändler oder Konzertveranstalter ihre Besucher mit einem QR-Code in Empfang nehmen, den diese einfach mit der App auf ihrem Handy scannen können (auch ohne Smartphone kann Luca genutzt werden). Damit sind die Besucher eingecheckt, und im Fall einer Infektion können ihre Daten direkt und verschlüsselt an die kooperierenden Gesundheitsämter übermittelt werden – nur diese können die Daten auslesen.

Das ist technisch sicher kein Hexenwerk, kann aber für die Normalisierung und Öfffnung des gesellschaftlichen Lebens äußerst hilfreich sein. Es muss aber auch flächendeckend umgesetzt werden. Und da ist nicht allein die Politik gefragt.

Warum kommen solche ganz pragmatischen, lösungsorientierten Ansätze nicht auch von den Interessenvertretungen der verschiedenen Branchen? Warum tun sich die Verbände von Handel, Gastronomie, Tourismus und Veranstaltung nicht zusammen und entwickeln eine gemeinsame digitale Lösung, die das Einkaufen, Kultur, Reisen und Ausgehen (noch) sicherer macht und zugleich Nachverfolgbarkeit bei Corona-Fällen vereinfacht und beschleunigt?

Wird so etwas noch von einer ausgefeilten Test-Strategie (und natürlich einer hoffentlich Fahrt aufnehmenden Impfkapagne) begleitet, wäre vielleicht vieles früher möglich als es jetzt erscheint. Hier ist tatsächlich die Politik gefragt, wie Ifo-Präsident und Befürworter der No-Covid-Strategie Clemens Fuest heute im ARD-Morgenmagazin sagte. Sein Urteil über die gestrige Bund-Länder-Konferenz fällt gemischt aus.

„Auf der einen Seite finde ich gut, dass endlich begonnen wird, mehr zu testen. Wir haben ja das Problem: wir wollen gerne öffnen, können es aber nicht, weil wir uns keine dritte Welle einfangen wollen. Das wäre sehr schlecht für die Wirtschaft. (…) Wenn wir öffnen wollen, müssen wir an die Tests denken. Was man verpasst hat, ist ganz klar zu sagen: Wir müssen die Öffnung an Tests binden. Wenn zum Beispiel bei einem Einkaufszentrum eine Teststraße vor der Tür stehen hat, dann kann man auch öffnen, dann kann man die Leute reinlassen und jeder muss eben einen Schnelltest machen.“

Die fehlende Kopplung der Öffnungen an Tests ist für ihn ein großer Fehler, „denn wenn wir jetzt einfach öffnen, dann ist völlig klar, dass wir in eine dritte Infektionswelle laufen. Im Moment sind die Infektionszahlen ungefähr konstant, das heißt wir halten das ganze so gerade, aber man kann die Uhr danach stellen: Wenn wir in der jetzigen Lage einfach öffnen, ohne zusäzliche Schutzvorkehrungen, dann gehen die Infektionen hoch. Das heißt, wir müssen die Teststrategie auf die Straße bringen.“

Fazit: Wir werden noch eine ganze Weile mit Corona leben müssen, und wir werden uns weiterhin in Disziplin, Geduld und Vorsicht üben müssen. Parallel dazu muss aber Bewegung in die ganze Sache kommen, es müssen neue Konzepte und Lösungen erdacht und gemeinsam umgesetzt werden, die auch mit Corona funktionieren. Und zwar ganz schnell! Damit die Normailtät zurückkehrt – trotz und mit Corona. Und vor allem ohne gegenseitige Schuldzuweisungen.

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