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Heepmanns Kolumne: Krisen sind selten fair

Antje

Nun ist es also so weit, die von vielen ersehnten Lockerungen sind da, Geschäfte bis 800 Quadratmeter dürfen ab heute wieder öffnen – oder so ähnlich.

Denn was bei der Bekanntgabe der neuen Verordnungen beziehungsweise Lockerungen dieser durch die Kanzlerin und die Bundesminister letzten Mittwoch noch so einig und einfach klang, hat sich rasch als Wundertüre herausgestellt, die jedes Bundesland anders zu füllen scheint. Doch dazu später.

Es dauerte keinen 24 Stunden, bis die Kritik an der 800 Quadratmeter-Regel sich Bahn brach. Zu den ersten gehörte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth:

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„Die Regelungen zur Wiedereröffnung der Nicht-Lebensmittelhändler müssen diskriminierungsfrei sein. Lockerungen der Ladenschließung dürfen sich nicht an Betriebsgrößen oder Verkaufsflächen festmachen. Die jetzt beschlossenen Vorgaben führen zu Wettbewerbsverzerrungen und Rechtsunsicherheiten.“

Es gebe aus Sicht des Handels kein Sachargument für eine stufenweise Öffnung der Läden, Abstands- und Hygieneregeln könnten sowohl in kleinen als auch in großen Geschäften eingehalten werden.

Im Prinzip hat er natürlich Recht. Doch es sind besondere Zeiten und besondere Umstände.

Ob die Einhaltung der notwendigen Hygiene- und Abstands-Regeln in einem mehrstöckigen Warenhaus, dessen einzelnen Etagen mit ihren verschiedenen Abteilungen nicht mit einem Blick überschaubar sind, wirklich so einfach umgesetzt, sprich überwacht werden kann, ist fraglich. Mit viel Personalaufwand ist dies sicher vorstellbar.

Also machen wir einfach alle Geschäfte wieder auf?

Soll man alle Vorsichtsmaßnahmen der vergangenen Wochen – die doch offenbar positiv auf die Corona-Kurve eingewirkt und diese abgeflacht haben – über Bord werden, obendrein auch noch die Gastronomie wieder öffnen, da der Kaffee, das Glas Wein oder der knackige Salat bei der Shoppingtour nicht fehlen dürfen, um das Erlebnis Einkauf rund zu machen?

Wohl kaum. Denn dann droht genau das, was die Politiker auch als Grund für eine vorerst beschränkte Öffnung der Geschäfte angeführt haben.

Eine Schritt-für-Schritt-Öffnung ist unvermeidbar.

Es muss eine Schritt-für-Schritt-Öffnung der Geschäfte im Dienste der Gesundheit und des Erhalts des Erreichten im Kampf gegen Covid-19 geben, so viel steht meines Erachtes fest. Alles andere wäre in meinen Augen fatal. Denn das Corona-Virus breitet sich nach wie vor auch in Deutschland weiter aus …

Krisen sind selten gerecht

Und ja, wirtschaftlich gesehen ist die 800-Qudratmeter-Regel unfair. Aber Krisen sind selten gerecht, Corona ist es schon gleich gar nicht. Und es gibt keine Blaupause für das, was wir aktuell erleben, keinen Fahrplan für den richtigen Weg und weder Medikamente noch einen Impfstoff. Allein mit unserem Verhalten können wir das Corona-Drama eindämmen.

Und wer behauptet, zu wissen, wie der unfehlbare Weg des Wiederhochfahrens der Wirtschaft aussieht, macht sich zum Hellseher – und dies sind bekanntermaßen meist Scharlatane.

Oder wie Jans Spahn seinen Kritikern entgegnete: Er sei „ja ganz neidisch“ auf alle, „die heute schon immer alles gewusst haben“.

Wie gesagt, die 800-Quadratmeter-Regel ist wirtschaftlich gesehen unfair – aber aus epidemiologischer Sicht sinnvoll und zudem relativ einfach zu handhaben.

„Große Geschäfte – egal, ob für Klamotten oder Fernseher und Handys – sind für den Einzelhandel der Städte die Publikumsmagneten. Aus dem ganzen Umland fahren die Leute zum Shoppen dorthin, und danach auch wieder zurück. Ideale Hotspots, wo sich das Virus im ganzen Land ausbreiten kann. Wenn große Läden erstmal zu bleiben, kaufen viele Menschen auf dem Land eher vor Ort ein. Der Bewegungsradius der Menschen bleibt kleiner. Und ganz nebenbei könnten Ladenbesitzerinnen und Ladenbesitzer in kleineren Städten einen Schub bekommen, den sie in der Krise dringend brauchen“, kommentiert Michael Herr, SWR Aktuelle Wirtschaft.

Dass es ein Geschmäckle hat, dass ausgerechnet Autohäuser zu denjenigen gehören, bei denen eine Ausnahme bezüglich der 800 Quadratmeter gemacht wird, ist klar. Darüber muss man nicht reden, die Lobbyisten machen halt auch in der Krise keine Kurzarbeit.

Nun haben wir sie also, die 800-Quadratmeter-Regel – und irgendwie auch nicht. Denn kaum war sie ausgesprochen, hagelte es nicht nur Kritik, sondern es wurde seitens der Bundesländer munter daran geschraubt und angepasst – die viel beschworenen Einigkeit war in Nullkomanix dahin. Und das ist meines Erachtens das eigentliche Problem.

Oder wie Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier formuliert: „Wir dürfen nicht durcheinanderlaufen wie ein Hühnerhaufen und uns gegenseitig abwechselnd mit Verschärfungen und Lockerungen überbieten.“

BVJ: Die 800-Quadratmeter-Regel ist diskriminierend

Joachim Dünkelmann, Geschäftsführer des Bundesverbands der Juweliere, Schmuck- und Uhrenfachgeschäfte e.V. (BVJ) kritisert die 800-Quadratmeter-Regel scharf.

„Ob diese den erwünschten Effekt bringt, ist mehr als fraglich. Denn auf einer großes Fläche kann man den Publikumsverkehr viel besser steuern, die Kunden besser verteilen und die Infektionsschutzvorkehrungen besser erfüllen als man es in einem kleinen Geschäft tun könnte. Stellen wir uns mal vor, alle wollen jetzt Schuhe kaufen und tun dies nur in den kleineren Betrieben. Was ist denn dort dann wohl los?“

Wirklich sauer macht ihn aber vor allem die unheitliche Auslegung der Bundesländer, wie er im Gespräch mit WatchPro am vergangenen Freitag deutlich machte:

„Natürlich finde ich es positiv, dass viele Läden wieder öffnen dürfen. Aber die Bedingungen sind weder diskrimierungsfrei, noch gerecht. Es gibt einen bundesweiten Flickenteppich an Regelungen. Und die Grenze von 800 Quadratmetern wurde rein willkürlich festgelegt. Und warum die KFZ-Händler aufmachen dürfen, ist wohl jedem klar.

Hinzu kommen die verschiedenen Start-Termine. Für die meisten gelten die neuen Regeln ab dem 20. April, in Bayern aber zum Beispiel erst ab dem 27. April, aus Baden-Württemberg habe ich bis jetzt noch nichts Definitves gehört.

Einige Länder erlauben außerdem die künstliche Verkleinerung der Verkaufsflächen durch Absperrungen, andere verbieten dies kategorisch. Man darf dabei nicht vergessen, es gibt auch Juweliere und natürlich Warenhäuser, die deutlich mehr als 800 Quadratmeter Verkaufsfläche haben. Die sind nun erst einmal in den meisten Bundesländern von der Öffnung ausgeschlossen. Dann gibt es in einzelnen Ländern wiederum Sonderregeln für Baby-Fachmärkte, Möbelhäuser und so weiter. Oben drauf kommen die uneinheitlichen Vorschriften bezüglich der Kontaktbeschränkungen und Ausganssperren.

Alles in allem führt das zu einer Diskriminierung im Handel und zu Verwirrung bei den Konsumenten. Und vermutlich wird es zu einem unkontrollierbaren Shoppingtourismus über die Grenzen der Bundesländer hinweg kommen. Ich denke da unter anderem an Niedersachsen und NRW sowie an Ulm in Baden-Württemberg und Neu-Ulm in Bayern.

Zu der Unfähigkeit der Länderchefs, sich auf ein einheitliches Vorgehen zu einigen, gesellen sich noch die Profilneurosen einzelner Politiker. Und das führt zu etwas, das wir überhaupt nicht gebrauchen können. Nämlich zu Verunsicherung, Ungleichbehandlung und einer himmelschreienden Ungerechtigkeit.

Das heißt, dass wir für jedes Bundesland derzeit unterschiedlich beraten. Heute ist Freitag und es liegen bis jetzt noch nicht alle Erlasse der Bundesländer vor, wie es am Montag weitergehen soll. Es wäre für alle ein großer Vorteil gewesen, wenn man sich auf ein bundesweit einheitliches Vorgehen geeinigt hätte. Im Moment herrscht stattdessen ein reines Informationschaos.“

Tags : BVJCoronaDünkelmannEinzelhandelHandelHeepmannJuweliereKolumneLockdownShutdown
Antje Heepmann

The author Antje Heepmann

Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

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