Home Blickpunkt

Heepmanns Kolumne: Handel ist Wandel – Corona sorgt für die Renaissance einer altbekannten Weisheit

0
Antje Heepmann, Redaktion WatchPro Deutschland

Die Verlängerung des Lockdowns verschärft ohne Frage die prekäre Situation des Einzelhandels. Genauso steht aber auch außer Zweifel, dass die Regierenden von Bund und Ländern keine andere Möglichkeit hatten, als weitere Maßnahmen für eine Kontaktreduzierung zu beschließen.

Der Blick auf die Intensivstationen und die Hilferufe von Intensivmedizinern und Pflegepersonal reichen aus, um dafür Verständnis aufzubringen. Auch wenn im Detail sicher noch nachjustiert werden muss und wird.

Großes Verständnis habe ich auch für die Verzweiflung derjenigen, deren Angst um die eigene wirtschaftliche Existenz durch die Lockdown-Verlängerung noch einmal gesteigert wurde.

Advertisement

Was soll ich tun?

Diese Frage stellen sich derzeit viele stationäre Einzelhändler. Wie kann ich mein Geschäft, meinen Lebensunterhalt und den meiner Angestellten bis zum Ende der Pandemie retten? Verbunden ist diese Frage mit der Hoffnung, dass nach Corona ein großer Nachholbedarf in Sachen Konsum und persönlicher Kontakte befriedigt werden will, sodass im besten Fall ein Run auf die physischen Geschäfte stattfinden wird.

Bis dahin ist es noch ein langer und beschwerlicher Weg. Und schon formieren sich diejenigen, die ausscheren wollen und diesen Weg nicht gemeinsam gehen wollen.

Oder wie es Martin Greive (Korrespondent Handelsblatt Berlin) überspitzt formuliert:

„Die jüngste Verlängerung des Lockdowns und die absehbaren Verschärfungen werden die Emotionalität in der Debatte noch einmal anheizen. Es schwappt eine völlig unverhältnismäßige Empörungswelle durchs Land, die in ihren Mechanismen schon Züge des Trumpismus trägt. Eine aufgeregte Öffentlichkeit bläst nach allen Künsten der Aufmerksamkeitsökonomie Vorgänge zu Skandalen hoch, die keine sind.“

Und diese Empörungswelle hat auch den Einzelhandel erreicht, wenn auch die Welle glücklicherweise nur ein kleines Schwappen zu sein scheint.

Die Rede ist von der Telegram-Gruppe „Wir machen auf – Kein Lockdown mehr“, in der sich Gewerbtreibende zusammengefunden haben, um ihrem Unmut über die Corona-Maßnahmen Luft zu machen. Außerdem kündigen sie an, ihre Läden ab dem 11. Januar wieder aufzumachen.

Der Gruppe auf dem bei Verschwörungstheoretikern beliebten Nachrichtendienst Telegram sind nach Angaben von ntv.de bereits mehr als 50.000 Menschen beigetreten.

Es gibt auch eine Website, auf der sich Geschäfte in Foren austauschen und in eine Liste eintragen können, in der zu sehen ist, wer widerrechtlich wieder öffnen will.

Die Liste ist mehr als überschaubar – die Anzahl der Einträge beträgt genau Null! Und das ist auch gut so!

Dass die Aktion zum Scheitern verurteilt ist, hat verschiedene Gründe. Zum einen ist vielen Telegram dann doch nicht geheuer. Das gilt zum Beispiel für den bayerischen Sportartikelhändler Udo Siebzehnrübl, der öffentlichkeitswirksam angekündigt hatte, am kommenden Montag zumindest zwei seiner fünf Intersport-Läden wieder zu öffnen.

„Ich bin kein Corona-Leugner und kein Querdenker“, sagte er im Gespräch mit ntv. Aber sein Familienunternehmen mit 100 Mitarbeitern würde Millionenverluste machen, dass Lager sei voller Winterware und als staatliche Hilfe habe er seit März gerade einmal 15.000 € erhalten.

Die Sorge und Verzweiflung sind absolut verständlich und nachvollziehbar.

Dass die Öffnung seiner Geschäfte in dieser Form aber nicht die Lösung sein kann, sah er kurze Zeit später ein und machte einen Rückzieher, da die rechte Szene die Aktion für ihre Zwecke ausgenutzt hätte, wie er dem Bayerischen Rundfunk sagte. „In dieses Fahrwasser soll Intersport nicht gezogen werden, da ist eine Grenze für mich erreicht.“

Aber auch sonst würde – mal ganz abgesehen von drohenden Bußgeldern – eine Öffnung der Geschäfte ab dem 11. Januar wenig zielführend sein.

Zum einen steht Umfragen zufolge eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung hinter den Maßnahmen von Bund und Ländern.

Bei einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag des Spiegel Anfang Januar gaben insgesamt 70 Prozent der Befragten an, eine Verlängerung des Lockdowns „auf jeden Fall“ (51,8%) oder „eher ja“ (18,2 %) zu befürworten.

Deren Bereitschaft zum ausgiebigen Einkaufsbummel durch die Fußgängerzonen ist so oder so mehr als gering.

Wenn am kommenden Montag der ein oder andere stationäre Händler seine Ladentüren öffnet, wird diese Bereitschaft meiner Meinung nach sogar noch weiter verringert.

Eine mengenmäßig unbedeutende Gruppe würde lediglich für viel Wirbel sorgen, der die Unsicherheit und Spaltung der Gesellschaft vorantreiben und somit die Lust zum unbeschwerten Shoppen endgültig kaputt machen würde. „Bei diesem Chaos warte ich doch lieber, bis in ein paar Wochen oder Monaten alles vorbei ist“, werden sich dann viele denken – oder gleich bei Amazon & Co. bestellen.

Und mal ganz ehrlich: „Wir machen wieder auf“ kann überhaupt nicht funktionieren, dafür werden die Ordnungshüter sorgen. Und die unweigerliche Schließung durch Polizei oder Ordnungsamt wird das Image des betreffenden Geschäftes – und vielleicht des ganzen Einzelhandels – sicher nicht verbessern.

Was also tun?

An einem Strang ziehen, konstruktive und sichere Wege finden und gemeinsam gehen. Dazu gehören Windowshopping, Click & Collect und Omnichannel genauso wie die Inanspruchnahme staatlicher Unterstützung. Zugegeben, das Erste mussten viele Juweliere in den zurückliegenden Monaten erst erlernen und ersetzt nicht den Umsatzausfall, und das Zweite weist noch so manchen Bremsklotz auf.

Daher ist es richtig, dass der Handelsverband Deutschland HDE eine Anpassung der staatlichen Hilfen in Höhe und Abwicklung und das Aufzeigen von Perspektiven fordert. Für diesen Weg sollte sich der Handel stark machen und seine Stimme gemeinsam erheben.

Einfach Aufzumachen ist schlichter Aktionismus uns nützt niemandem. Stattdessen wachsen Unsicherheit und Unzufriedenheit und es nimmt die Spaltung der Gesellschaft zu. Und nicht ganz unwahscheinlich ist, dass sich auch die Infektionszahlen dadurch erhöhen würden.

Alles in allem ist das keine Atmosphäre, die zum Shoppen einlädt.

Einkaufen und Verkaufen soll Freude machen und nicht politischer Kampf sein. Auch wenn sich das Kaufen und Verkaufen in Zeiten der Pandemie oftmals anders darstellt als gewohnt. Und vermutlich werden diese neuen Konsumverhaltensweisen nicht temporär sein. Daher gilt es, nicht nur durchzuhalten, sondern sich für die Zukunft neu zu formieren.

Denn wie heißt es schon seit jeher so schön: Handel ist Wandel!

Noch nie hatte dieser häufig bemühte Auspruch so viel Gültigkeit wie heute. Ob dieser Wandel gelingt, liegt auch in der Verantwortung jedes einzelnen – am besten Seite an Seite mit allen Beteiligten.

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here