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Heepmanns Kolumne: Es gibt sie noch – die Uhrenreparateure der alten Schule

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Wenn man auf der Suche nach einem guten Uhrmacher ist, der mit Werken und Feinheiten der Luxusmarken auf Du und Du steht, muss man nicht unbedingt auf den prachtvollen Shoppingmeilen auf die Suche gehen.

Auch oder vielleicht gerade abseits von Glanz und Glamour findet man die Uhrenkünstler, die ihrer Profession schlicht und ergreifend verfallen sind und die sich lediglich von authentischer Uhrenkunst beeindrucken lassen.

Ein solches Exemplar ist Uhrmachermeister Georg Kramer in Winterhude, seines Zeichens Rolex-Experte. Seit Jahrzehnten widmet er sich der Reparatur und Restauration von Luxusuhren. Mit einem Hobby oder Liebhaberei hat das jedoch nichts zu tun, sondern mit „ernsthafter Arbeit. Ansonsten könnte ich meine Zeit besser mit Spazierengehen verbringen“, berichtet der 85-Jährige, der noch fast jeden Tag in der Werkstatt tätig ist, oft bis spät in die Nacht.

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Antje Heepmann, Redaktion WatchPro Deutschland

Mit seinem Uhrmacher Sezgin Yavuz steht schon der nächste, völlig uneitle Experte für Luxusuhren, Vintage-Modelle und komplizierte Uhrwerke parat. Und als solcher hat er sich Gedanken über den aktuellen Hype um Pre-owned-Uhren gemacht, die er im Gespräch mit mir bei Käsekuchen und Milchkaffee geteilt hat.

„Ja, es gibt eine Art Goldgräberstimmung rund um getragene Uhren. Aber meines Erachtens tut diese dem Ansehen des Uhrmacherhandwerks nicht gut“, sagt Yavuz.

Das überrascht mich zunächst, denn schließlich sind sich doch eigentlich alle einig, dass das neu erwachte Interessen an Vintage-Uhren – trotz einiger Auswüchse – gut für die Begehrlichkeit von Uhren im Allgemeinen ist.

Aber das ist es auch gar nicht, was er meint. Ihm geht es um etwas ganz anderes, und zwar um „Verbrauchertäuschung durch erfundene Zertifizierungen.“ Das ist harter Tobak und ich frage nach, wie er das meint. Seine Antwort ist eindeutig:

„Wenn jemand seine Uhr bei einem Uhrmachermeister überholen und reparieren lässt und dann eine Garantie darauf bekommt, ist doch ein weiteres Zertifikat von einer Marke oder ähnliches überhaupt nicht erforderlich. Die Reparatur und Wartung durch einen Uhrmacher ist das Zertifikat. Eine Exzellente Revision beziehungsweise Reparatur ist der beste Nachweis für die Echtheit und Funktionstüchtigkeit einer Vintage-Uhr. Und das ist nichts Neues, das machen Meister Kramer und andere Uhrmacherwerkstätten schon seit Jahrzehnten so.“

Ich muss zugeben, da ist etwas dran. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Zertifikate wie etwa von Omega mehrere Hundert € kosten können. Wofür eigentlich? Ich denke, es gibt durchaus einen Bereich, in dem derartige Zertifikate Sinn ergeben. Viele der Vintage-Uhren werden auf großen Plattformen online gehandelt und man sieht die Ware erst, wenn sie zu Hause ankommt. Das Zertifikat allerdings auch … Bedenkt man aber die Menge der gehandelte Uhren – und es werden mehr – wären Uhrmacher vom Schlage eines Kramer oder Yavuz auch schnell an ihrer Kapazitätsgrenze.

Sezgin Yavuz meint übrigens, dass diese Großen sich übernehmen werden – seien es nun Plattformen wie Chrono24 und Chronext oder große Juweliersketten wie Bucherer. Dazu später mehr.

Das katastrophale an diesen Zertifikaten sei es, so Yavuz, dass sie implizieren, dass nur diese die Echtheit und Funktionstüchtigkeit einer gebrauchten Uhr belegen könnten. Und das stimmt natürlich nicht, da hat er zweifelsohne Recht.

Und warum werden sich aus seiner Sicht die großen Marken und Händler in Sachen Vintage-Uhren übernehmen? Weil sie einfach den Aufwand – Zeit und Kosten – unterschätzen, meint Yavuz. „Ankauf, Revisision, Reparatur und Verkauf – das alles bedarf Zeit und Einfühlungsvermögen. Am Ende kostet dies auch Geld und die Großen werden langfristig dazu nicht bereit sein. Am Ende würde sich das Geschäft für solche Unternehmen nicht wie erhofft lohnen.“

Wenn sie tatsächlich so arbeiten würden wie Meister Kramer und Sezgin Yavuz, ist dies sicher richtig.

„Kennen Sie den Ausdruck ‚der Uhrmacher unter dem Werktisch‘?, fragt er mich und liefert sogleich die Erklärung. „Uhrmacher wie wir suchen auch schon mal einige Stunden nach einer heruntergefallenen Schraube, damit die Uhr so original wie möglich bleibt. Und müssen Teile ersetzt werden, dann haben wird diese in unserem umfangreichen Lager oder bauen sie genau nach. Man kann nicht so selbstverständlich wie sonst in die Schublade greifen und die gesprungene Feder, Kleinstteile oder Schraube sofort ersetzen wie es für gegenwärtige Werke gehandhabt wird.”

Ich denke nach dem Gespräch, dass solche Uhrmacher die Freude und die Faszination an einer Uhr durch ihr Herzblut gepaart mit Können und Know-how um ein Vielfaches steigern. Und es wird sicher immer die Kunden geben, die genau das suchen und auf dieses Gesamt-Erlebnis Uhr nicht verzichten möchten. Aber natürlich gibt es auch die anderen, die ein bestimmtes Modell zum bestmöglichen Preis suchen – wo, ist ihnen egal. Und auch das ist legitim.

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Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

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