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Heepmanns Kolumne: Die Schweizer Uhrenhersteller benötigen einen Plan C, D und E

Antje

Eigentlich haben die Absagen der großen Messen und Events, aber auch der kleineren Mono-Marken-Veranstaltungen, infolge der Corona-Ausbreitung in Europa das Drama nur verdeutlicht – die Schweizer Uhrenindustrie steht an einem Wendepunkt.

Einfach so weitermachen wie bisher, das wird nicht gehen, auch nicht nach dem Abklingen der Corona-Epidemie.

Dabei ist COVID-19 nur der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte beziehungsweise den fokussierten Blick auf das Geschehen in der Schweizer Uhrenbranche lenkt. Denn das ganze Drama begann weitaus früher, und zwar mit der großen Abhängigkeit vieler Marken und Konzerne von Asien, allen voran von China und Hongkong.

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Dabei hätten man gewarnt sein können. Es ist nicht das erste Mal, dass sich Entwicklungen auf dem asiatischen Markt massiv auf die Schweizer Uhrenindustrie auswirken. Und das ist noch gar nicht so lange her. 2012 hatte der chinesische Generalsekretär Xi Jinping eine Anti-Korruptionskampagne ins Leben gerufen.

Zuvor hatte es einen wahren Boom beim Export von Schweizer Luxusuhren nach China gegeben. So betrug im Jahr 2000 der Exportwert der Schweizer Uhren nach China 16,8 Millionen CHF. 2012 lag der Wert hundertmal höher, nämlich bei 1,6 Milliarden CHF. Während dieser Jahre seien die Käufe der asiatischen Länder für 70 Prozent des Wachstums der Schweizer Uhrenindustrie verantwortlich gewesen, schrieb 2013 die Großbank Credit Suisse in ihrem Bericht über die Branche.

Ließen infolge der Anti-Korruptionsgesetze zunächst nur die Wachstumsraten nach, gab es bei den Exporten schließlich negative Vorzeichen.

Damals nannte der Verband der Schweizer Uhrenindustrie drei Gründe für den Einbruch: die Tourismusflaute in Europa, der starke Franken und die Erhöhung einer Luxussteuer in China zur Bekämpfung der Korrupotion. Und Luxusuhren waren stets ein bewährtes „Geschenk”. „Wir unterstützen diesen Kampf”, sagte damals der Präsident des Verbandes, Jean-Daniel Pasche. Zugleich betonte er: „Wir sind aber Nebenopfer.”

Allein 2016 waren die Exporte nach Hongkong um 25 Prozent eingebrochen. 2017 und 2018 erholte sich das Geschäft mit Fernost wieder und Hongkong blieb mit beispielsweise einem Anteil von 53 Prozent der Haupt-Abnehmermarkt der Schweizer Uhrenindustrie.

2019 kam dann das Jahr der beginnenden Demokratiebewegung in Hongkong mit entsprechenden Unruhen infolge des harten Vorgehens der Regierung gegen die Demonstranten. Der darauf folgende massive Rückgang der Shopping-Touristen führte zu Schließungen von Marken-Boutiquen in die Sonderwirtschaftszone und zu deutlichen Rückgängen bei den Exporten der Schweizer Uhrenindustrie nach Hongkong um gut elf Prozent. 2019 konnte dies durch steigende Exporte nach China noch ausgeglichen werden.

Die Uhrenindustrie steht damit übrigens nicht alleine da. Der gesamte Luxuskonsum in Hongkong wurde durch die anhaltenden Proteste negativ beeinflusst und ging 2019 um 20 Prozent auf sechs Milliarden € zurück.

Und dann kam Corona und machte auch das Geschäft mit China zu einem Desaster. Denn die Rückgänge sind massiv. Die Credit Suisse schätzte in einer Mitteilung an die Anleger vom 24. Februar, dass zum Beispiel der Umsatz der Richemont Group in China im Februar und März um 80 Prozent sinken würde.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein sich aus China verbreitendes Virus massiv auf die Weltwirtschaft auswirkt. Bei SARS 2003 gab es einen kurzen Einbruch und eine rasche Erholung.

Bei Corona wird es diese schnelle Aufholjagd nicht geben, ist sich Prof. Dr. Rudolf Minsch, Chefökonom und Mitglied der Geschäftsleitung von économiesuisse, sicher.

„Offensichtlich fehlen die in den letzten Jahren stark angestiegenen Umsätze mit chinesichen Touristen. Nicht nur in der Schweiz, wo einzelne Touristenorte wie Luzern stark betroffen sind. So kaufen chinesische Touristen häufig Schweizer Uhren in Japan, in Hongkong oder eben in der Schweiz. Auch in diesem Bereich ist es wenig wahrscheinlich, dass die Einbußen nach der Krise überkompensiert werden und rasch wieder wettgemacht werden können.“

Schätzungsweise 150 Millionen chinesische Touristen reisen jedes Jahr international und sind für 40 Prozent der Luxusgüter verantwortlich, die währen einer Reise gekauft werden. Sie waren in den letzten Jahren auch ein Segen für den Verkauf von Schweizer Uhren in Paris, New York, London, Tokio und anderen Top-Reisezielen – einschließlich der Schweiz. So gingen bislang zum Beispiel 70 Prozent der Verkäufe von Uhren im Luzerner Einzelhandel auf das Konto chinesischer Touristen.

Die Schweizer Uhrenmarken arbeiten fieberhaft daran, wie sie ihre Verkäufe nach Hongkong und China, dem wichtigsten und drittwichtigsten Markt, und an chinesische Touristen wieder ankurbeln können und wie sie trotz aller Veranstaltungsverbote und Reisebschränkungen ihre Neuheiten der Welt präsentieren können.

Wirklich vorbereitet ist man auf die Situation aber scheinbar nicht.

„Es geht nicht darum, einen Plan B zu haben”, sagte Edouard Meylan, CEO von Moser & Cie, gegenüber der Onlineplattform Hodinkee. „Wir brauchen einen Plan C, D und E.”

Und es ist ernst: Niemand weiß, wie lange die Coronavirus-Krise andauern wird oder wie schlimm die Situation auf den Märkten werden wird. Viele Firmen haben ihre Budgets gekürzt, einige haben das Reisen eingeschränkt, andere Mitarbeiter entlassen.

Und es geht die Angst um, dass manche Firmen die Krise nicht überstehen werden. RJ Watches (ehemals Romain Jerome) musste bereits letzte Woche Insolvenz angemeldet.
„Es wird noch mehr geben”, sagte ein Schweizer Uhrenchef gegenüber Hodinkee. Die geschätzte Zahl von 30 macht dabei die Runde, so das Onlineportal.

Der Anteil der Exporte Die deutscher Uhrenhersteller liegt übrigens unter 20 Prozent, Hauptabnehmermarkt ist Europa.

Tags : chinaCoronaHongkongKolumneSchweizer UhrenexporteSchweizer Uhrenindustrie
Antje Heepmann

The author Antje Heepmann

Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

1 Comment

  1. Zählen Sie doch mal all jene Uhrenhersteller auf und zusammen, welche seit 2008/09 etwa die Hälfte des Umsatz/Ertrag verloren haben. Jetzt addieren Sie noch dijenigen, welche bereits auf Sparflamme oder gänzlich im “stand by”-Modus operieren (etwa ANO und VUL aus Le Locle / etc.). Und ab Herbst oder zum Jahresende 2020 kommen nun noch die COVID19-Opferbetriebe dazu, die nach der Kurzarbeitphase gar nicht mehr aufmachen … BASELWORLD – Untergang steht eigentlich wie ein Symbol für einen Grossteil der kleinen und mittleren Uhrenmarken, welche ganz egal ob Pläne bis runter zu XYZ vorhanden wären, in fahrlässigster Art und Weise nicht erkennen resp. wahrhaben wollen, dass sich der Verbrauchermarkt für Zeitmesser längst verändert hat. Die Auktionshäuser sagen was wertig ist und sich gut verkauft. Und die smart Dinger nehmen inzwischen einen “nie geglaubten Volumenplatz” ein in der Verkaufststatistiken. (Wer erinnert sich noch an die Hayek Jun. Absage an Apple zu einer Kooperation …)

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