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Heepmanns Kolumne: Die „MoonSwatch“ schockt die Branche!

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Als die Meldung über die Kooperation von Omega und Swatch letzte Woche in meinem Postfach landete, musste ich erst einmal grinsen. Das war doch mal was. Sollte da gar bei einer altehrwürdigen Schweizer Marke wie Omega so etwas wie Ironie aufkommen?

Großartig, habe ich mir gedacht. Die Zeiten sind schon ernst genug.

Aber natürlich die „MoonSwatch“ nicht nur diese Art der Reaktion in der Branche ausgelöst, sondern noch mindestens drei andere Reflexe: 1) Wie können die nur! 2) Schlangenbildung vor den Swatch Stores 3) Der Versuch, Geld aus der Sache zu schlagen

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Kommen wir zum ersten Reflex:

Wie kann man nur seine eigene Kultuhr als bunte, billige Plastikkopie (immerhin Bio-Kunststoff) auf den Markt werfen. Damit zerstört man das eigene Image, Rolex würde das nie tun und nimmt der Swatch-Group-Marke nun sichere weitere Marktanteile ab, weil man Omega ja nicht mehr ernst nehmen kann. So und so ähnlich lautete eine Teil der Reaktionen auf den Sozialen Medien.

Warum eigentlich? Verliert Omega dadurch an uhrmacherischer Kompetenz? Natürlich nicht. Möglicherweise befüchten einige, dass sich die Grenz zwischen Luxus, den sich nur wenige leisten können, und lebenslustigem Lifstyle für Jedermann aufweichen könnte. Nach dem Motto, „die Moonwatch ziert jetzt die Handgelenke von irgendwelchen Dahergelaufenen, die keine Ahnung von echter Uhrmacherkunst haben“. So scheint es aus der Schmollecke einiger Ultras unter den Omega-Fans zu kommen. In den Sozialen Medien war bei einigen gar von einem Schock die Rede.

Aber darüber sollte sich Omega keine Sorgen machen. Diese werden sich auch wieder beruhigen. Denn schließlich hat Omega nicht beschlossen, das Preissegment und die Uhrenkategorie zu wechseln. Im Grunde ist es ja „nur“ eine neue Swatch, und zwar eine äußerst gelungene. Aber auch damit erweitert man sicher den Kreis derjenigen, die nun vielleicht langfristig den Blick auch auf die ihnen bislang fremde hochwertige Schweizer Uhrmacherkunst werfen.

Und ich gebe Marcel Speiser Stv. Chefredaktor der Handelszeitung, absolut Recht, wenn er schreibt: „Beide Marken gewinnen. Hierarchiedünkel, Konservatismus und Luxus-Fetischismus gibt es in der Schweizer Uhrenindustrie mehr als genug, Boldness und Coolness viel zu wenig. Uhren sind ein Lifestyle-Produkt. Gut, wenn das noch mehr Marken merken.“

Reflex Nummer zwei:

Diesen kennt man eigentlich von der Markteinführung neuer I-Phones. Denn ob man die „MoonSwatch“ nun mag oder nicht, den Hut vor diesem Marketing-Coup muss man ziehen – für den noch nicht einmal ein gut bezahlter Markenbotschafter bemüht werden musste. Eigentlich haben die Uhrenmarken nur das gemacht, was sie immer machen. Uhren kreiert und auf den Markt gebracht.

Und sich damit ins Gespräch gebracht und eine Aufmerksamkeit erregt, die in unserer Branche ihresgleichen sucht.

Bei der weltweiten Uhren-Community, ob mit kleinem oder großem Portemonnaie, genauso wie bei den samstäglichen Innenstadtbummlern, die ungläubig auf die zum Teil mehrere hundert Meter langen Warteschlangen blickten, die sich nicht vor einem Apple-Store, sondern zum Verkaufsstart der „MoonSwatch“ vor den Swatch-Boutiquen dieser Welt aufgereiht hatten.

Die Gazetten und Sozialen Medien sind voll von diesem ungewöhnlichen Shopping-Ereignis, zu dem auch das Campen vor den Stores, das Schließen derselben wegen Überfüllung und Schlägereien gehörten. Der Ansturm war beziehungsweise ist ähnlich groß wie aktuell auf Sonnenblumenöl in den hiesigen Supermärkten, sodass sich die Marke gezwungen sah, ein Kauflimit von einer Uhr pro Person einzuführen – wenn überhaupt noch welche zu haben sind.

Reflex zum Dritten:

Was ist in bestimmten Uhren-Kreisen gerade gang und gäbe? Richtig: brandneue Modell zu kaufen, um sie schnellstmöglich mit Gewinn weiterzuverkaufen. Für einige ein einträgliches Investmentgeschäft, für andere ein ärgerliches Hindernis auf der Suche nach der Traumuhr beim Juwelier beziehungsweise zum fairen Preis. Ja, kennt man eigentlich von Rolex & Co.

Aber als ich heute morgen bei Chrono24 den Suchberiff „MoonSwatch“ eingeben habe, ploppten 14 Angebote auf. Und obwohl damit zu rechnen war, blickte ich dennoch etwas ungläubig auf die Preise, die dort aufgerufen werden und bei 1.356 € beginnen und bis zu verrückten 10.000 € raufgehen. Natürlich gilt es abzuwarten, ob diese Preise auch bezahlt werden. Denn schließlich ist die „MoonSwatch“ zwar im Moment mehr oder weniger ausverkauft, aber sie ist nicht limitiert. Und anders als eine Highend-Mechanikuhr lässt sie sich vergleichsweise schnell nachproduzieren. Ob dies dann auch geschieht, gilt es ebenfalls abzuwarten.

Gibt es eine vierten Reflex?

Wenn es der Swatch Group mit dieser Story gelingt – und vielleicht folgen ja demnächst ähnliche Kooperationen –, einer Generation, die Uhren eher als günstiges Accessoire sieht, zu vermitteln, dass die Welt der Zeitmesser so viel größer und faszinierender sein kann und über Smartwatches und modische Look-Abrunder hinausgeht, dann ist viel gewonnen. Mit der „MoonSwatch“ hat man zumindest schon mal lautstark bei der Konsumentengeneration der Zukunft angeklopft und darauf verweisen, dass es da noch viel mehr gibt, das Spaß machen könnte.

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Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

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