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Heepmanns Kolumne: Die drei Fragezeichen … der Uhrenbranche

Antje

Richtig, in der Jugendbuch- und Hörspielserie „Die drei ???“ lösen die jugendlichen Detektive Justus, Peter und Bob jeden Fall und finden Antworten auf alle Fragezeichen. Die Uhrenbranche befindet sich noch mitten drin in diesem Prozess, hat es aber vorrangig auch mit einem Dreierlei an Fragestellungen zu tun.

  • Wie vermittelt man die Werthaftigkeit von Uhren, wenn man sich immer weniger physisch beim Kauf begegnet?
  • Wie erreicht man die kommenden Generationen und kann sie für so etwas Traditionelles wie eine Uhr begeistern?
  • Wird es je wieder so sein wie vor Corona?

Um all diese Fragen ging es auch in den vielen Interviews und Gesprächen, die ich in den letzten Wochen geführt habe. Denn ja, mich hat es ungemein gefreut, dass der persönliche Dialog von Angesicht zu Angesicht wieder möglich ist. Und ich habe jede Gelegenheit dazu genutzt – unter Einhaltung aller Sicherheitsvorkehrungen natürlich. Das Ergebnis waren spannende Gespräche und Begegnungen mit wichtigen Protagonisten der Uhrenbranche.

Und die Antworten beziehungsweise die Suchrichtung nach den Antworten auf die drei Fragen sieht bei vielen sehr ähnlich aus.

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Ob Bulgari, Breilting, Maurice Lacroix oder MeisterSinger – das Thema Digitalisierung und verändertes Kaufverhalten spielte in allen Gesprächen eine wichtige Rolle. Von der „neuen Kaufgewohnheit“ ist da die Rede, derzufolge die Menschen gelernt haben, auch in höheren Preislagen im Internet einzukaufen. Gleichzeitig sehnen sich viele Menschen mehr denn je nach der physischen Begegnung, nach dem positiven Einkaufserlebnis am PoS, bei dem die Botschaft einer Marke noch immer am besten transportiert werden kann.

Die „emotionale Zeremonie des Verkaufens“ darf nicht verloren gehen, sagt Antoine Pin von Bulgari. Und außerdem: „Uhren muss man spüren“, betont Stéphane Waser von Maurice Lacroix.

Das sieht auch Breiling so. Nicht ohne Grund hat die Schweizer Marke gerade erst eine neue Boutique in Hamburg eröffnet, weitere sollen in Deutschland folgen. Georges Kern betont im Interview mit WatchPro, dass es für Marken immer wichtiger wird, nahbar zu sein – dazu gehört auch der physische Kontakt. Aber nicht nur. Nahbarkeit kann man auch auf digitalem Wege erzeugen, ist er sich sicher.

Und diese Meinung scheint gerade zum Allgemeinplatz in der Branche zu werden.

Die Forcierung der Digitalisierung steht bei fast allen Unternehmen ganz oben auf der Strategie-Agenda. Dabei muss dies nicht unweigerlich die Abkopplung der Marken vom stationären Handel beziehungsweise dessen Übergehen bedeuten, indem man nur noch über den eigenen Markenshop verkauft.

Wie das gehen kann, zeigt zum Beispiel MeisterSinger. Der Münsteraner Marke ist es bei aller Digitalisierung ganz wichtig, den stationären Fachhandel mit ins Boot zu holen, auch „wenn das viele erst gar nicht glauben“ konnten, wie MeisterSinger-Gründer Manfred Brassler berichtet. Denn seine Fachhandelspartner werden an jedem Verkauf im Onlineshop der Marke mit nahezu ihrer gewohnten Marge beteiligt.

Der Großteil der Uhren wird jedoch nach wie vor analog gekauft. Im stationären Handel und den eigenen Boutiquen machen die Marken ihre Hauptumsätze. Das gilt vor allem für die mittleren und höheren Preissegemente. Denn auch wenn 70 Prozent der Kaufentscheidungen heutzutage digital stattfinden, wie Georges Kern im Interview erläutert, der „Akt des Kaufens“ findet in den meisten Fällen analog statt. „Eine Uhr ist ein analoges Produkt, welches man berühren möchte.“ Das gilt laut einer McKinsey-Studie über Millennials in China auch für die jüngere Generation, die auch in Zukunft in physischen Geschäften einkaufen möchte.

Die Antwort auf Frage 1 und 2 lautet also Digitalisierung ohne Aufgabe der physischen Geschäfte. Das gilt auch für die Juweliere, meint Stéphane Waser. Er hat während des Lockdowns beobachtet, dass diejenigen Juweliere, die schon vorher digital gut aufgestellt waren, wesentlich besser durch diese Zeit gekommen sind als solche, die sich erst währenddessen mit dem Thema beschäftigt haben.

„Durch die Pandemie ist vielen bewusst geworden, dass eine Dual-Strategie ideal und sehr effizient ist. Denn natürlich ist es für die Verbraucher auch schön, in ein Geschäft zu gehen. Uhren muss man spüren und erleben.“

Damit wären zwei der drei Fragen beanwortet, zumindest theoretisch. Wie diese Dual-Strategie am effektivsten umgesetzt werden kann, das muss nun schnellstmöglich jeder – ob Marke oder Händler – für sich selbst herausfinden.

Was die dritte Frage betrifft, ob es je wieder so sein wird wie vor der Corona-Zeit – diese Frage jetzt zu beantworten, wäre Kaffeesatz-Leserei. Zu unklar ist, wie sich das Infektionsgeschehen mit Herbst-Beginn, in der das Leben wieder vermehrt in Innenräumen stattfindet, entwicklen wird und welche Konsequenzen die Regierungen und Gesellschaften weltweit daraus ziehen werden.

Solange gilt es für jeden Einzelnen, seinen eigenen kleinen Beitrag zu leisten, um dramatische gesundheitliche und wirtschaftliche Geschehen zu vermeiden. Die Antwort darauf, wie man diesen Beitrag leisten kann, ist einfach und lautet: Einhalten der AHA-Regeln.

 

 

 

Tags : breitlingbulgariCoronaDigitalisierungKolumnemaurice lacroixmeistersinger
Antje Heepmann

The author Antje Heepmann

Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

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