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Heepmanns Kolumne: Der Pre-owned-Markt mit Uhren ruckelt sich zurecht

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Antje Heepmann

Angesichts der Tatsache, dass der Handel mit gebrauchten Uhren allgegenwärtig erscheint und die teilweise absurden Preise in der gesamten Medienlandschaft für großes Aufsehen sorgen, vergisst man schnell, dass dies ein noch junges Geschäftsfeld ist, das noch dabei ist, sich zu etablieren und den besten, erfolgversprechendsten Weg zu suchen und zu finden.

Jüngstes Beispiel ist der Rückzug des 2013 gegründeten Unternehmens Chronext vom groß angekündigten Börsengang.

Die Neue Zürcher Zwitung NZZ hat dies genauer unter die Lupe genommen und ist unter anderem zu dem Schluss gekommen, dass Chronext mit dieser Entscheidung nicht alleine dasteht. Auch Salt und Swiss Post Solutions sind 2021 bei ihrer Absichtserklärung geblieben und haben das Initial Public Offering IPO an der Schweizer Börse SIX vorerst auf Eis gelegt.

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Chronext hatte diesen Schritt nur kurz kommentiert: „Die Chronext AG („Chronext”) hat gemeinsam mit ihren Aktionären beschlossen, den geplanten Börsengang aufgrund der derzeit ungünstigen Marktbedingungen für Wachstumsunternehmen zu verschieben. Die Erstkotierung der Aktien von Chronext an der SIX Swiss Exchange war ursprünglich für den 8. Oktober 2021 geplant. Chronext und seine Aktionäre sind weiterhin entschlossen, einen Börsengang durchzuführen, sobald sich die Marktbedingungen stabilisieren.“

Nun ist davon auszugehen, dass sich innerhalb weniger Wochen und Tage vor dem Börsengang (erst Mitte September hatte Chronext den Börsengang offiziell bestätigt) der Markt mit gebrauchten Uhren nicht entscheidend verändert hat. Chronext wollte übrigens mit dem Börsengang zwischen 150 und 230 Millionen CHF einsammeln. Vermutlich lag man bei dieser Einschätzung nicht ganz richtig.

Richard Schindler, Leiter Kapitalmarkt der ZKB, äußerst sich gegenüber der NZZ zur Börsenabsage so: „Der Börsenkandidat stellt aufgrund des Feedbacks wichtiger Großinvestoren fest, dass ein IPO nicht das angestrebte Kapital einspielen wird.“

Die NZZ verweist zudem auf die „Nervosität der Börsen“, die vorsichtiger agieren, wenn es darum geht, auf Kandidaten zu setzen, deren Geschäftsmodelle zwar vielversprechend sind, bei denen mit Gewinnen aber erst in der Zukunft zu rechnen ist. Das gelte insbesondere für die Schweiz, meint Tobias Meyer von Ernst & Young: „Die Investoren im Schweizer Umfeld sind in der Regel etwas konservativer als beispielsweise Investoren in den USA, was sich darin zeigen kann, dass seltener ganz junge Unternehmen und solche, die noch rote Zahlen schreiben, an die Börse gebracht werden.“

Und Werner Grundlehner von der NZZ meint: „Bei der Uhren-Plattform Chronext, die den Börsengang zwei Tage vor dem geplanten IPO abgesagt hat, zeigt sich, dass Konkurrenten über rentablere Geschäftsmodelle verfügen, während der Schweizer Anbieter noch rote Zahlen schreibt.“

Denn wenn Chronext auch beim Umsatz in den letzten Jahren stetig zugelegt hat und 2020 die 100 Millionen-€-Marke beim Umsatz durchbrechen konnte, macht das Unternehmen noch keinen Gewinn. Anders als beispielsweise Anbieter wie Chrono24 überprüft Chronext jede Uhr, die auf der Plattform verkauft wird, im eigenen Atelier auf Echtheit und zertifiziert diese. Das schafft Vertrauen, kostet aber viel Geld. Chrono24 hingegen fungiert lediglich als Handelsplattform, setzt auf die Überprüfung der Händler bei deren Zulassung und bietet einen Treuhandservice für die Abwicklung der Bezahlung an. Nach eigenen Angaben ist das Unternehmen „sehr profitabel”.

Ob Chrono24 langfristig auf Zertifizierungen verzichten kann, ist fraglich. Gerade erst hat auch Ebay Deutschland eine Echtheitsprüfung für neue und gebrauchte Uhren eingeführt, nachdem es diesen Service bereits in den USA und in Großbritannien gibt.

Es ist also viel Bewegung im Markt mit gebrauchten Uhren. Und das gilt nicht nur für die Frage, welches Uhrenmodell demnächst preislich durch die Decke gehen wird – oder ob dies nur eine vorübergehende Erscheinung ist –, sondern auch für Entwicklung der Unternehmen selbst, die in diesem stark wachsenden Markt agieren. Und hier tummeln sich mittlerweile auch Schwergewichte der Branche wie Richemont mit Watchfinder und Bucherer.

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Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

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