close

Heepmanns Kolumne: Das Messejahr 2020 wird für volle Flugmeilen-Konten und vergrößerte CO2-Fußabdrücke sorgen

Antje

Vor noch gar nicht allzu langer Zeit galt: hatte man die Drei besucht, hatte man 99 Prozent aller relevanten Uhrenmarken gesehen. Gemeint sind die Baselworld und der SIHH (jetzt Watches & Wonders Geneva) uns für den unteren und mittleren Preisbereich die Inhorgenta.

Und auch wenn sich der Münchner Branchentreff uhrentechnisch auf gutem Weg befindet, kann die Event-Verschiebungen im oberen Preissgement in keiner Weise kompensieren. Wer in diesem Jahr alle wichtigen Uhren-Premieren live sehen möchte, kann man sich schon mal auf viele Bonuspunkte dank Extra-Flugmeilen freuen. Abgesehen vom verheerenden CO2-Fußbadruck, den man dadurch hinterlässt, wir der immense Zeitaufwand und die zusätzlichen Kosten die Freude jedoch schnell trüben.

 

Story continues below
Advertisement

Gehen wir einmal kurz durch den vorläufigen Messekalender:

  • Januar: LVMH Watch Week Dubai
  • Februar: Inhorgenta Munich in München
  • März: Grand Seiko Summit in Tokio
  • März: Time to Move der Swatch Group in Zürich
  • April: Watches & Wonders in Genf
  • April/Mai: Baselworld

Aus drei Terminen sind jetzt schon sechs geworden, verteilt auf zwei Kontinente. Und wer weiß, was noch kommt. Casio hat sich nach der Baselworld-Absage noch nicht zu einer möglichen Alternativ-Absage geäußert, gleiches gilt für Gucci.

Abgesehen davon, dass es für Händler und Journalisten die Reiserei anstrengend und teuer wird, hat vor allem die Verlegung der Baselworld um einen guten Monat, und die der Watches & Wonders um fast drei Monate nach hinten den Launch-Kalender der Hersteller mächtig durchgerüttelt – mit Konsequenzen.

Bulgari, TAG Heuer, Zenith und Hublot

Die vier Uhrenmarken von LVMH luden diesen Monat rund 400 Handelspartner und Journalisten für zwei Tage nach Dubai ein. Dort gab es bereits fast die Hälfte der Neuheiten von Hublot und Zenith zu sehen. Die CEOs aller vier Marken standen außerdem bei Roundtable-Interviews der Presse zur Verfügung. Business-Class-Flüge aus aller Welt, 5-Sterne-Hotels, üppige Mahlzeiten, Abendunterhaltung mit Live-Musik und ein spektakuläres Feuerwerk – LVMH hat keine Kosten gescheut, um zu gefallen. Alle vier Marken werden auch auf der Baselworld im gewohnten Ausmaß teilnehmen. Hublot aber kündigte zum Beispiel an, dass ein Teil der Neuheiten schon vorher im Handel sein werden.

Richemont

Die wichtigste Änderung an Richemonts Plänen ist nicht, wie die Gruppe ihre Kollektionen für 2020 präsentiert, sondern wann. Zurück zu den Wurzeln könnte man fast meinen, denn bis 2008 fand der SIHH stets im Anschluss an die Baselworld im Frühjahr statt. Der Richemont-Event, bei dem von Cartier über IWC und Baume & Mercier bis Van Cleef & Arpels die Marken des Konzern unter einem Dach Händler und Presse empfingen, hatte sich bereits in letzten Jahren auch Nicht-Konzern-Marken geöffnet. Nun wird es in diesem Jahr wieder das Frühjahr sein, genauer April/Mai, wenn Richemont die wichtigsten neuen Kollektionen präsentiert.

Breitling

Breitling scheint fest entschlossen zu sein, die Summits, die CEO Georges Kern Ende 2018 eingeführt hat, fortzusetzen. Die eintägigen Veranstaltungen touren wie ein Rock-Konzert um die Welt und machen Station in London, New York und Los Angeles. Mehr ist über die Breitling-Tournee 2020 noch nicht bekannt, aber, da Breitling nicht auf der Baselworld ausstellt, ist zu erwarten, dass es im Laufe des Jahres eine Veranstaltung in der Schweiz und noch anderswo auf der Welt geben wird. Der Schwerpunkt dieser Breitling-Summits ist jedes Mal ein anderer, dreht sich aber in der Regel immer um ein bestimmtes Thema. In Los Angeles beispielsweise besuchte Brad Pitt als Mitglied des „Cinema Squad“-Teams die Marke, während ein „Surfer Squad“ eine neue „Superocean“-Uhr präsentierte. Die amerikanische Presse und Einzelhändler waren angetan.

Audemars Piguet

Audemars Piguet hat sich vom SIHH zurückgezogen, der nun vom 25. bis 29. April als Watches & Wonders Geneva stattfindet. Stattdessen wird es Premieren von neuen Uhren zur Eröffnung des neues Audemars-Piguet-Museums in Le Brassus geben, voraussichtlich am 23. April. Weitere Uhren-Launches sind im Juni während der Art Basel und zum Montrreux Festival im Juli geplant. Vermutet wird außerdem ein globales Ereignis mit Event-Charakter.

Swatch Group

Die Swatch Group hatte im vergangenen Jahr parallel zur Baselworld ausgewählte Händler zur ersten „Time to Move“ in Zürich eingeladen. Einzelhändler wurden zu Präsentationen, bei denen sie zur Geheimhaltung verpflichtet waren, von Basel nach Zürich gebracht, Handybilder waren unerwünscht. Ein paar Wochen später war die Presse an der Reihe, der auf einer mehrtägigen Tour Produkte und Produktionsstätten der Luxusmarken (Omega und höher) vorgestellt wurden. Marken wie Certina und Hamilton veranstalteten eigene, kleinere Events weltweit.
In diesem Jahr hat die Swatch Group die Journalisten vom 4. bis 6. März nach Zürich zur Präsentation der Marken Breguet, Harry Winston, Blancpain, Jaquet Droz, Glashütte Original und Omega eingeladen – parallel zum Grand Seiko Summit in Tokio. Journalisten müssen sich also entscheiden – und im Falle der Swatch Group selbst für die Kosten aufkommen. WatchPro hat das Glück, international mit mehreren Redakteuren am Start zu sein, sodass beide Events abgedeckt werden können. Diese Möglichkeit haben gerade freie Journalisten nicht.

Patek Philippe, Rolex und Tudor

Patek Philippe, Rolex und Tudor haben sich verpflichtet, ihr gesamtes Neuheitenprogramm für 2020 bis zur Baselworld zurückhalten. Obwohl die Messe mehr als einen Monat später als sonst Ende April/Anfang Mai stattfindet, müssen die Handelspartner bis dahin warten, um sich über die neuen Uhren für dieses Jahr zu informieren.

Seiko und Grand Seiko

Seiko und Grand Seiko haben nicht gesagt, dass sie die Baselworld für immer verlassen werden, aber der Zeitpunkt in 2020 ist den Japanern definitv zu spät und sie machen ihr eigenes Ding. Am 4./5. März sind ausgewählte Einzelhändler und internationale Medien zu einem großen Grand Seiko Summit nach Tokio eingeladen, passend zum 60sten Geburtstag der Marke. Weitere Veranstaltungen auf der ganzen Welt sind geplant, einschließlich Präsentationen in Orlando, Florida, Ende März. Bezüglich 2021 wird Seiko prüfen, ob die neuen Termine dann besser zu den Plänen der Marke passen werden.

Casio

Casio hat sich für dieses Jahr ebenfalls von der Baselworld verabschiedet, jedoch noch keine alternativen Pläne angekündigt. Kai-Christian Helms, Senior Marketing Manager für Uhren bei Casio Europe, bestätigte vor drei Wochen im Gespräch mit WatchPro Deutschland, dass der Termin der Baselworld zu spät im Jahr sei, und dass es noch keine Entscheidung über alternative Events geben würde.

Citizen Watch Group

Die Citizen Watch Group mit den Marken Citizen, Bulova, Frederique Constant und Alpina hat die Lust an Messen noch nicht verloren. Nach 2019 stellt der Uhrenkonzern auch in diesem Jahr auf der Inhorgenta Munich aus, auch der Baselworld bleibt er als einzig verbleibender Groß-Aussteller aus Japan treu. Lediglich die Citizen-Tochtermarke Arnold & Son wandert von Basel zur Watches & Wonders ab. „Trotz der Medienberichte über die Abwanderung einiger Marken bleibt die Baselworld eine der weltweit größten Messen für Uhren und Schmuck, der Ort, an dem die Branche die Schönheit und den Wert von Uhren weit über jede einzelne Marke hinaus kommunizieren kann“, teilte Citizen kurz nach der Seiko-Absage im November mit.

Fazit

Es wird ein Uhrenjahr mit viel Bewegung in jeglicher Form. Ob viele Marken- bzw. Konzern-Events einige wenige Veranstaltungen, auf denen sich bislang die ganze Branche trifft, ersetzen können, wird sich zeigen. Spätesens im zweiten Halbjahr werden viele Unternehmen sicher einen Kassensturz machen und erneut überdenken, was für sie selbst und ihre Kunden am effektivsten ist.
Ich wünsche in jedem Fall allen schon jetzt viel Spaß beim Sammeln der Bonuspunkte.

Tags : Audemars PigeutbaselworldbreitlingCasiocitizeninhorgentaKolumnelvmhRichemontSeikoSIHHswatchWatch WeekWatches&Wonders
Antje Heepmann

The author Antje Heepmann

Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

Leave a Response