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Heepmanns Kolumne: Das Pochen auf die sofortige Wiedereröffnung des Einzelhandel ist Energieverschwendung

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Antje Heepmann, Redaktion WatchPro Deutschland

Wohl wissend, dass die Meinungen diesbezüglich weit auseinandergehen – und das ist auch gut so: die zahlreichen kleineren, mit anderen Kampagnen nicht koordinierten Initiativen, die auf eine schnelle Wiedereröffnung des stationären Einzelhandels pochen – ob mit Offenen Briefen, Petitionen oder Social-Media-Aufrufen –, haben meines Erachtens kaum Aussicht auf Erfolg. Zumal viele sich lediglich auf die reine Öffnungs-Forderung beschränken, ohne ein neues Konzept vorzuschlagen, wie sich dies angesichts der aktuellen Pandemie-Entwicklung umsetzen lässt.

Wie erwartet wurde dann auch gestern die Verlängerung des Lockdowns bis zum 14. Februar von Bund und Ländern beschlossen.

Bei den Forderungen nach schneller oder gar sofortiger Öffnung des Einzelhandels wird meist darauf verwiesen, dass die geltenden Hyienekonzepte problemlos in den Ladengeschäften umgesetzt werden können. Dass dies die große Mehrheit der Einzelhändler vor dem Lockdown im Dezember auch vorbildlich gemacht hat, steht dabei außer Frage. Auch, dass sich wohl die wenigsten Infizierten in einem Ladengeschäft angesteckt haben, steht fest. Aber geöffnete Geschäfte bringen eben doch viele Menschen nah zusammen, allen voran im ÖPNV, aber auch in vollen Einkaufsstraßen oder gut besuchten Shopping-Centern.

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Und es ist nun mal aktuell oberstes Ziel von Bund und Ländern – gerade auch vor dem Hintergund der neuen, vermutlich weitaus ansteckenderen Virusmutanten –, die Kontakte so weit wie möglich zu reduzieren. Und daher ist mit einer schnellen Öffnung des Einzelhandles schlicht und ergreifend nicht zu rechnen.

Ob man das nun richtig findet oder nicht –, es ist eine Tatsache, mit der man umgehen muss. Lamentieren gilt und hilft nicht. Glauben Sie mir, ansonsten würde sie jeden Tag von mir eine Kolumne voller Beschwerden und Klagen zu lesen bekommen …

Was also kann man tun? Ein Allheilmittel habe ich natürlich auch nicht und vermutlich gibt es auch keines, ohne Verluste ist eine Pandemie wohl nicht durchzustehen. Es gilt abzuwägen, in welcher Größenordnung man bereit ist, Verluste – gesundheiltiche und wirtschaftliche – hinzunehmen und es gilt, unsere ganze Kraft darauf zu verwenden, die Verluste in beiden Bereichen so gering wie möglich zu halten.

Seine Energie für aussichtslose Unterfangen wie die Forderung nach der schnellen Öffnung des stationären Handels (ohne neues Konzept) aufzubringen, die vielleicht kurzfristig viel Aufmerksamkeit für eine bestimmte Person oder Organisation generiert, halte ich dabei für wenig zielführend.

Mehr Aussicht auf Erfolg scheinen da Initiativen zu haben, die sich darauf verlegt haben, dass die Hilfen des Staates schneller, gerechter und in ausreichender Höhe fließen – inklusive konkreter Vorschläge. So wie es zum Beispiel der HDE macht, der nicht müde wird, die bislang unzufriedenstellenden Unterstützungsmaßnamen anzumahnen.

Der Spitzenverband des deutschen Einzelhandels hat über 100.000 Mitglieder und spricht für rund 400.000 selbständige Unternehmen mit knapp drei Millionen Beschäftigten und jährlich über 420 Milliarden € Umsatz – das hat Gewicht.

„Wenn Minister Scholz die in Aussicht gestellten Überbrückungshilfen jetzt schnell überarbeitet und die Beantragungskriterien besser an die Lage des Einzelhandels anpasst, dann gibt es noch eine Chance, das Schlimmste zu verhindern. Ansonsten droht 2021 für viele Handelsunternehmen und in der Folge auch für ganze Innenstädte zu einem Katastrophenjahr zu werden“, so HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth in Pressemitteilung des Handelsverbandes vom 12. Januar, in der aber auch betont wird: Der Handel unterstütze die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, auf der anderen Seite müssten die unter den Schließungen leidenden Unternehmen aber wirksam unterstützt werden, um diese Zeit überstehen zu können.

„Die Politik muss jetzt zu den wirtschaftlichen Folgen und den eigenen Versprechen stehen. Wegducken und Aussitzen geht nicht“, mahnt Genth an.

Der HDE setzt sich bereits seit Wochen unter anderem dafür ein, dass entsprechende Abschriften auf Saisonware berücksichtigt werden, auch Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 500 Millionen € Hilfen beantragen können und, dass der monatliche Höchstbetrag von 500.000 € Überbrückungshilfe entfällt.

Und es tut sich was:

Finanzministerium und Wirtschaftsministerium einigten sich gerade erst auf Nachbesserungen bei Finanzhilfen für Firmen und Selbstständige.

„Wir werden die Überbrückungshilfe III drastisch vereinfachen und auch bei der Höhe noch eine Schippe drauflegen. Konkret ist es gelungen, die maximale monatliche Fördersumme der Überbrückungshilfe III auf bis zu 1,5 Millionen Euro pro Unternehmen zu erhöhen. Auch gibt es künftig nur noch ein einheitliches Kriterium für die Antragsberechtigung, und zwar ein Umsatzeinbruch von mindestens 30 Prozent im Förderzeitraum. Wichtig für den Einzelhandel ist die Anerkennung weiterer Kostenpositionen. So werden Wertverluste für unverkäufliche oder saisonale Ware als erstattungsfähige Fixkosten anerkannt. Auch können Investitionen für die bauliche Modernisierung und Umsetzung von Hygienekonzepten ebenso wie Investitionen in Digitalisierung und Modernisierung als Kostenposition geltend gemacht werden, wie zum Beispiel Investitionen in den Aufbau oder die Erweiterung eines Online-Shops“, sagte gestern Peter Altmaier, Bundesminister für Wirtschaft und Energie.

Aber es muss ganz schnell gehen, betont Stefan Genth: „Die Verlängerung des Lockdowns macht schnelle Hilfe noch wichtiger. Die Bundesregierung muss jetzt liefern, die Durststrecke könnte sonst für bis zu 50.000 Geschäfte zu lang werden.“

Ja, für einige werden diese Hilfen leider zu spät kommen – egal ob groß oder klein. So ist Galeria Karstadt Kaufhof schon wieder ins Schlingern geraten und verhandelt mit dem Bund über einen Millonenschweres Darlehen.

Den vielen kleineren und mittelständischen Unternehmen unserer Branche ist diese nicht möglich. Und der Frust, nicht aus eigener Kraft sein Unternehmen am Laufen zu halten und die Angst, es vielleicht gar nicht zu schaffen, werden nach fast einem Jahr Krisenmodus immer größer.

Aber auf das Wunder zu hoffen, dass der Handel wohlmöglich kommende Woche wieder öffnen darf und dass dann die Kunden auch in echter Shoppinglaune sind, verspricht mindestens ebenso viel Enttäuschung und Frust.

Stattdessen gilt es für den einzelnen, die Energie für gemeinsame, Erfolg versprechende Initiativen und für Kreativität und Flexibilität für das eigene Geschäft aufzubringen. Dazu gehören Windowshopping, Click/Call & Collect und Omnichannel ebenso wie die Inanspruchnahme staatlicher Unterstützung oder von Angeboten wie das Tool DigtalNavi Handel des HDEs und des Kompetenzzentrums Handel zur Förderung der Digitalisierung des stationären Handels.

Und alle die jetzt sagen: Die hat gut Reden, die ist ja nicht in unserer Situation und muss ein Einzelhandelsgeschäft durch die Krise bringen, am besten ohne Mitarbeiter entlassen zu müssen.

Sie haben recht! Und daher blicke ich mit Hochachtung auf Ihr Durchhaltevermögen, für das Sie leider noch eine Weile all Ihre Energie aufbringen müssen.

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