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Handelsverband Juweliere: „Der Handel ist kein Spreader! Das ist belegt und bewiesen!“

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Der Bundesverband der Juweliere, Schmuck- und Uhrenfachgeschäfte e.V. (BVJ) ist die berufspolitische und fachliche Interessenvertretung des Einzelhandels der Branche in Deutschland. Er ist Lobby und Dienstleister für den Fachhandel der Branche.

In dieser Funktion kämpft der Verband in Corona-Zeiten für das Überleben des Fachhandels.

„Wenn wir die Läden nicht bald wieder öffnen, werden wir irgendwann niemanden mehr haben, der die Innenstädte liebenswert macht und am Ende die große Rechnung bezahlt“, mahnt BVJ-Geschäftsführer Joachim Dünkelmann an und erläutert im Gespräch mit WatchPro die Haltung des Verbandes zur aktuellen Corona-Politik und Lockdown-Verlängerung:

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„Die Argumenten sind meines Erachtens ausgetauscht und es ist schlicht unverständlich, was im Moment passiert oder besser nicht passiert. Die Maßnahmen werden seitens der Politik nicht plausibel gemacht und erklärt, es gibt keine klaren Kriterien, und es gibt eine massive Ungleichbehandlung.

Fakt ist, dass es im Moment viele Klagen gibt. Fakt ist auch, dass zum Beispiel aktuell in Baden-Württemberg vom Verwaltungsgrichtshof die Klage von Breuninger abgelehent wurde. Das war auch so zu erwarten. Auch andere Klagen auf Öffnung haben wenig Aussicht auf Erfolg. Ich finde es dennoch richtig, dass sie angestrengt werden, sowohl von Verbänden als auch von Unternehmen.

Denn wir befinden uns in einer nicht mehr haltbaren Situation, die eine Kontrolle seitens der Gerichte erforderlich macht. Wir müssen leider konstatieren, dass wir nicht nur eine aus meiner Sicht unbegründete Einschränkung der Geschäftstätigkeit und damit eine existenzielle Gefährung der Geschäfte, sondern dass wir auch aufgrund der Öffnung der Lebensmittelhändler und Drogeriemärkte mit ihren Mischsortimenten auch eine massive Ungleichbehandlung haben.

Für mich ist es nachvollziehbar, warum ein Friseur ab dem 1. März öffnen darf, aber ein Juwelier oder ein Küchenstudio noch nicht mal eine Einzelberatung bei geschlossenem Geschäft mit allen erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen durchführen darf. Da müssen meines Erachtens die Gerichte klären, ob das rechtmäßig ist.

Den Kardinalfehler der Politik sehe ich darin, dass sie ihre Maßnahmen nicht plausibel genug machen, nicht alle gleich behandeln und keine nachprüfbaren Kriterien auf den Tisch legen. Und für die Wirtschaft ist es fatal, dass es trotz mehrfacher Ankündigungen immer noch kein Wiedereinstiegsszenario gibt. Aus diesem unhaltbaren Zustand müssen wir raus, wir brauchen eine Persepektive. Ohne einen Planungshorizont sind solide unternehmerische Planungen unmöglich. Herr Altmaier hat im Wirtschaftsgipfel zwar gerade wieder versprochen, dass zeitnah etwas passieren wird, aber es ist ja nicht das erste Mal, dass so etwas versprochen wurde.

Die Regierung verspielt im Moment viel Vertrauen und Rückhalt, auch bei denjenigen, die das höhere und richtige Ziel dahinter sehen. Das gilt natürlich umso mehr für diejenigen, die wie dier klassischen Fachhändler ganz direkt betroffen sind.

Niemand hat zum Beispiel glaubhaft, wissenschaftlich oder faktenbasiert begründen können, warum der Inzidenzwert willkürlich von 50 auf 35 gesenkt wurde. Und wie erklärt man, warum in München mit einem Inzidenzwert von 24 am 1. März nicht die Geschäfte öffnen dürfen, so wie alle Friseure im Rest der Republik. Das verstehen viele nicht mehr und der Widerstand dagegen wächst.

Die Handelsorganisationen haben proaktive Studien anfertigen lassen und Hygienekonzepte und so weiter erstellt – das ist nichts neues und liegt schon lange in Berlin und bei den Ministerpräsidenten vor –, aber niemand geht darauf ein.

Und der Juwelier ist allein schon aufgrund der Produkte nicht in der Lage, den Umsatzausfall online zu kompensieren. Der Verbraucher akzeptiert es schlicht und ergreifend nicht. Uhren und Schmuck benötigen den körperlichen Angang, das Anprobieren und die persönliche Beratung. In anderen Branchen geht das besser, der Elektronikbereich hat zum Beispiel im letzten Jahr deutlich zugelegt.

Wir als Handelsverband der Juweliere plädieren daher ganz klar für eine zeitnahe Öffnung des gesamten Einzelhandels – mit Zutrittsbeschränkungen, Hygiene- und Sicherheitskonzepten. Damit werden wir auch noch lange leben müssen, aber diese Konzepte hat der Handel perfektioniert und die aktuellen Studien zeigen ja, dass sie funktionieren.
Der Handel ist kein Spreader! Das ist belegt und bewiesen.

Wenn wir die Läden nicht bald wieder öffnen, werden wir irgendwann niemanden mehr haben, der die Innenstädte liebenswert macht und am Ende die große Rechnung bezahlt.
Mir ist bislang zwar noch kein einziger Fall bekannt, dass ein Juwelier rein Corona-bedingt sein Geschäft aufgeben musste. Das liegt aber einzig und allein daran, dass erstens die Betriebe unserer Branche finanziell überdurchschnittlich gut aufgestellt sind, und dass zweitens das Insolvenzrecht vieles kaschiert.

Wir erwarten eine massive Pleitewelle nach Wieder-Inkrafttreten des Insolvenzrechtes und wenn die gewährten Kredite wieder zurückgezahlt werden müssen.

Der Hammer kommt erst noch. Wir gehen hier von hunderten Pleiten aus.“

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