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Galeria – das Fass ohne Boden des deutschen Einzelhandels?

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Inflation und steigende Energiepreise machen der letzten großen Warenhauskette in Deutschland zu schaffen.

Nachdem das zum Firmenimperium Signa des österreichischen Immobilienmilliardärs René Benko gehörende Warenhauskonzern im Verlauf der Pandemie bereits 460 Millionen € (Laufzeit bis 2026) aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds des Bundes bekommen hatte, bat Galeria im Dezember letzten Jahres den Staat erneut um finanzielle Unterstützung.

Miguel Müllenbach, Vorstandschef Galeria Karstadt Kaufhof, war sich vor zwei Jahren jedoch noch sicher, dass man wieder auf Kurs sei: „Wir sind wieder da. Galeria Karstadt Kaufhof ist ab Oktober schuldenfrei, hat ein zukunftsfähiges Filialportfolio und wird auch das Digitalgeschäft stark ausbauen. Mit den neuen Kollegen werden wir als Team agieren, voller Vertrauen und auf Augenhöhe. Damit zieht auch eine neue Kultur ein, die für unseren Erfolg als der innerstädtische Marktplatz der Zukunft extrem wichtig sein wird.“

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Und Wolfram Keil, Aufsichtsratsvorsitzender Galeria Karstadt Kaufhof, meinte 2020: „Galeria Karstadt Kaufhof wird nicht nur das Schutzschirmverfahren in rekordverdächtiger Geschwindigkeit erfolgreich bewältigen. Wir haben zudem die Zeit genutzt, echte Top-Leute für uns zu begeistern. Das neue Management-Team um Miguel Müllenbach gehört in Sachen Handels- und Digitalkompetenz ganz sicher nun zu den Besten am europäischen Markt.“

Es ist anders gekommen:

Die Digital-Hoffnung Andreas Hink verabschiedete sich Anfang 2022 nach knapp zwei Jahren Unternehmenszugehörigkeit bereits wieder, ohne dass das schwächelnde Onlinegeschäft des Warenhauskonzerns wirklich Fahrt aufgenommen hätte. Aus Galeria Karstadt Kaufhof ist schlicht Galeria geworden und rund 40 Standorte wurde geschlossen, einhergehend mit der Entlassung vieler Mitarbeiter. Einige wenige Filialen wurden renoviert und eine geplante Neuausrichtung präsentiert.

Es hat nicht gereicht:

Anfang des Jahres wurde dem Konzern vom Wirtschaftsstabilisierungsfond ein „ergänzendes, verzinstes Darlehen“ in Höhe von 220 Millionen € gewährt. Und nun scheint auch dieses Geld bereits wieder verpufft zu sein, ohne dass der Konzern zukunfts- und krisensicher aufgestellt wurde.

Laut eines Mitarbeiterbriefs, mit dem Miguel Müllenbach vermutlich auch für Verständnis für den kürzlich gekündigten Integrationstarifvertrag mit der Gewerkschaft Verdi werben will, befinde man sich „erneut in bedrohlicher Lage“. Die vielversprechenden Sanierungsbemühungen seien vom Krieg in der Ukraine und von der hohen Inflation schwer getroffen worden. So würden beispielsweise die Energiekosten in den kommenden zwei Jahren 150 Millionen € mehr betragen als geplant. Hinzu komme die Kaufzurückhaltung der Konsumenten.

„Wir werden unseren Weg nur erfolgreich fortsetzen können, wenn es uns gelingt, die Finanzierung von Galeria neu zu strukturieren und dem Unternehmen neues, frisches Kapital zuzuführen. Daran arbeiten wir gegenwärtig mit Hochdruck“, schrieb Müllenbach.

Woher beziehungsweise ob dieses frische Kapital auch vom Staat kommen solle, dazu machte das Unternehmen keine Angaben.

„Business Insider“ berichtet, dass Galeria um Staatshilfe gebeten habe, und zwar im niedrigen dreistelligen Bereich. Eine Bestätigung dafür gab es aber weder vom Bundeswirtschaftsministerium noch von Galeria selbst oder der Eigentümergesellschaft Signa.

Eine Gewährung hängt auch davon ab, ob das Unternehmen entsprechende Sicherheiten bieten kann und eine Strategie vorweist, die dauerhafte Überlebensfähigkeit verspricht. Kommt die Gewährung, dann ist zu hoffen, dass dieses frische Kapital auch verfängt – und nicht wie bei einem Fass ohne Boden einfach wirkungslos durchrauscht.

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Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

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