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„Die meisten Uhrmacher kalkulieren falsch.“

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Das sagt Timo Boxberg – und er weiß, wovon er spricht. Seit er 14 Jahre alt ist, kennt er die komplexe Welt der Uhrenreparatur, und seit 2018 ist er Vize-Präsident des Zentralverbandes für Uhren, Schmuck und Zeitmesstechnik.

Damals, im Jahr 1994, legte sein Vater Heinz Boxberg in einem kleinen Kellerraum seiner Schwiegereltern in Engelskirchen den Grundstein für das heutige Unternehmen mit rund 20 Mitarbeitern. „Der Firmenstart vor gut 25 Jahren war der Beginn einer wunderbaren Tradition. Seitdem tickt bei uns die Zeit richtig“, schmunzelt Timo Boxberg.

Heute allerdings auf 400 Quadratmetern in Overrath. Und aus der reinen Servicewerkstatt für Juweliere ist im Verlauf der letzten 25 Jahre ein europaweit tätiges Serviceunternehmen für die gesamte Uhrenbranche geworden. Vom Endkunden über den Juwelier bis hin zu namhaften Herstellern hochwertiger Uhren reicht die Kundenliste.

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Kontrolliert, repariert und gewartet wird alles, was sich Uhr nennt. Ob Wanduhr, Standuhr, antike Taschenuhr oder Luxusarmbanduhr – der zertifizierte Meisterbetrieb beherrscht sie alle. Fast 100 Marken listet Boxberg auf der Website auf.

 

Dazu gehören Rolex, Glashütte Original und Audemars Piguet genauso wie Seiko und Citizen oder Swatch und Fossil. Aber auch mechanische Spieleuhren, Grammophone und Polyphone sind bei Timo Boxberg, der vor fünf Jahren das Unternehmen von seinem Vater übernahm, in besten Händen.

„Es gibt für mich als Uhrmacher nichts Schöneres als einem rund 200 Jahre alten Apparat wieder neues Leben einzuhauchen – mitunter erhalten wir so ein Stück Geschichte für die Nachwelt.“
Dabei ist es im heutigen, schwierigen Markt nicht einfach, zu bestehen. Viele Unternehmen haben in den letzten Jahren die Türen für immer geschlossen. Als Vizepräsident im Bundesverband der Uhrmacher, dem Zentralverband für Uhren, Schmuck und Zeitmesstechnik, kennt Timo Boxberg die Hintergründe dafür sehr gut.

Die Katze beißt sich in den Schwanz

„Ein großes Problem ist es, dass es viele Uhrmacher bis heute versäumt haben, ihr Handwerk erfolgreich zu vermarkten“, erklärt Boxberg. Er sieht den Fehler in der oft fehlenden Kalkulation:

„Jeder andere Handwerker kalkuliert seine Preise auf Grundlage der tatsächlich im Unternehmen entstehenden Kosten und rechnet die erbrachte Leistung entsprechend ab. Viele meiner Uhrmacherkollegen scheuen sich allerdings, angemessene Preise zu verlangen und riskieren so ihre Existenz. Ohne vernünftige Kalkulation und leistungsgerechte Bezahlung ist es nicht möglich, für unsere filigrane und höchst spezialisierte Arbeit Fachkräfte zu finden oder dringend notwendige Investitionen zu tätigen. Wir Uhrmacher haben heute einen akuten Fachkräftemangel. Ohne vernünftige Löhne keine Uhrmacher. Mit der abnehmenden Zahl an Uhrmacherfachbetrieben schwinden auch die Ausbildungsplätze. Das wiederum führt zum Fachkräftemangel, und letztlich fehlen uns dann qualifizierte Betriebsnachfolger.“

Timo Boxberg ist sehr am Erhalt und der Entwicklung dieses schönen Handwerks gelegen. Daher engagiert er sich unter anderem ehrenamtlich im Prüfungsausschuss und als Lehrlingswart der zuständigen Innung. Und auch in seinem Unternehmen wird seit jeher ausgebildet. Mittlerweile haben mehr als 20 Uhrmacher ihr Handwerkszeug bei Boxberg erlernt, aktuell werde vier Auszubildende auf den Beruf des Uhrmachers vorbereitet. Außerdem werden Praktika angeboten, um Interessierten einen ersten Einblick zu ermöglichen.

Bereits vor vielen Jahren, als die ersten Marken damit begannen, Ersatzteile nur noch bei Vorliegen einer entsprechenden Zertifizierung, sprich Qualifizierung, zu liefern, hat er sich – anders als viele seiner Kollegen – für solche Nachweise ausgesprochen. Damals sagte er:

»Um ehrlich zu sein, bin ich ein Befürworter der Zertifizierungen durch die Hersteller. Ich komme beruflich ursprünglich aus der Glasindustrie und kenne es von da gar nicht anders. Im Laufe der Zeit muss man in seine technische Ausstattung, in sein Personal und ins Management investieren und sich zertifizieren lassen – Stichwort ISO 9001, um ein gängiges Beispiel zu nennen. Viele Uhrmacher haben es meiner Meinung nach in der Vergangenheit versäumt, in technisches Gerät und die Personalentwicklung und -schulung zu investieren. Daher kann ich es auf der einen Seite verstehen, dass die Hersteller nun gewisse Qualitätsanforderungen an die Uhrmacher stellen. Allerdings sehe ich es eher kritisch, dass jeder sein eigenes Süppchen kocht. Meines Erachtens sollten sich die Hersteller auf einen Standard einigen, sodass man nur noch eine Zertifizierung benötigt. Als ideal sehe ich hier die Zertifizierung des Zentralverbandes an. Ich würde mir wünschen, dass sich viele Hersteller dieser Zertifizierung anschließen würden.«

Und genauso ist es gekommen. Mittlerweile wird die Zertifizierung durch den Uhrmacherverband von über 20 Marken als markenunabhängiges Qualitätssiegel für Uhrmacherfachbetriebe mit Werkstatt anerkannt. Viele Marken der Swatch Group gehören dazu.

Beruf mit Zukunft

Und auch wenn er eine lange Tradition aufweist, der Beruf des Uhrmacher hat längst nicht ausgedient, im Gegenteil, ist sich Timo Boxberg sicher.

„Uhrmacher sind gefragt, und das nicht nur in unserem Handwerk. Deshalb muss es uns zum einen gelingen, junge Leute für die Ausbildung zu begeistern und zum anderen sie auch als gelernte Fachkräfte im Betrieb zu halten. Wir, die Uhrmacherei Boxberg, sind als Unternehmen für die schwierigen Aufgaben, vor denen die gesamte Branche steht, gut gerüstet. Die Werkstatt ist auf dem neusten Stand der Technik und den Fachkräftemangel können wir durch eigene intensive Ausbildung sowie regelmäßige Schulungen der Mitarbeiter zumindest kurzfristig kompensieren.“

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Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

1 COMMENT

  1. also die Darstellung, das der Uhrmacher so viel verabsäumt hat…stimmt so nicht ganz, die Fehlersuche sollte diesbezüglich beim Hersteller angesetzt werden. Dort gehört stark nachgebessert und zwar im ideologischen Sinne. Ersatzteile sollten wieder zugänglich gemacht werden. Rolex sollte damit anfangen und alle andern sollten mitziehen. Wie bei den Garantieverlängerungen…
    das wird es aber nicht spielen und daher sehe ich diesen Beruf auch nicht als zukunftsträchtig. Wohl eher vom Aussterben bedroht, wegen des Zertifizierungswahns der Uhrenindustrie, ein hausgemachtes Problem.
    Qualität ja! aber um welchen Preis? irgendwann wird der Kunde die Schnauze voll haben, bis dahin werden die Marken weiterhin machen was sie wollen. Hat man aus der Quarzkrise gelernt? ich glaube nicht! Macht, Gier und Kontrollwahn sind zu groß und tägliches Geschäft.
    …ihr Text ist recht nett…nur leider allzu weichgespült…und spiegelt daher nicht ganz die Realität wieder. Auf Wiedersehen!

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