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Die Branche steht nicht still: Mühle-Glashütte ist im Plan und bietet verkürzte Lieferzeiten

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Das öffentliche und wirtschaftliche Leben steht still? Nicht ganz. Angesichts frühlingshafter Temperaturen zieht es viele in die Natur und Parks und für den Handel gelten ab heute erste Lockerungen. Auch die Lieferanten und Marken unserer Branche waren und sind trotz des verordneten Shutdowns nicht ins Nichtstun verfallen.

Im Interview mit WatchPro Deutschland berichtet Thilo Mühle (Geschäftsführer Mühle-Glashütte), wie das Unternehmen mit der herausfordernden Situation umgeht.

WatchPro Deutschland: Geht es Ihnen und Ihren Mitarbeitern gut?

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Thilo Mühle: Den insgesamt 68 Mitarbeitern von Mühle-Glashütte geht es gut. Wir haben keine Corona-Infektion in unserem Unternehmen und haben uns bestmöglich auf die Auswirkungen der Pandemie eingestellt. So können wir weiterhin Zeitmesser produzieren und Revisionen vornehmen beziehungsweise für unsere Kunden und Fachhändler ein gut erreichbarer Ansprechpartner sein.

WatchPro Deutschland: Hatten Sie mit dem Shutdown in diesem Ausmaß in Deutschland gerechnet? Waren Sie vorbereitet?

Thilo Mühle: Wenn man die Infektionszahlen und Gegenmaßnahmen anderer Länder beobachtet hat, konnte man auch für Deutschland damit rechnen, dass Schulen, öffentliche Einrichtungen und bestimmte Unternehmen geschlossen werden. Dass die Maßnahmen so stark auch in den persönlichen Bereich eingreifen, hat uns dagegen schon überrascht. Wir haben in unserem Unternehmen rechtzeitig ein „Anti-Corona-Team“ zusammengestellt, das die Entwicklung sehr genau verfolgt hat und entsprechende Maßnahmen vorbereitet hat. So konnten wir auf politische Entscheidungen gut reagieren.

WatchPro Deutschland: Wie haben Sie die Arbeitsabläufe und Produktion an die Krise angepasst?

Thilo Mühle: Wir können in unserer Manufaktur weiterhin Zeitmesser fertigen und Service-Uhren bearbeiten. Daher sind unsere neuen Zeitmesser für 2020 wie geplant verfügbar, für die bisherige Kollektion können wir aktuell kürzere Lieferzeiten bieten als gewöhnlich.

Um weiterhin arbeiten zu können, haben wir für unsere Uhrmacher ein Schichtsystem eingeführt. So haben wir die Personaldichte in den Produktionsräumen reduziert und zusätzlichen Abstand zwischen den Arbeitsplätzen geschaffen. Zudem setzen wir Manufaktur-Führungen bis auf weiteres aus und setzen alle Maßnahmen der geltenden Hygiene- und Schutzbestimmungen um.

Auch die wöchentliche Arbeitszeit der Mitarbeiter wurde aufgrund der Corona-Pandemie verringert. Wir haben sie so angepasst, dass wir für bestmögliche Sicherheit sorgen und gleichzeitig Liefer- und Service-Zeiten verringern können. Die geringere Arbeitszeit hilft auch den Mitarbeitern, die ihre Kinder aufgrund geschlossener Schulen und Kindergärten derzeit zuhause betreuen müssen.

WatchPro Deutschland: Wie wirkt sich dies auf den zeitlichen Ablauf der Neuheiten-Präsentation aus?

Thilo Mühle: Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir die Neuheiten für unsere reguläre Kollektion 2020 bereits im Februar auf der Inhorgenta vorgestellt haben. Zwar sind für dieses Jahr noch weitere Neuvorstellungen geplant, doch diese sollten größtenteils erst im zweiten Halbjahr vorgestellt werden. Als unabhängiges Familienunternehmen können wir sehr flexibel auf geänderte Bedingungen reagieren und beobachten die weitere Entwicklung der Corona-Pandemie in unserem Hauptmarkt Deutschland deshalb sehr genau. Eine Neuvorstellung haben wir aufgrund der besonderen Situation aber auch verschieben müssen. Die Neuplanungen für die Vorstellungen der Uhr laufen noch.

WatchPro Deutschland: Mit welchen Fragen, Bitten und Forderungen ist der Handel an Sie herangetreten?

Thilo Mühle: Anfangs waren viele Juweliere wohl erst einmal mit der Organisation der unfreiwilligen Schließzeit beschäftigt und haben sich daher auf die wirtschaftlich drängendsten Fragen konzentriert. Aufgrund der geschlossenen Geschäfte haben wir vereinzelt die Auslieferung bestellter Zeitmesser auf Bitten der Juweliere verschoben.

Danach haben wir unseren Juwelieren sehr schnell unsere Unterstützung in der schwierigen Lage angeboten. Dazu gehört zum Beispiel ein Social Media-Paket für Juweliere, die Mühle-Uhren nun stärker online promoten möchten. Auch haben wir unseren Juwelieren angeboten, im Online-Shop bestellte Uhren direkt ab Werk zu versenden, wenn sie den Versand zurzeit nicht selbst vornehmen können. Darüber hinaus sind wir für Vorschläge der Juweliere offen und tun unser Möglichstes, sie mit individuellen Lösungen zu unterstützen.

WatchPro Deutschland: Wie beurteilen Sie das Angebot an staatlichen Hilfsmaßnahmen? Wie sind Ihre Erfahrungen damit?

Thilo Mühle: Beim Umgang mit den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie haben wir verschiedene Möglichkeiten erwogen. Wir freuen uns, dass die Bundesregierung Hilfen zu deren Bewältigung bereitstellt beziehunsgweise es erleichtert, diese in Anspruch zu nehmen.

Auch wir haben uns dafür entschieden, die wöchentliche Arbeitszeit der Mitarbeiter zu verringern. Neben den oben geschilderten Effekten können wir damit auch Zeit gewinnen und der geringeren Nachfrage nach Zeitmessern gerecht werden. Um die wirtschaftlichen Folgen für unser Unternehmen und unsere Mitarbeiter abzumildern, nehmen wir die entsprechenden Angebote der Bundesregierung in Anspruch und haben Kurzarbeit beantragt. So können wir langfristig den Fortbestand unseres mittelständischen Familienunternehmens sichern und sichere Arbeitsplätze in der Region bereitstellen.

WatchPro Deutschland: Was denken Sie, wie lange die Branche benötigen wird, um die Krise einigermaßen überwunden zu haben?

Thilo Mühle: Wir gehen deshalb davon aus, dass uns die Corona-Pandemie noch das ganze Jahr beeinträchtigen wird und auch mit deutlichen finanziellen Einbußen verbunden ist. Wenn ein Unternehmen darüber hinaus noch Kredite in Anspruch nehmen musste, um das pure Überleben zu sichern, wird es entsprechend länger unter den finanziellen Folgen leiden.

WatchPro Deutschland: Denken Sie, dass der jetzt ausfallende Umsatz wieder reingeholt werden kann? Wenn nicht, was dann?

Thilo Mühle: Zuversichtlich stimmt uns für unser Unternehmen, dass sich unsere Zeitmesser preislich in einem sehr bodenständigen Bereich bewegen. Das wird unseren Juwelieren und uns bei der Bewältigung der Krise mit Sicherheit sehr helfen – jedenfalls zeigen das die Erfahrungen nach der letzten Finanzkrise. Im Allgemeinen gehen wir für dieses Jahr jedoch nicht davon aus, dass wir ausgefallene Umsätze aufgrund des Shut-Downs komplett ausgleichen können. Rein wirtschaftlich betrachtet erholt sich die Branche nur sehr langsam von einem Umsatzrückgang – sei dieser nun durch eine Finanzkrise oder Corona-Pandemie verursacht. Die Menschen sind nach einer Krise einfach sehr zurückhaltend, wenn es um Investitionen in Luxusgüter geht.

 

WatchPro Deutschland: Denken Sie, dass sich die Uhrenbranche und das Konsumverhalten nachhaltig durch die Krise verändern werden?

Thilo Mühle: Das denken wir nicht. Einerseits kann die Corona-Pandemie kein Anlass für aktiv herbeigeführte Veränderungen in der Branche sein, da sie nicht durch ein unangemessenes Verhalten von Uhrenkäufern, Juwelieren oder Uhrenherstellern verursacht wurde. Andererseits haben die Menschen ein tieferes Bedürfnis nach bleibenden Werten beziehungsweise nach schönen und kunstvollen Dingen, zu denen seit jeher Schmuck und heute auch Uhren gehören. Glücklicherweise sind mechanische Zeitmesser an sich sehr nachhaltige und keine kurzlebigen Produkte. Insofern ist eine bodenständige Glashütter Uhr immer eine gute Empfehlung.

WatchPro Deutschland: Was werden Sie nach der Krise anders machen?

Thilo Mühle: Eine Erkenntnis aus der Corona-Krise ist bisher, wichtige Erzeugnisse im eigenen Land zu fertigen – was besonders natürlich für den medizinischen Bereich gilt. Als unabhängiges Glashütter Familienunternehmen fühlen wir uns dem Grundsatz „Made in Germany“ seit langem verpflichtet und arbeiten wo immer möglich mit deutschen Lieferanten zusammen beziehungsweise fertigen möglichst viele Uhrwerksteile in unserer Manufaktur. Hier fühlen wir uns bestätigt und möchten diese Ausrichtung zukünftig beibehalten und ausbauen.

WatchPro Deutschland: Gibt es etwas, was Sie trotz allem positiv in die Zukunft blicken lässt?

Thilo Mühle: Was uns sehr zuversichtlich stimmt, ist die Verbundenheit unsere Mitarbeiter mit unserem Familienunternehmen und die Flexibilität, die sie in dieser schwierigen Zeit beweisen. Gerade die Sicherheits-Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie und die Reduzierung der Wochenarbeitszeit verlangen ihnen viel ab. Über das Verständnis, mit der diese Maßnahmen angenommen wurden, haben wir uns sehr gefreut. Wenn „in der Familie“ alles stimmt, kann man jede Krise meistern.

 

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Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

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