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Der Juwelier-Warndienst erläutert den Überfall auf einen Celler Juwelier, bei dem beide Täter ums Leben kamen

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Der Überfalls eines Juweliers in Celle, bei dem beide Täter ums Leben gekommen sind, hat ein großes Medienecho hervorgerufen und die Diskussion erneut entfacht, wo Eigenschutz und Notwehr aufhören und Totschlag und Selbstjustiz beginnen.

Nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei betraten zwei Männer, von denen mindestens einer bewaffnet war, am Montagnachmittag das Juweliergeschäft in der Celler Fußgängerzone, mutmaßlich mit dem Ziel, dieses zu überfallen. In den Geschäftsräumen befand sich in dem Moment nur das Inhaber-Ehepaar im Alter von 71 und 72 Jahren, die schon einmal Opfer eines Überfalls geworden waren. Dann fielen mehrere Schüsse, ein mutmaßlicher Räuber starb noch vor Ort, sein Begleiter erlag wenig später seinen Verletzungen im Krankenhaus. Die Schüsse stammten aus der Waffe des Inhabers, der eine gültige Waffenbesitzkarte hat.

Da gerade Juweliergeschäfte immer wieder Ziel von bewaffneten Überfällen sind, hat WatchPro Martin Winckel vom Juwelier-Warndienst gebeten, diesen besonders tragischen Vorfall einzuordnen.

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„Der Juwelier ist das Opfer und nicht die Täter“, lautete sein eindeutiges Statement. „Die Tat in Celle ist sowohl für die Opfer als auch für die Täter tragisch ausgegangen. Das Juwelierehepaar wurde zum wiederholten Mal überfallen und mit dem Leben bedroht. Der Juwelier hat zwei Menschen erschossen und muss damit fertig werden. Die Täter sind ihren Verletzungen erlegen.

Eigentlich hatte das Juwelierehepaar soweit möglich alles richtig gemacht, um weitere Raubüberfälle auf sie beziehungsweise ihr Geschäft zu unterbinden und das Risiko zu mindern. Sie hatten eine verschlossene Eingangstür. Bei der geringen Geschäftsgröße ist dies die beste Maßnahme. Ein besserer Schutz mit einer Eingangsschleuse und/oder einem Doorman ist aufgrund der Geschäftsfläche und der entstehenden Kosten kaufmännisch nicht tragbar und wäre vollkommen überzogen.

Es muss davon ausgegangen werden, dass die Täter, wie bei jedem Raubüberfall, das Objekt vorher ausbaldowert und die verschlossene Eingangstür erkannt haben. Zur Tatausführung saß deshalb einer der Täter im Rollstuhl. Dies löst Mitleid aus und eine drohende Gefahr wird leicht übersehen oder nicht erkannt. Nur so war es möglich, dass gleich zwei unbekannten Männern die Tür geöffnet wurde. (gleiche Tatbegehung wie am 17.02.2011 in Hagen).

Notwehr oder nicht?

Hat sich die Tat, wie bisher in den Medien beziehungsweise vom Opfer beschrieben abgespielt, müsste es sich eindeutig um Notwehr handeln (§32 StGB, Satz 2 (‚Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden.‘) Hinzu kommt, dass es keine Videoaufnahmen des Geschehens gibt, und auch die Täter keine gegenteiligen Aussagen mehr machen können.

Um die Bedrohung für sich und seine Frau sofort zu beenden, hat der Juwelier zu dem ihm zur Verfügung stehenden besten Mittel gegriffen, seiner Schusswaffe. Hätte er anders reagieren können? Ja, aber er wollte vermutlich nicht schon wieder Opfer eines Raubüberfalles sein. Es ist auch möglich, dass kein Versicherungsschutz (ggf. auf Grund der Vortaten) besteht. Wenn jetzt argumentiert wird, dass er die Täter doch nicht gleich hätte erschießen müssen, sollte man sich auch fragen, wie sich zwei über 70-Jährige gegen zwei vermutlich halb so alte Männer hätten wehren können. Hinzu kommt, dass der Gebrauch der Schusswaffe innerhalb von Sekundenbruchteilen kalkuliert und ausgeführt werden muss. Da bleibt keine Zeit, um noch lange auf Arme oder Beine zu zielen. Die Gefährdung soll beendet werden und dass sofort!

Schusswaffeneinsatz – Unterschied Waffenbesitzkarte/Waffenschein

Der Einsatz der legalen Schusswaffe dürfte kein rechtliches Problem darstellen. Da der Juwelier eine Waffenbesitzkarte besitzt, darf er seine geladene Waffe in seinen Geschäftsräumen bei sich tragen! Die gilt ebenfalls für sein Haus/seine Wohnung und auch auf seinem befriedeten Besitztum. Es handelt sich dabei NICHT um das Führen einer Waffe. Das Führen ‚in der Öffentlichkeit‘ ist nur mit einem Waffenschein erlaubt!

Risiko, Schusswaffen und Waffenschein

Laut der Versicherungswirtschaft haben die Schmuck- und Uhrenbranche sowie die Pfandleihhäuser das höchste Risiko (VDS C, SG6) Opfer einer Straftat zu werden!
Nur noch sehr, sehr wenige Juweliere verfügen über einen Waffenschein. Trotz des höchsten Risikos werden für Juweliere keine neuen Waffenscheine erteilt, und auch die Verlängerungen von vorhandenen Waffenscheinen werden von den Behörden und Verwaltungsgerichten rigoros abgelehnt. Meist unter anderem mit der Begründung, dass das Risiko nicht (mehr) bestehen würde in der heutigen Zeit! Dann bleibt die Frage, wer hat denn nun Recht, die Versicherungswirtschaft oder die Verwaltungsgerichte?

Juweliere mit legalen Schusswaffen

Kein Juwelier ist oder wird gezwungen, eine Schusswaffe zu besitzen. Es ist eine individuelle Entscheidung, sich damit gegebenfalls verteidigen zu können und zu wollen, oder eben nicht. Ich als der Herausgeber des Juwelier-Warndienstes und als Juwelier kann beide Entscheidungen nachvollziehen!

Bedenken Sie aber immer das hohe Risiko eines Schusswaffeneinsatzes innerhalb ihrer Geschäftsräume. In der heutigen Zeit muss leider davon ausgegangen werden, dass die Täter echte (illegale) Waffen haben und diese auch nutzen.

Schauen Sie als Opfer eines Raubüberfalles in den Lauf einer Waffe, müssen Sie sich in Bruchteilen von Sekunden entscheiden, ob die Situation es erlaubt (Risiko, Gefährdung Dritter/Angestellter etc.), dass Sie Ihre Waffe ziehen und dann auch konsequent nutzen müssen!

Schutzmöglichkeiten

Es gibt keinen 100prozentigen Schutz, nicht Opfer einer Straftat zu werden! Es gibt aber Möglichkeiten und Lösungen, das Risiko erheblich zu mindern. Dies muss aber immer direkt vor Ort individuell ermittelt und mit der Versicherung und dem Juwelier besprochen werden.

Verhalten bei einem Raubüberfall

Jedes Unternehmen sollte Verhaltensregeln bei Straftaten (Raub, Diebstahl, Betrug, Einbruch) mit seinen Angestellten besprechen und üben! Nur damit ist es möglich, dass niemand falsch reagiert oder zu Schaden kommt. Professionelle Sicherheitsschulungen vor Ort für Inhaber und Angestellte sind sehr empfehlenswert, da dadurch zusätzlich auch externes Wissen in eine Schulung einfließt.”

Niemand hat die Täter gezwungen, den Juwelier zu überfallen. Sie haben es als ein vermeintlich leichtes Opfer ausgesucht. Die Täter haben den Tatort ausbaldowert und die verschlossene Eingangstür mit einem Trick überwunden. Bei der Einschätzung der Gegenwehr des ‚alten Ehepaares‘ haben sie sich verschätzt.“


Grundsätzliche Tipps zum Verhalten bei Raubüberfällen/Auszug aus unserem Sicherheitshandbuch:

  • Bleiben Sie ruhig und folgen Sie den Anweisungen der Räuber
  • Widersetzen Sie sich nicht
  • Die Waren sind versichert, Ihre Gesundheit nicht
  • Versuchen Sie nicht in Panik zu geraten
  • Je schneller Täter das Geschäft wieder verlassen haben, umso geringer ist die Gefahr einer Eskalation.
  • Schauen Sie den Tätern nicht direkt in die Augen bzw. starren Sie die Täter nicht an.
  • Versuchen Sie nicht, die Täter zu entwaffnen oder eine versteckte Waffe zu benutzen. Beachten Sie, dass ein Täter ggf. ohne zu zögern schießen wird.
  • Lösen Sie keinen akustischen Alarm aus solange sich Täter im Geschäft befinden.
  • Erwarten Sie, dass Sie nicht nur mit einer Waffe, sondern auch mit Worten bedroht bzw. angeschrien, ggf. auch gefesselt werden.
  • Gelegentlich werden die Opfer in fensterlose Büros oder Toiletten gesperrt
  • Versuchen Sie sich trotzdem Besonderheiten der Täter einzuprägen z.B. Sprache, geschätzte Größe, geschätztes Alter, Haarfarbe, Tätowierungen, Narben, Uhr, Schmuck etc.

Tags : KriminalitätMartin WinckelÜberfallWanrdienst
Antje Heepmann

The author Antje Heepmann

Nach dem Studium der Germanistik begann ich 1999 meine journalistische Laufbahn als Volontärin beim Branchenmagazin „U.J.S. Uhren Juwelen Schmuck ”. Bis 2018 blieb ich zunächst als Redakteurin und später als stellvertretende Chefredakteurin bei der U.J.S. und war für Themen- und Konzeptplanung, Recherche, Artikelerstellung und den digitalen Auftritt zuständig. 2018 wechselte ich zur Fachzeitschrift „GZ Goldschmiede Zeitung“. Seit Oktober 2019 bin ich Teil des internationalen Teams von WatchPro und betreue redaktionell den deutschsprachigen Auftritt des Magazins für die Uhrenbranche.

3 Comments

  1. Hallo!
    Ich möchte den Artikel wie folgt ergänzen: Eine 8echte) Notwehr und ein Schusswaffengebrauch, hängt nicht an einer WBK oder an einem Waffenschein. Der Mann hätte auch eine illegale Waffe benützen dürfen, weil man bei einer Notwehr alles benutzen darf, was schnelle Abhilfe verspricht. Natürlich wäre eine illegale Waffe ein Verstoß gegen das Waffengesetz, aber das würde in einem getrennten Verfahren beleuchtet. Auf die Notwehr selbst hat das keinen Einfluss. Das Gleiche gilt, wenn der Mann die Waffe nicht gepolstert am Mann getragen hätte (tatsächliche Ausübung der unmittelbaren Gewalt). Wenn die Waffe für andere nicht sichtbar und nicht zugänglich gewesen wäre, dann wäre das ein lässlicher Verstoß gegen das Waffengesetz, der aber ebenfalls nicht die Notwehr berührt. Man denke hier nicht nur an Juweliere, sondern auch an Waffengeschäfte. Ich gehe davon aus, dass in jedem Waffengeschäft eine solche Waffe bereitliegt.

    1. Automatische Rechtschreibkorrekturen sind manchmal etwas seltsam. Es muss natürlich geholstert und nicht gepolstert heißen. Sorry!

  2. Hier wird u.a. ausführlich juristisch erklärt was das “Führen” einer Schusswaffe ist und dass es sich in der eigenen Wohnung, den eigenen Geschäftsräumen und auf dem eigenen befriedeten Besitztum nicht um das “Führen” einer Waffe handelt!!
    https://german-rifle-association.de/erlaubnisfreies-fuehren-von-schusswaffen-nach-%C2%A7%C2%A7-12-abs-3-13-abs-6-waffg-ein-ueberblick-ueber-die-aktuelle-rechtslage-fuer-laien-und-juristen/

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